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Geldpolitik Schöpfung aus dem Nichts: Wie das Geld in die Welt kommt

 ·  Die großen Notenbanken haben am Mittwoch weitere Maßnahmen angekündigt, um das globale Bankensystem mit Liquidität in Milliardenhöhe zu versorgen. Wofür benötigen die Geschäftsbanken das Geld? Woher kommt es? Und wird irgendjemand reicher, wenn die Notenbanken Milliardenbeträge bereitstellen?

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Geschäftsbanken und Sparkassen können selbst Geld schöpfen, das sogenannte Buchgeld. Das geschieht immer dann, wenn sie einem Kunden einen Kredit gewähren. Sie buchen dann in ihrer Bilanz auf der Aktivseite eine Kreditforderung gegenüber dem Kunden ein, beispielsweise 100 Millionen Euro; gleichzeitig schreiben sie dem Konto des Kunden - das auf der Passivseite der Bankbilanz geführt wird - 100 Millionen Euro gut. Der Kunde bucht spiegelbildlich: Auf seinem Konto hat er 100 Millionen Euro mehr, dafür aber auch auf der Passivseite seiner Bilanz eine Kreditverbindlichkeit von 100 Millionen Euro.

Der Kunde verfügt nun über ein Sichtguthaben, mit dem er den Kauf von Waren und Dienstleistungen zahlen kann. Auf den ersten Blick könnte man meinen, er sei damit reicher geworden. Doch dem ist nicht so. Denn er hat ja die Pflicht, den erhaltenen Kredit - seine Verbindlichkeit von 100 Millionen Euro - später zu tilgen und zudem fortlaufend Zinsen zu zahlen. Im Zwang zur Zinszahlung liegt ein starker Anreiz, mit dem Kredit produktiv umzugehen, so dass das eingesetzte Geld einen Ertrag abwirft. Die Geldschöpfung kann den Kreditnehmer und die Volkswirtschaft also durchaus reicher machen, allerdings nicht durch den Akt der Geldschöpfung selbst, sondern - angeregt durch den Zins - durch den produktiven Einsatz des Geldes und der mit ihm erstandenen Produktionsmittel.

Durch Geldschöpfung wird niemand reicher

Auch die Bank wird durch die Buchgeldschöpfung selbst nicht reicher, ihre Bilanz bleibt ja ausgeglichen. Einen Ertrag erwirtschaftet sie, wenn der Kunde seine Zinsen pünktlich zahlt und den Kredit vollständig tilgt. Von diesem Ertrag muss sie ihre laufenden sowie ihre Refinanzierungskosten bestreiten; wenn dann etwas übrigbleibt, ist das ihr Gewinn. Dieser Aussicht auf Gewinn steht freilich das Risiko gegenüber, dass ein Kunde seinen Kredit nicht zurückbezahlt.

Banken und Sparkassen dürfen und können nicht unbegrenzt Buchgeld schöpfen. Denn wäre dem so, könnte dies inflationär wirken. Vor allem zwei Faktoren begrenzen die Buchgeldschöpfung der Geschäftsbanken: zum einen ihre Pflicht, auf einem Konto bei der Zentralbank eine Mindestreserve zu unterhalten, zum anderen der Bedarf der Wirtschaft an Bargeld - das nur die Zentralbank drucken und in Umlauf bringen darf.

Was die Geldschöpfung begrenzt

Vereinfacht dargestellt, beträgt die Mindestreservepflicht 2 Prozent auf die im Vormonat bei der Bank unterhaltenen Kundenguthaben. Im Beispiel müsste die Bank also für das Kundenguthaben von 100 Millionen Euro bei der Zentralbank 2 Millionen Euro auf dem Konto halten. Die Bank kann dabei allerdings an einem Tag 1,5 Millionen Euro Mindestreserve halten, am nächsten Tag 3 Millionen. Am letzten Tag der Mindestreserveperiode muss sie aber das geforderte Soll von 2 Millionen Euro im Tagesdurchschnitt erreichen, sonst setzt es Strafen. Aus den Mindestreservepflichten der einzelnen Banken ergibt sich ein Gesamtsoll; es ist eine wichtige Komponente des laufenden Bedarfs des Bankensystems insgesamt an Liquidität, genauer: an Zentralbankgeld oder Guthaben bei der Zentralbank.

