21.02.2012 · Der Schuldenschnitt für Griechenland ist beschlossen. Ein Gesetz, mit dem nicht-umtauschwillige Gläubiger herangezogen werden können, ist in Vorbereitung. Kleinanleger können aber noch hoffen.
Von Martin HockEs war ein langes Zittern, aber nun ist es geschafft. Das zweite Hilfspaket für Griechenland ist frei gegeben, das Land erhält bis zu 130 Milliarden Euro und soll damit bis 2014 zahlungsfähig bleiben.
Zudem wird die EU nur noch Zinsen verlangen in Höhe des Euribors plus eines Aufschlags von 1,5 Prozentpunkten. Einjährige Kredite kosten Griechenland daher aktuell nur noch 3,158 Prozent statt wie bisher 3,658 Prozent.
Mithelfen müssen dabei auch die privaten Gläubiger. Sie müssen wohl auf 53,5 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Dabei sollen sie für ihre Forderungen neue Anleihen griechische Staatsanleihen mit einem Nominalwert von 31,5 Prozent der Alt-Anleihen erhalten sowie zweijährige Anleihen des EFSF im Wert von 15 Prozent der Nominale. Zudem sollen die Anleger ein an die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts abhängiges Wertpapier mit gleichem Nominalwert wie die griechische Umtauschanleihe erhalten.
Neben institutionellen könnte es auch private Investoren treffen, ob sie wollen oder nicht. Das griechische Finanzministerium teilte am Dienstag mit, die Regierung werde dem Parlament in Kürze einen Gesetzentwurf vorlegen, wodurch eine gemeinsame Umschuldungsklauseln (Collective Action Clause) wirksam würde. Damit würde eine Mehrheit der Gläubiger entscheiden, wie hoch der Forderungsverzicht ausfällt. Eine Minderheit, die damit nicht einverstanden ist, muss sich in diesem Fall dem Votum beugen.
Damit soll zwar nur die erforderliche Höhe des Schuldenschnitts erreicht werden, um den Schuldenstand bis 2020 von derzeit etwa 160 Prozent auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung zu senken. Doch ob der beschlossene Schuldenschnitt dazu ausreicht wird, stark bezweifelt.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer etwa macht darauf aufmerksam, dass falls etwa der unterstellte Haushaltsüberschuss vor Zinszahlungen (Primärüberschuss) in Relation zum durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt der Jahre bis 2020 nur 0,5 Prozentpunkte niedriger ausfällt, der Schuldenstand 2020 125 Prozent betrüge. Wachse die Wirtschaft pro Jahr um 0,5 Prozentpunkte weniger als unterstellt, betrüge der Schuldenstand 127 Prozent. Insofern tun Privatanleger durchaus gut daran, sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, ebenfalls zum Schuldenschnitt herangezogen zu werden.
Der Internationale Bankenverband (IIF) bezeichnete dies als die bisher größte Umstrukturierung von Staatsschulden. Das bisher noch nie dagewesene Paket spiegele die außergewöhnlichen und einzigartigen Umstände des Falles Griechenland wider. Der Verband empfahl allen Investoren eine sorgfältige Prüfung des Angebots zum Umtausch alter Anleihen in neue.
Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) empfiehlt Privatanlegern, ihre Anleihen umzutauschen. Es bestehe das Risiko, dass die alten Papiere nicht mehr bedient würden. Inhaber argentinischer Anleihen wissen, wovon die Rede ist. Das südamerikanische Land bot drei Jahre nach der Pleite von 2001 schließlich an, Alt-Anleihen in wenig attraktive Papiere mit bruttoinlandsprodukts- oder inflationsabhängiger Verzinsung und Laufzeiten von bis zu 35 Jahren umzutauschen. Das kostete die Anleger zwei Drittel ihrer Forderungen.
Daher sollten Anleger im Umtauschfall auch bei den griechischen Anleihen das bruttoinlandsproduktsabhängige Wertpapier nur als eine Art Besserungsschein betrachten. Im Falle Argentiniens etwa erhalten Anleger nur eine Ausschüttung, wenn das tatsächliche Bruttoinlandsprodukt größer ist als das, welches bei Konstruktion des Wertpapiers unterstellt wurde. 5 Prozent der Differenz werden an die Inhaber des Wertpapiers ausgeschüttet - allerdinmgs auch nur bis zu einer Obergrenze.
Wer aber auf dieses Angebot nicht einging, ging noch länger leer aus. Argentinien unterbreitete kein besseres Angebot, bis heute ist die Umschuldung nicht abgeschlossen. Klagende Anleger erstritten so manches Urteil, Geld sahen sie meist nicht. Noch heute hoffen und klagen manche Anleger. Ob sie Aussicht auf Erfolg haben, ist ungewiss.
Ob Anleger im Falle Griechenland hohe Verluste erleiden werden, hängt davon ab, wie gut sich das Land von seiner Krise wird erholen können. Doch just daran bestehen derzeit erhebliche Zweifel. Schon eine Verschuldung im Jahr 2020 von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wäre immer noch eine gewaltige Last.
