10.11.2011 · Immer mehr Länder ächzen unter der Schuldenlast. Für manche hat das Zinsniveau ein tödliches Niveau erreicht. Wohin kann der Anleger sein Geld stecken? Die F.A.Z. gibt einen interaktiven Überblick.
Von Dyrk ScherffEigentlich geht es den Europäern bei all der Retterei gar nicht um Griechenland. Das Land ist pleite, das ist klar. Es geht darum, zu vermeiden, dass die Märkte Italien und Spanien kein Geld mehr zu erträglichen Zinsen geben. Denn diese Länder könnte der Rettungsfonds nur unter enormen Spannungen stützen, der Euro wäre ernsthaft in Gefahr.
Der Indikator, wie groß dieses Risiko ist, ist die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen. Sind die Märkte misstrauisch, wollen sie für ihr Risiko besser entlohnt werden, die Rendite steigt. In dieser Woche ist das vor allem bei Italien passiert. Die Rendite der Staatsanleihe kletterte am Mittwoch bis auf 7,2 Prozent.
Ab welchem Zinsniveau die Länder die Zinslast nicht mehr tragen können, bemisst sich aber nicht nur an den zehnjährigen Staatsanleihen. Entscheidend ist dafür die durchschnittliche Verzinsung der Staatsschuld. Die besteht auch aus Papieren mit kurzer Laufzeit von ein oder zwei Jahren, deren Zinsen niedriger sind.
So liegt zum Beispiel die durchschnittliche Laufzeit der italienischen Schulden bei etwa sieben Jahren. Daher ist der durchschnittliche Zinssatz, den Rom bezahlen muss, unter der Rendite von zehnjährigen Papieren, nämlich bei derzeit etwa vier Prozent.
Das liegt auch daran, dass im aktuellen Schuldenportfolio noch viele alte Anleihen enthalten sind, die vor einigen Jahren zu niedrigen Zinsen begeben wurden. Die Länder müssen ja jedes Jahr nur einen Teil ihrer Schulden refinanzieren - zu jetzt höheren Zinsen. Wenn die Situation so bleibt, wird es kritisch.
Ab wann genau das Zinsniveau gefährlich ist, hat der bekannte Vermögensverwalter Flossbach von Storch in einer Simulation ermittelt. Seine Berechnung basiert auf historischen Vergleichswerten, nach denen ein Teil der Staatsschuld in den kommenden zehn Jahren nicht mehr voll bedient werden kann, wenn der Anteil der Zinsausgaben an den Steuereinnahmen 30 Prozent übersteigt.
Das wäre im Falle Italiens derzeit bei einem durchschnittlichen Zinssatz der gesamten Staatsschuld von etwa sieben Prozent erreicht, hier beginnt die Gefahrenzone. Angenommen wird die aktuelle Staatsverschuldung und Steuerquote, denn über höhere Steuereinnahmen könnte die kritische Schwelle gesenkt werden.
Allerdings kann die Steuerschraube nicht beliebig angezogen werden. Wäre die Gefahrenzone bei sieben Prozent erreicht, wäre Italien nicht gleich pleite. Aber die Märkte würden die baldige Insolvenz annehmen und mehr Rendite verlangen, sie stiege weiter.
Bei rund neun Prozent würde Italien die Last nicht mehr stemmen können (siehe Interaktiv). Flossbach von Storch nennt das den "Todeszins". Hier überschreitet der Anteil der Zinsausgaben an den Staatseinnahmen 40 Prozent. Dann liegt die Wahrscheinlichkeit über 50 Prozent, dass die Schulden schon in den kommenden fünf Jahren nicht mehr voll bedient werden können.
"In den vergangenen Jahrzehnten hat kein Land lange in der Gefahrenzone verharren oder sie sogar wieder verlassen können, ohne seine nationale Währung drastisch abzuwerten", sagt Philipp Vorndran, der Kapitalmarktstratege von Flossbach von Storch. "Denn die Renditen steigen dann schnell an." Weil die Märkte immer besorgter werden. Eine Abwertung ist aber nicht möglich, weil Italien durch den Euro keine eigene Währung hat.
Nach diesen Berechnungen wäre Griechenland erst bei einem Durchschnittszins von nur noch 3,8 Prozent außerhalb der Gefahrenzone - das ist derzeit völlig utopisch, selbst wenn man die von der EU auf rund 5 Prozent heruntersubventionierte Zinshöhe berücksichtigt. Portugal liegt durch diese Subventionen außerhalb des Gefahrenbereichs, am Markt hingegen sind sie längst in der "Todeszone".
Deutschland käme bei einer Durchschnittsverzinsung seiner Schulden ab acht Prozent in die Bredouille. Für Spanien liegt das Niveau wegen der geringeren Schuldenquote bei neun Prozent genauso wie beim hochverschuldeten Belgien, das von seiner deutlich höheren Steuerquote profitiert. Das zeigt aber auch, dass Deutschland im Ernstfall noch viel Spielraum hätte, über höhere Steuern die kritische Zinsschwelle nach oben zu schrauben.
Bei Frankreich wird es ebenfalls bei acht Prozent bedenklich, hier ist aber die Steuerquote schon höher als in Deutschland, der Spielraum für die Politik also kleiner. "Am meisten Sorgen macht Italien weit vor Spanien oder Belgien, das zumindest auf eine gute Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen setzen kann. Frankreich stellt wegen der drastisch steigenden Kosten seiner Sozialsysteme langfristig eine Bedrohung dar", resümiert Philipp Vorndran von Flossbach. "Die meisten Fortschritte macht Irland."
Wenn sich die Durchschnittszinsen den kritischen Niveaus nähern, kann sich die Regierung kurzfristiger verschulden, weil das weniger Zins kostet. Doch dann klettern auch die kurzfristigen Zinsen, weil die Anleger die Pleitegefahr erahnen. Dies zeigt sich derzeit in Italien. Die kurzfristigen Zinsen sind kräftig auf mehr als fünf Prozent angestiegen. Die Zinsstrukturkurve, die die Zinssätze für verschiedene Laufzeiten angibt, hat sich deutlich abgeflacht (siehe Interaktiv).
Einige Regierungen müssen auch früher reagieren, weil die kritische Schwelle von 30 Prozent Zinsausgaben an allen Steuereinnahmen für manche Staaten zu hoch ist. Nämlich dann, wenn der Haushalt kaum Möglichkeiten bietet, steigende Zinslasten zu tragen, weil ein Großteil der Staatsausgaben schwer kürzbar ist, etwa durch Pensionsverpflichtungen, fest bestellte Infrastrukturprojekte oder etwa Rüstungsaufträge.
Für Vorndran ist das wahrscheinlichste Szenario aus all seinen Berechnungen, dass die Notenbanken durch Anleihekäufe die Zinsen künstlich niedrig halten werden, wie das derzeit ja schon die EZB macht. Einen anderen Weg zeigt Amerika, das in den vierziger Jahren einfach per Gesetz Maximalzinsen festschrieb. So halbierte es die Schuldenlast in nur zwölf Jahren.
Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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