Die zweite wichtige Komponente des Liquiditätsbedarfs der Geschäftsbanken ergibt sich daraus, dass die Geschäftsbanken stets einen Bestand an Bargeld vorhalten müssen, um den Bargeldbedarf ihrer Kunden zu decken, die sich ihre Sichtguthaben jederzeit in bar auszahlen lassen können. Schöpfen die Geschäftsbanken über Kreditgewährung zusätzliches Buchgeld, wird davon erfahrungsgemäß ein bestimmter Prozentsatz in bar abgehoben. Das Bankensystem insgesamt kann sich zusätzliches Bargeld aber nur bei der Zentralbank beschaffen. Die Zentralbank kann damit die Buchgeldschöpfung und Kreditgewährung indirekt kontrollieren.

Wie die Zentralbank Geld schöpft

Wie nun kann sich eine Geschäftsbank Liquidität bei der Zentralbank beschaffen? Vor allem darüber, dass die Zentralbank der Geschäftsbank einen Kredit gewährt - und dadurch Zentralbankgeld schöpft. Ähnlich wie bei der Buchgeldschöpfung der privaten Banken wird dadurch niemand reicher: Die Zentralbank verbucht den gewährten Kredit auf der Aktivseite ihrer Bilanz, das Guthaben, das sie der Geschäftsbank in entsprechender Höhe gewährt, auf der Passivseite. Spiegelbildlich hat die Geschäftsbank auf der Aktivseite ihrer Bilanz nun ein Guthaben in Zentralbankgeld, auf der Passivseite eine Kreditverbindlichkeit. Auch die Geschäftsbank muss für den ihr gewährten Kredit einen Zins zahlen; er trägt zu einem etwaigen Gewinn der Zentralbank bei, der wiederum dem Staatshaushalt und damit den Bürgern zufließt. Zentralbankgeld wird auch geschaffen, wenn die Zentralbank einer Geschäftsbank etwas abkauft, zum Beispiel Gold oder fremde Währungen; die Geschäftsbank erhält dann den vereinbarten Betrag auf ihrem Konto bei der Zentralbank gutgeschrieben.

Technisch wird die Kreditgewährung der Zentralbank an die Geschäftsbanken hauptsächlich über wöchentliche Refinanzierungsgeschäfte abgewickelt. Dabei bieten die Geschäftsbanken in einer Auktion mit verdeckten Offerten um Zentralbankgeld; diejenigen Gebote mit den höchsten Zinsen werden als Erste bedient. Die Geschäftsbanken müssen die gewährten Kredite durch Hinterlegung von Wertpapieren besichern. Die Zentralbank entscheidet, wie viel Liquidität sie insgesamt zuteilt. Die Höhe dieser Zuteilung richtet sich zum einen nach dem Liquiditätsbedarf, der sich aus dem Gesamtsoll der Mindestreserve ergibt, zum anderen nach dem Bargeldbedarf, ferner einigen anderen Faktoren. Haben die Geschäftsbanken Liquidität ersteigert und als Guthaben auf ihrem Konto gutgeschrieben bekommen, können sie sich dieses in Bargeld auszahlen lassen und anschließend über ihre Filialen an ihre Kunden auszahlen. So kommt das Bargeld in Umlauf. Nur die Zentralbank darf die Banknoten drucken lassen und ausgeben.

