31.01.2008 · Amerikas Währungshüter überfluten ihr Land mit billigem Geld. Die Aktienmärkte lässt das kalt. Der Dax reagiert am Donnerstag mit starken Verlusten - allzumal am Morgen ein amerikanischer Anleiheversicherer Verluste in Milliardenhöhe vermeldete.
Die amerikanische Notenbank hat die Forderungen der Finanzmärkte erfüllt: Sie senkte am Mittwoch den Leitzins für die Vereinigten Staaten wie erwartet um weitere 50 Basispunkte auf drei Prozent. Und sie ließ zudem die Tür für abermalige Zinsschritte nach unten offen, um eine Rezession in Amerika zu vermeiden. Wie die Federal Reserve (Fed) in Washington mitteilte, wird auch der Diskontsatz, zu dem sich die Banken bei der Fed über Nacht Geld besorgen können, im gleichen Umfang auf 3,5 Prozent gekappt.
An den Börsen sorgte die zweite Zinssenkung der Notenbank innerhalb von nur acht Tagen für ein kurzzeitiges Aufatmen. An der New Yorker Wall Street drehten die wichtigsten Indizes ins Plus, schlossen dann aber doch im Minus. An den Terminmärkten signalisierten die Futures eine weitere Zinssenkung Mitte März. Die Wahrscheinlichkeit einer Senkung um dann 25 Basispunkte auf 2,75 Prozent wurde mit 62 Prozent taxiert. Einen herben Dämpfer musste deshalb der Dollar hinnehmen. Er fiel zum Euro um rund einen Cent. Der Leitzins in den Vereinigten Staaten liegt nun 100 Basispunkte unter dem der Euro-Zone (4,0 Prozent). Dadurch werden Finanzanlagen im Dollar-Raum unattraktiver als in der Euro-Zone.
Deutscher Aktienmarkt startet deutlich im Minus
Auch der Dax ließ sich nach der erneuten Leitzinssenkung nicht inspirieren. Die deutschen Aktienindizes sind am Donnerstag mit leichten Verlusten in den Handel gestartet. Der Leitindex Dax verlor in den ersten Handelsminuten zunächst 0,02 Prozent auf 6874 Punkte. Für den MDax mittelgroßer Werte ging es um 0,04 Prozent auf 8708 Zähler nach unten. Der TecDax sank um 0,08 Prozent auf 790 Punkte. Doch im Laufe der ersten Handelsstunde sackten die Kurse weiter ab. Nach knapp einer Stunde notierte der Dax mehr als ein Prozent tiefer - unter 6800 Punkten.
Negativ wirkte vor allem, dass der amerikanische Anleihenversicherer MBIA für das vierte Quartal 2007 aufgrund von hohen Abschreibungen einen Nettoverlust von 2,3 Milliarden Dollar ausweist. Das rückt Abstufungen der Bonität durch die Rating-Agenturen in greifbare Nähe. Dann könnten auch Tausende von den Versicherern garantierte Städteanleihen an Wert verlieren. Selbst wenn die Kurse nur um wenige Prozent fallen würden, würden die Investoren - häufig Pensionskassen und Versicherer - viele Milliarden Dollar verlieren.
Diese Kettenreaktion könnte auf den gesamten Finanzmarkt ausstrahlen, zumal die Anleiheversicherer sich besonders bei ihren riskanteren Geschäften der handelbaren Kreditversicherungen bedient haben, der Credit Default Swaps. Eine Verunsicherung dieses ungleich größeren Marktes könnte die Risikoprämien für Unternehmenskredite weiter in die Höhe treiben.
Zins niedrig wie seit Juni 2005 nicht mehr
Der Zielsatz für Tagesgeld, den die Fed als Leitzins benutzt, liegt nun so niedrig wie seit Juni 2005 nicht mehr. Erst vergangene Woche hatten die Währungshüter den Leitzins überraschend um 0,75 Prozentpunkte verringert. Beide Schritte zusammen sind amerikanische Medien zufolge die stärkste Zinssenkung der Fed in einem solch kurzen Zeitraum seit Anfang der 80er Jahre.
