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Veröffentlicht: 17.12.2012, 17:00 Uhr

Geldpolitik Das Gespenst der negativen Leitzinsen

Weil sich der Wirtschaftsausblick für die Währungsunion deutlich verschlechtert hat, glauben einige Analysten, dass die EZB den Einlagenzins unter null Prozent drücken könnte. Doch Ökonomen warnen vor diesem Schritt.

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© REUTERS Derzeit parken die Banken rund 235 Milliarden Euro ohne Zins bei der Europäischen Zentralbank.

Unter Finanzexperten geht ein Gespenst um: negative Leitzinsen. Weil sich der Wirtschaftsausblick der Europäischen Zentralbank für die geschundene Währungsunion deutlich verschlechtert hat, erwarten viele Volkswirte, dass im kommenden Jahr die Leitzinsen gesenkt werden. Einige Bankanalysten halten es für möglich, dass die EZB nicht nur den Hauptrefinanzierungssatz von derzeit 0,75 Prozent senkt, sondern auch den Einlagenzinssatz, der schon bei 0 Prozent liegt. Der Europa-Chefvolkswirt der Citigroup etwa erwartet, dass der Einlagenzins Mitte 2013 auf minus 0,25 Prozent gedrückt wird. Das hieße, dass Banken, die bei der EZB überschüssiges Geld parken, dafür einen Strafzins zahlen müssen.

Philip Plickert Folgen:

Derzeit liegen in der EZB-Einlagenfazilität gut 235 Milliarden Euro. Im Frühjahr, als das Misstrauen der Banken untereinander extrem hoch war, sie sich gegenseitig kaum noch Geld liehen und aus Vorsicht lieber Liquidität horteten, waren in der Einlagenfazilität der EZB in der Spitze mehr als 800 Milliarden Euro. Ein Grund dafür war, dass sich die Banken mit den Dreijahrestender der EZB („Dicke Bertha“) eine Billion Euro geliehen hatten, aber trotzdem ihr Kreditgeschäft nicht ausweiteten. Seit Juli liegt der Einlagenzins bei 0 Prozent. Die EZB könnte nun versucht sein, den Interbankenmarkt und das Kreditgeschäft dadurch anzuschieben, dass sie die Einlagenfazilität noch unattraktiver macht.

„Die EZB würde vor allem die schwachen Banken strafen“

Auf der jüngsten Pressekonferenz sagte EZB-Präsident Mario Draghi, die Zentralbank sei „operationell bereit“ zu negativen Zinsen für Übernachteinlagen. Man habe im geldpolitischen Rat schon darüber diskutiert. Viele Volkswirte warnen aber vor diesem Schritt. „Das wäre ein schwerwiegender Fehler, der die Banken schädigen würde und die eine oder andere Bank veranlassen könnte, übermäßige Anlagerisiken einzugehen“, sagt der Geldpolitik-Experte Manfred Neumann von der Universität Bonn. Er sieht als Problem, dass die Banken inzwischen ungewollt - aus heutiger Sicht - auf zu viel Zentralbankgeld säßen. Die Banken hätten zu wenig Spielraum, ihre Depositen zu verringern, weil sich das Refinanzierungsvolumen nicht ohne weiteres zurückfahren lasse. „Draghi hat mit seinen dreijährigen Jumbo-Tendern leider die zuvor gegebene Elastizität des Refinanzierungsgeschäfts schwer beschädigt“, sagte Neumann.

Infografik / Hauptrefinanzierungssatz und Einlagenfazilität im Euroraum Entwicklung seit 2007 © F.A.Z. Bilderstrecke 

Auch der keynesianische Makroökonom Peter Bofinger rät der EZB davon ab, den Einlagenzins unter null zu drücken. „Sie würde damit vor allem die schwachen Banken strafen, die aus Vorsicht oder Verzweiflung besonders viel Geld von der Zentralbank geliehen haben, weil sie fürchteten, sich nicht ausreichend am Markt refinanzieren zu können.“ Schon bei den derzeitigen Leitzinsen zahlten sie 0,75 Prozent auf das Zentralbankgeld, ohne es zu nutzen. Würde die EZB nun den Einlagenzins unter null senken, „dann würde sie sich an der Notlage bereichern“, sagt Bofinger. Wenn etwa deutsche Banken aus Misstrauen kein Geld nach Südeuropa verliehen, dann würde sie auch ein kleiner Strafzins bei der EZB nicht dazu bringen. Er rät der Zentralbank eher dazu, die Geldpolitik weiter zu lockern und den Hauptrefinanzierungssatz zu senken. Europa sei zwar noch in keiner Deflation, aber es stehe „am Rande einer Deflation“, sagte Bofinger mit Blick auf die Lohnkürzungen in vielen Krisenländern.

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