Weshalb der Geldmarkt derzeit gestört ist

Normalerweise entspricht die gesamte Liquidität, die die Zentralbank bei den Refinanzierungsgeschäften in Form von einwöchigen Krediten versteigert, ziemlich genau dem Gesamtbedarf des Bankensystems. Die Banken verteilen diese Liquidität dann nach ihren täglich wechselnden Bedürfnissen über den "Geldhandel" am Geldmarkt untereinander, wobei auch die Abwicklung des Zahlungsverkehrs eine wichtige Rolle spielt. Derzeit stockt dieser Verteilungsmechanismus, weil viele Banken wegen der allgemeinen Unsicherheit Liquidität auf ihrem Konto bei der Zentralbank horten.

Diese Liquiditätsverknappung hat zu einem Anstieg der Zinsen am Geldmarkt geführt, der zusehends zu einer Belastung für das Wirtschaftswachstum wird (F.A.Z. vom 12. Dezember). Die Zentralbanken stellen deshalb über zusätzliche Refinanzierungsgeschäfte für begrenzte Zeit - oft nur eine Woche - zusätzliche Liquidität zur Verfügung. Die Banken müssen für diese Extraliquidität an die Zentralbank Zinsen zahlen. Dies wird dem Notenbankgewinn und damit letztlich den Bürgern zugutekommen.

Weil viele Banken seit Ausbruch der Vertrauenskrise Geld bei der Zentralbank horten, benötigt das Gesamtsystem der Banken zusätzliche Liquidität. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat diesen Bedarf seit Sommer teils über eine überreichliche Zuteilung bei turnusmäßigen Refinanzierungsgeschäften in den Markt geschleust, teils über zusätzliche Refi-Geschäfte. Diese Geschäfte haben eine Laufzeit von höchstens drei Monaten, zudem müssen die Geschäftsbanken für diese Kredite vergleichsweise hohe Zinsen zahlen. Sie zielen deshalb vornehmlich darauf, die Spannung am Geldmarkt zu beheben - und damit indirekt auch die Belastungen für das Wirtschaftswachstum.

Demgegenüber zielt eine Leitzinssenkung darauf, die Wirtschaft zu beleben, die Banken kostenmäßig zu entlasten und die Aktienmärkte zu stimulieren. Pferdefuß solch einer „Krisenmedizin“ kann freilich sein, dass die konjunkturelle Belebung den Preisauftrieb anheizt, ferner den Risikoappetit und die Kreditaufnahme anregt - und damit den „Teufel mit dem Beelzebub“ austreibt. Die EZB hat deshalb bislang auf eine Senkung ihres Leitzinses verzichtet. Unausgesprochen hat die amerikanische Notenbank Fed eine ähnliche Strategie eingeschlagen: Zwar hat sie am Dienstag ihren Leitzins gesenkt, aber weniger als von den Märkten erhofft. Einen Tag später folgte sie im Gleichschritt mit anderen Notenbanken mit Maßnahmen, die allein auf eine Behebung der Spannung am Geldmarkt zielen. Unter anderem wird die Fed über eine neue „Term Auction Facility“ zusätzliche Liquidität bereitstellen.

An diesem „Schalter“ können neben den Banken andere Marktteilnehmer Kredite aufnehmen. Um dies zu erleichtern, wird die Fed auch die ins Gerede gekommenen Immobilien-Wertpapiere als Sicherheit akzeptieren. Demgegenüber bleibt die EZB dabei, nur die seit langem bekannten Wertpapiere, die bestimmten Bonitätsansprüchen genügen, als Pfand anzunehmen. Als zusätzliche Maßnahme werden die Geschäftsbanken bei der EZB über zwei Auktionen auch Dollar-Kredite aufnehmen können. Wie üblich, müssen sie dabei Wertpapiere als Pfand hinterlegen. Bei diesen Dollar-Geschäften muss der Nominalbetrag der Wertpapiere den Kreditbetrag aber um 17 Prozent übersteigen. Die EZB sichert sich durch diese „Extramarge“ gegen eine ungünstige Entwicklung des Euro-Dollar-Kurses ab.

Quelle: F.A.Z., 14.12.2007, Nr. 291 / Seite 23
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