05.03.2009 · Die Bank of England hat ihr geldpolitisches Paradigma nun endgültig geändert. Der Leitzins ist bedeutungslos, stattdessen kauft sie Anleihen an - jetzt auch Staatsanleihen, die hohe Kursaufschläge verzeichnen. Anleger spekulieren darauf, dass die EZB folgt.
Von Martin HockZinssenkungen bieten derzeit keine Überraschungen mehr und noch weniger Impulse. Längst hat sich eine neue Ära im Kapitalismus angekündigt, in der quantitative Methoden als Mittel der Kapitalmarktsteuerung die Zinspolitik ersetzen.
Dementsprechend gehen Impulse für den Rentenmarkt vor allem von den Wendungen der Zentralbanken in ihren geldpolitischen Paradigmata aus. Um 275 Basis- oder 2,75 Prozentpunkte ist der Kurs des Terminkontrakts auf die zehnjährigen britischen Staatsanleihen, der Long Gilt Future am Donnerstag nach den geldpolitischen Verlautbarungen der Bank of England nach oben geschossen.
Auch der Bund-Future, der Terminkontrakt auf die langlaufenden deutschen Staatsanleihen verzeichnet mit einem Plus von 122 Basispunkten hohe Aufschläge. „Der Markt spekuliert darauf, dass es so etwas auch für die Eurozone geben könnte“, sagt Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus.
Wir kaufen alles
Hintergrund dürfte dabei wahrhaftig weniger die abermalige Senkung des Leitzinses auf nunmehr 0,5 Prozent gewesen sein, sondern vor allem das Einschwenken der Notenbank auf eine Politik der sogenannten quantitativen Lockerung. Sie tut dies als erste europäische Notenbank überhaupt.
Künftig will die Bank of England im Rahmen eines Gesamtprogramms im Volumen von 75 Milliarden Pfund (82,5 Milliarden Euro) Anleihen ankaufen. Sie weitet damit aber eigentlich nur das Programm aus, dass sie Mitte Februar gestartet hatte und in dessen Rahmen sie Unternehmensanleihen, Commercial Papers und andere Papiere in einem Volumen von bis zu 50 Milliarden Pfund anzukaufen beabsichtigte.
Neu ist, dass sie nunmehr den Banken in den kommenden drei Monaten auch mittel- und langlaufende britische Staatsanleihen mit einer Laufzeit von mehr als 8 Jahren abkaufen will. Die Absicht ist offenbar, die Banken dazu zu bewegen, nicht weiter Liquidität in Staatsanleihen zu parken. Dafür spricht auch, dass die Bank of England den Zins, den sie auf Bankreserven zahlt, um auf 0,5 Prozent halbiert hat.
Pfund-Anleihen werden interessant
Getrieben wird die Zentralbank dabei von der Sorge, dass die Inflation im zweiten Halbjahr unter die Zielmarke von 2 Prozent sinken könnte, nachdem die wirtschaftliche Aktivität im vierten Quartal deutlich nachließ. Vor allem fürchtet sie aber ein Verharren der Preissteigerungsrate auf diesem Niveau und ein Abgleiten in die Deflation.
Unter diesen Umständen sind weder die Aufschläge auf die Gilts, noch auf die in Pfund denominierter Unternehmensanleihen verwunderlich, die ihren stärksten Kursanstieg seit über einem Jahrzehnt verzeichneten.
Damit scheinen sich für Anleger damit Anlagealternativen zu eröffnen (vgl. auch Interessante Wette auf die Erholung des Pfunds). Entscheidend für den Erfolg des Programms ist, ob es der Bank of England gelingt, die Kreditvergabe anzukurbeln. Je besser dies funktioniert, um so geringer sind die Renditechancen für Anleihen in britischen Pfund. Erreicht das Programm dagegen sein Ziel nicht, so ist nicht unwahrscheinlich, dass das Programm ausgeweitet wird. Finanzminister Alistair Darling hat der Zentralbank einen Verfügungsrahmen von 150 Milliarden Pfund für entsprechende Geschäfte eingeräumt.
Commerzbank-Analyst Peter Dixon gibt sich hinsichtlich der Erfolgsaussichten zurückhaltend. lege man die japanischen Erfahrungen zugrunde, so seien die Impulse einer Politik der quantitativen Lockerung begrenzt, auch wenn die raschere Reaktion der Bank of England die Hoffnung wecke, dass sich die Wirtschaftssubjekte noch nicht an Liquiditätsengpässe gewöhnt hätten.
Zudem sei die Frage ungeklärt, ob der Bankensektor überhaupt in der Verfassung sei, Kredite weiterzureichen. Viele Pfeile habe die Geldpolitik im übrigen nicht mehr im Köcher, auch wenn die Aufblähung der Geldmenge derzeit nicht auf Kurs zu neuen Rekorden liege.
Politikänderung der EZB scheint nicht ausgeschlossen
Interessanter ist die Frage, ob die EZB mit Verzögerung der Bank of England in ihrem Paradigmenwechsel folgen wird. Bislang bleibt sie ihrer Linie der stufenweisen Zinsänderungen treu und senkte den Leitzins am Donnerstag abermals um lediglich um 50 Basispunkte auf 1,5 Prozent.
Geht man von den pessimistischen Konjunkturprognosen aus, wonach die Wirtschaft des Euroraums im kommenden Jahr stagnieren wird, nachdem im Dezember noch ein Wachstum von 1 Prozent erwartet wurde, so erscheint das Szenario zumindest nicht unmöglich.
In diesem Jahr geht die EZB zudem von einer viel stärkeren Rezession aus als bislang angenommen. Die Wirtschaftsleistung werde um 2,7 Prozent einbrechen. Im Dezember war noch ein Minus von 0,5 Prozent vorausgesagt worden. Obendrein geht die Inflation weiter zurück. Die EZB rechnet für 2009 mit einer durchschnittlichen Teuerungsrate von 0,4 (bisher: 1,4) Prozent. Diese werde 2010 nur leicht auf 1,0 (bisher: 1,8) Prozent zulegen.
Die Aussagen der EZB zu diesem Thema erscheinen ambivalent. Auf der einen Seite sprach sich EZB-Präsident Jean-Claude Trichet insofern gegen eine Nullzinspolitik nach dem Muster der Vereinigten Staaten oder Japans aus, als er feststellte, dass der EZB-Rat mehr Nachteile als Vorteile in einer Nullzinspolitik sehe.
Auf der anderen Seite schloss Trichet einen Paradigmenwechsel zu einer Geldpolitik der quantitativen Lockerung nicht völlig aus. Diverse Optionen würden geprüft, sagte der Zentralbankchef, ohne Details zu nennen.
Solange sich die Prognosen für Preisänderungsrate und Wirtschaftswachstum weiter verschlechtern, solange besteht die Möglichkeit, dass auch die EZB zu einer Politik der quantitativen Lockerung greifen wird. Insofern ist die Spekulation nicht unberechtigt. Erholt sich die Wirtschaft jedoch, wie von vielen Beobachtern und der Politik immer wieder prophezeit - möglicherweise aber auch nur erhofft - so könnte dieser Nachfrageimpuls ausfallen.