Krämer geht nicht davon aus, dass Griechenland die deutlich gesenkten Schulden langfristig ohne die Umsetzung tiefgreifender Reformen tragen kann. Volkswirte kritisieren vor allem die einseitige Ausrichtung auf Einsparungen im Staatshaushalt, die das Land in eine massive Depression gestürzt haben. „Das laufende Hilfsprogramm hat versagt“, sagt etwa Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg-Bank. Exzessive Sparmaßnahmen und fehlende Reformen, um die Nachfrage zu stärken, gepaart mit administrativer Inkompetenz und politischem Stillstand hätten die griechische Wirtschaft in eine „Todesspirale“ geführt.
Ifo-Chef Hans-Werner Sinn hält die Milliardenhilfen gar generell für falsch. Er sieht die Zukunft des Landes außerhalb des Währungsraums. Die Eurozone müsse Griechenland bei der Wiedereinführung der Drachme unterstützen. „Griechenland hat keine Möglichkeit, innerhalb des Euroraums wettbewerbsfähig zu werden. Es müsste seine Preise dazu um 31 Prozent senken, um auf das Niveau der Türkei zu kommen, aber das würde das Land an den Rand des Bürgerkriegs stoßen“, sagt Sinn. Die Turbulenzen einer Währungsumstellung hält er im Allgemeinen für beherrschbarer, die 130 Milliarden Euro sollten als Übergangshilfe gewährt werden, vor allem zur Rekapitalisierung der Banken.
Doch diese Ansicht ist umstritten. Griechenland benötigte einen vollständigen Schuldenerlass, wäre nicht mehr kapitalmarktfähig. Es fehlte weiter eine wettbewerbsfähige Industrie, die mangels Kapital nicht aufgebaut werden könnte. Die Drachme müsste bewirtschaftet werden, nötige Importe könnten nicht getätigt werden. Klaus Kaldemorgen, Fondsmanager der Deutsche-Bank-Tochter DWS, warnte bereits im Januar: „Wenn Griechenland zur Drachme zurückkehrt, wird statt VW wieder Eselskarren gefahren“. Das Land würde ärmer als Albanien - das müsse man den Griechen klipp und klar sagen. Andere Ökonomen fordern daher eine Art „Marshallplan“ zum Wiederaufbau des Landes.
Welchen der Wege Griechenland gehen wird, ist offen. Denn es fehlt zum einen offenkundig an der Reformfähigkeit. Die Staatsbürokratie scheint dazu gar nicht in der Lage. Die harten Sparmaßnahmen beschneiden zudem die Manövrierfähigkeit. Was Griechenland also außer Geld und einem Marshallplan bräuchte, wäre Expertenhilfe. Das aber scheint politisch erst recht nicht mehr durchsetzbar. Ein Zusammenbruch durch die Wiedereinführung der Drachme dürfte die Situation kaum verbessern. Damit befindet sich das Land in einem Zustand der Blockade.
Insofern ist Pessimismus durchaus nachvollziehbar. Krämer etwa sieht eine beträchtliche Wahrscheinlichkeit, dass in der zweiten Jahreshälfte, „eine frustrierte Staatengemeinschaft Griechenland den Geldhahn zudreht“.
Das Ausscheren aus der Eurozone brächte Griechenland zwar geldpolitische Handlungsfähigkeit, jedoch fehlen die Aussichten in der Weltwirtschaft eine bedeutende Rolle zu spielen. Argentiniens umstrittene Erfolge basieren zum Gutteil auf seiner starken Stellung als Exporteur von Agrargütern. Zudem ist fraglich, ob die verbesserte Handlungsfähigkeit nicht wieder den Reformdruck dämpft.
Das Thema Griechenland wird Anleger daher wohl noch länger verfolgen. Das vom griechischen Finanzministerium in Aussicht gestellte Gesetz hat immerhin einen Vorteil. Sollte ein freiwilliges Umtauschangebot kommen, könnten Kleinanleger zunächst einmal versuchen, dieses auszusitzen. Geben sich Griechenland und die EU zufrieden, so könnten sie sich damit auf das Trittbrett retten. Wird auf „Collective Action“ zurückgegriffen, sind sie immerhin beim Umtausch mit dabei und müssen sich nicht mit Klagen und toten Positionen im Depot plagen. Das ist zwar nur ein schwacher Trost, wäre aber immerhin ein klarer Schnitt.
Asoka Wöhrmann, DWS: „Wir kaufen griechische
Staatsanleihen“ FAZ 23.03.2010
Martin Enzinger (FlorianGeyer)
- 22.02.2012, 20:36 Uhr
Das habe ich auch gedacht, Herr Noll
Ulla Nachtmann (fatumath)
- 21.02.2012, 13:12 Uhr
Es stellt sich die Frage....
Ulrich Dinkelbach (Roxi1)
- 21.02.2012, 13:03 Uhr
Es bleibt zu hoffen, daß die Börse wenigstens dieses Mal
realistisch ist und bleibt
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 21.02.2012, 12:35 Uhr
Wenn dies die Meinung von Kaldemorgen ist, sollte ich meine DWS-Fonds
schleunigst verkaufen!
Rüdiger Noll (krn)
- 21.02.2012, 11:38 Uhr