Mit neun zu eins Stimmen fiel die Entscheidung des Offenmarktausschusses allerdings nicht einmütig. Zur Begründung für die neuerliche Zinssenkung hieß, die Risiken für eine weitere Abschwächung des Wachstums in den Vereinigten Staaten blieben wegen der Hypotheken- und Finanzkrise hoch.
Aussicht auf weitere Zinssenkungen
Die Märkte seien nach wie vor nennenswerten Belastungen ausgesetzt. Die Entscheidung solle das Wachstum stimulieren. Sinkende Zinsen verbilligen Kredite für Unternehmen und Haushalte und kurbeln so die Konjunktur in der Regel an. Die Fed stellte klar, dass sie im Bedarfsfall zu einer weiteren Lockerung der Geldpolitik bereit ist. “Der Ausschuss wird (...) zeitnah reagieren um Risiken entgegen zu treten.“
Amerikanische Analysten lobten den Schritt der Währungshüter um Fed-Chef Ben Bernanke: „Sie sind nicht im Panik-Modus. Sie schauen auf die Realwirtschaft, und was die braucht sind niedrigere Zinsen“, sagte Währungsstratege Ken Landon von JP Morgan Chase in New York. Jeff Kleintop, Stratege bei LPL Financial in Boston meinte: „Die Fed demonstriert, dass sie das Heft des Handelns wieder in der Hand hat. Sie versucht mit dem wichtigsten Hebel die Folgen der Immobilienkrise abzumildern. Es sieht so aus, dass Bernanke glaubt, mit dieser Aktion ist die Gefahr einer tiefen Rezession zumindest erst einmal vom Tisch.“
Kritik an der Aktion der Fed aus Europa
Deutsche Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter kritisierte dagegen die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank. „Die jüngsten Konjunkturdaten signalisieren keine Rezession in den Vereinigten Staaten“, sagte er der Berliner Zeitung (Donnerstag). Gerechtfertigt wären Zinssenkungen aus seiner Sicht nur, wenn “die Rezession da und die Inflation weg ist“, sagte Walter. Dies sei aber nicht der Fall. Die Zinssenkung der Fed sei riskant, denn sie habe große Nebenwirkungen. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde der Fed nicht schnell folgen, erwartet Walter. „Für die EZB werden Zinssenkungen erst gegen Ende dieses Jahres ein Thema.“
Der Zinsschritt der Fed war an den Börsen erwartet worden, nachdem die Notenbank vergangene Woche bereits überraschend eine außerplanmäßige Lockerung ihrer Geldpolitik beschlossen hatte. Sie hatte vorigen Dienstag den Leitzins ungewöhnlich stark um 75 Basispunkte auf 3,5 Prozent gesenkt. Den Schritt hatte sie mit düsteren Konjunkturaussichten für die Vereinigten Staaten begründet. Außerdem wollte die Fed nach dem Aktiencrash in Asien und Europa zu Beginn der vergangenen Woche den Märkten unter die Arme greifen.
Die Angst vor der Rezession bleibt
Wie stark die Krise mittlerweile die Konjunktur in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt, hatten bereits am Nachmittag veröffentlichte Konjunkturdaten gezeigt. Demnach wuchs das Bruttoinlandsprodukt in den Vereinigten Staaten im vierten Quartal nur noch mit einer Jahresrate von 0,6 Prozent nach 4,9 Prozent im Quartal zuvor. Der frühere Chef der Federal Reserve, Alan Greenspan, hält ein Abrutschen in die Rezession inzwischen für sehr wahrscheinlich. Er sagte in einem Zeitungsinterview, seiner Ansicht nach betrage das Risiko für eine Rezession mehr als 50 Prozent.
Die amerikanische Regierung will mit einem milliardenschweren Konjunkturprogramm gegensteuern. Auslöser der Wachstumsschwäche in den Vereinigten Staaten ist die weltweite Finanzkrise, die ausgehend vom amerikanischen Immobilienmarkt seit vergangenen Sommer die Welt in Atem hält.
Der Internationale Währungsfonds hatte am Dienstag seine Prognose zum amerikanische Wachstum für 2008 um 0,4 Punkte auf 1,5 Prozent zurückgekommen. Als Folge der Turbulenzen an den Finanzmärkten erwartet der IWF überdies ein schwächeres globales Wachstum von nur noch 4,1 Prozent. Zuvor war der Fonds von 4,4 ausgegangen.