23.06.2004 · Immer mehr Volkswirte rechnen noch 2004 mit einer Zinserhöhung in Europa. Einer Umfrage zufolge schließt eine steigende Inflation und eine anspringende Konjunktur die Möglichkeit einer Senkung inzwischen so gut wie aus.
Immer mehr Volkswirte rechnen mit einer Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) noch in diesem Jahr. Ein solcher Schritt wird allerdings frühestens für den Herbst erwartet, wie aus der am Mittwoch veröffentlichten Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters hervorgeht.
„Die Inflation ist wegen der hohen Ölpreise und des stärker als erwarteten Wachstums im ersten Quartal 2004 deutlich höher als wir prognostiziert haben", sagte Volkswirtin Susana Garcia Cervero von der Deutschen Bank in London. „Das alles zusammen bedeutet, daß eine Zinssenkung im Moment so gut wie unmöglich ist.“
Gerade die Teuerung könnte die EZB früher als erwartet zu Zinserhöhungen veranlassen. An den Märkten wird befürchtet, daß davon hemmende Impulse für die Konjunktur ausgehen könnten. Bundesbankpräsident Axel Weber bekräftigte am Mittwoch jedoch die derzeit neutrale geldpolitische Haltung der EZB.
60 von 64 Volkswirten erwarten als nächsten Schritt eine Zinserhöhung
65 von 66 zwischen dem 21. und 23. Juni befragten Analysten sagten für die kommende EZB-Ratssitzung am 1. Juli voraus, daß die Notenbank den Schlüsselzins von derzeit 2,00 Prozent unverändert lassen wird. Lediglich einer prognostizierte eine Senkung um einen halben Prozentpunkt. 60 von 64 Volkswirten erwarten als nächsten Schritt eine Zinserhöhung, lediglich vier rechnen mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik. Bei einer vorherigen Befragung hatten noch sechs von 60 Experten sinkende Zinsen erwartet.
17 Volkswirte rechnen nunmehr mit einer Zinserhöhung im dritten Quartal dieses Jahres, zwölf davon erwarten dies im Dezember. Eine Mehrheit von 30 Experten geht allerdings weiter davon aus, daß die Geldpolitik in der Euro-Zone erst im ersten Halbjahr 2005 gestrafft wird. „Wir sehen zu Beginn des kommenden Jahres den ersten Schritt nach oben, obwohl auch einige Gründe dafür sprechen, daß dies vorher geschieht", sagte Stine Madsen von Informa Global Markets in London.
Dazu zählten ein stärkeres Wirtschaftswachstum, ein verbesserter Gesamtausblick sowie die gestiegenen Inflationserwartungen. Verglichen mit früheren Prognosen hat sich nach Einschätzung von Ken Wattret von BNP Paribas in London vor allem der Inflationsausblick verändert. Daher rechne seine Bank nun mit einer Zinserhöhung schon im Dezember und nicht mehr im zweiten Quartal 2005. Ein kräftiger Anstieg der Kraftstoffpreise hat die Inflationsrate in der Euro-Zone im Mai auf 2,5 Prozent nach oben getrieben. Die EZB strebt mittelfristig Raten von etwas unter 2,0 Prozent an.