Nach den zuletzt schlechten Arbeitsmarktdaten erwarten amerikanische Bankvolkswirte, dass die Zentralbank Federal Reserve (Fed) an diesem Donnerstag die Geldpolitik weiter lockern wird. Ein weiterer Ankauf von Staatsanleihen oder Hypothekenpapieren gilt als wahrscheinlich. Für die Federal Reserve wäre das ein Doppelschlag, denn zugleich gilt eine Verlängerung der zinspolitischen Leitlinien zur faktischen Nullzinspolitik als so gut wie sicher.
In diesen Leitlinien sichert die Fed seit Jahresbeginn zu, den Leitzins voraussichtlich bis spätestens Jahresende 2014 bei null bis 0,25 Prozent zu halten. Erwartet wird, dass die Fed zusichert, diese bedingte Nullzinszusage bis mindestens Mitte 2015 zu verlängern. Goldman Sachs halten es überdies für möglich, dass die Politik an die sogenannte „7/3-Regel“ gebunden wird: Keine Zinserhöhungen, solange die Arbeitslosigkeit nicht 7 Prozent unter- und die Inflation 3 Prozent überschreitet.
Der Arbeitsmarktbericht hatte am Freitag für August nur einen mageren Stellenzuwachs in den Vereinigten Staaten von 96.000 gezeigt. Die Arbeitslosenquote fiel zwar von 8,3 auf 8,1 Prozent. Dieser Rückgang ist aber überwiegend darin begründet, dass sich viele Arbeitslose vom Arbeitsmarkt zurückzogen und die Zahl der Erwerbspersonen schrumpfte.
Der wirtschaftliche Nutzen ist umstritten
Seit Januar verharrt die Arbeitslosenquote zwischen 8,1 und 8,3 Prozent. Der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke hatte Ende August in Jackson Hole gesagt, dass die Fed mit den ersten Runden der quantitativen Lockerung („QE“) wohl zur Schaffung von mehr als 2 Millionen neuen Stellen beigetragen habe.
Der wirtschaftliche Nutzen eines neuen Ankaufprogramms von Staatsanleihen ist im Offenmarktausschuss und unter Volkswirten umstritten. Von Seiten der Republikaner wird die amerikanische Zentralbank angegriffen. „Mit all den Lockerungen versucht die Fed nur, die Fiskalpolitik herauszupauken“, sagte Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan. „Die Kosten überwiegen den Nutzen eindeutig.“
Die schlechte Entwicklung am Arbeitsmarkt hat indes bei vielen Bankvolkswirten die Erwartungen über die Geldpolitik der Fed verändert. Die Ökonomen von Goldman Sachs etwa sehen eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent, dass die Fed schon am Donnerstag weitere Anleihenkäufe beginnt. Zuvor hatten sie eine quantitative Lockerung der Fed erst nach der Präsidentschaftswahl zur Jahreswende prognostiziert.
Eine aktuelle Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters unter 59 Bankvolkswirten zeigte eine Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent, dass die Fed schon diese Woche eine weitere Ankaufrunde startet. Eine analoge Umfrage am 24. August hatte nur eine Wahrscheinlichkeit von 45 Prozent ergeben.
Der Offenmarktauschuss der Federal Reserve hat seine zweitägigen Beratungen am Mittwoch begonnen. Bernanke wird die Beschlüsse am Donnerstag in einer Pressekonferenz erläutern. Zugleich wird die Fed dann aktualisierte Wachstums- und Inflationserwartungen der Mitglieder des Offenmarktausschusses vorlegen. Viele Banken prognostizieren ein Wachstum von etwas mehr als 2 Prozent in diesem und im kommenden Jahr. Das wäre zu wenig, um die Arbeitslosenquote deutlich zu drücken.
Die Bankvolkswirte rätseln noch, welche Anleihen die Fed in einer neuen Runde der quantitativen Lockerung kaufen würde. In Jackson Hole hatte Bernanke nur von amerikanischen Staatsanleihen (Treasuries) gesprochen. Harm Bandholz, Amerika-Volkswirt von Unicredit, folgert, dass die Fed sich wohl auf Treasuries beschränken werde. Goldman Sachs und die Rabobank dagegen erwarten den Ankauf vorwiegend von hypothekenbesicherten Wertpapieren.
Ähnlich wie die Europäische Zentralbank, die mit ihrem Ankaufprogramm einzelne Eurostaaten stützt, würde die Fed mit dem Kauf von Hypothekenpapieren in die Wirtschaftsstruktur eingreifen und dem Hausmarkt unter die Arme greifen - wie in der ersten Runde der quantitativen Lockerung. Von Herbst 2008 bis März 2010 hatte sie für 1,25 Billionen Dollar hypothekenbesicherte Wertpapiere, für 175 Milliarden Dollar Schuldverschreibungen der Hausfinanzierer und für 300 Milliarden Dollar Staatsanleihen gekauft.
Die Fristen der neuen Kaufprogramme sind unklar
Unklar ist ferner, ob die Fed ein neues Kaufprogramm befristen wird. Im Offenmarktausschuss hatten bei der Sitzung Anfang August viele Mitglieder für große Flexibilität eines neuen Ankaufprogramms plädiert. Goldman Sachs erwartet, dass die Fed unbefristet ankündigen wird, monatlich für rund 50 Milliarden Dollar Anleihen zu kaufen. Das Ende wäre abhängig vom Stand der wirtschaftlichen Erholung. Bandholz hält es indes für wahrscheinlicher, dass die Fed einen Ankauf von 500 Milliarden Dollar über sechs Monate zusagt.
Solche quantitativen Vorgaben entsprächen den ersten beiden Runden der quantitativen Lockerung. In der „QE2“-Runde von November 2010 bis Juni 2011 kaufte die Zentralbank Staatsanleihen für 600 Milliarden Dollar. Seit September 2011, befristet bis Dezember 2012, müht die Fed sich, die Laufzeit der von ihr gehaltenen Staatsanleihen durch Umschichtungen zu verlängern, um so den langfristigen Zins weiter zu drücken. Damit wird die Bilanz nicht ausgeweitet. Dieses „Operation Twist“ genannte Programm dürfte beendet werden, sollte die Fed sich für eine neue Ankaufrunde entscheiden.
stimmt hier alles?
Jürgen M. Backhaus (dijmb)
- 13.09.2012, 10:39 Uhr