Die Zinswelt in Deutschland ist völlig durcheinander. „Wir sind seit 25 Jahren im Geschäft, aber so etwas haben wir noch nie erlebt“, sagen Falko Schöning und Torsten Daenert, ranghohe Manager der Commerzbank. Die Zinsen sind nicht nur niedrig wie nie seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland. Es gibt auch die verrückte Situation, dass die Zinsen für Hypothekenkredite zum Teil niedriger sind als die Sparzinsen.
Das ist ganz außergewöhnlich und eine Umkehrung der normalen Situation. Zum ersten Mal muss man für Kredite weniger Zinsen zahlen, als man für Spareinlagen bekommt. Normalerweise nehmen Banken von Kunden Einlagen gegen Zins entgegen und verleihen sie gegen einen höheren Zins als Kredit weiter. Der Abstand ist der Zinsüberschuss, davon leben sie. Deshalb gab es über lange Jahre für Sparer zwei oder drei Prozent auf dem Sparbuch - aber für einen Kredit musste man sechs, sieben oder acht Prozent Zinsen zahlen.
Jetzt gibt es eine umgekehrte Zinsdifferenz. Kaum innerhalb einer Bank, wie Commerzbank-Manager Daenert sagt - offenkundig aber zwischen verschiedenen Banken. Tabellen mit Zinskonditionen etwa von der FMH-Finanzberatung in Frankfurt (siehe Grafik) zeigen, dass man heutzutage schon für 2,39 Prozent einen Hypothekenkredit über zehn Jahre bekommen kann. Und dass es Banken gibt, die für Festgeld mit derselben Laufzeit stolze 3,8 Prozent im Jahr zahlen.
Zwei Fragen drängen sich auf: Wie kommt das? Und: Lohnt es sich für Anleger, sich billig Geld zu leihen und es zu höheren Zinsen anzulegen? Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor in Stuttgart, nennt zwei Gründe für das seltsame Phänomen: Die Politik der Europäischen Zentralbank - und die Folgen der Finanzkrise. „Banken, die gut durch die Krisen gekommen sind, und Versicherungen, die nicht mehr so viele Staatsanleihen kaufen wollen, verfügen im Moment über ganz viel Liquidität“, sagt Burghof. Neben kleineren Anbietern an der Spitze gehören auch Deutsche Bank und Allianz in diese Gruppe. „Sie suchen nach einer sicheren Anlage.“ Das sei ein Grund dafür, dass sie günstig Hypothekendarlehen vergeben.
Auf der anderen Seite gebe es Banken, deren Hauptproblem ein Mangel an Liquidität sei - weil die Banken untereinander sich nicht mehr so gern Geld leihen und sie auch am Kapitalmarkt relativ hohe Zinsen zahlen müssen. Das sei ein Grund für einige ausländische Banken, aber auch für Krisenverlierer aus Deutschland, mit (vergleichsweise) hohen Zinssätzen um Einlagen von Privatkunden in Deutschland zu werben. Auch Banken, die weniger bekannt sind, müssen derzeit offenbar höhere Zinssätze zahlen, um an Einlagen zu kommen.
Und kann man sich das als Anleger zunutze machen? Zumindest ist es interessant, das einmal gedanklich durchzuspielen. Es geht offenbar. Aber das Ganze ist mit gewissen Risiken verbunden.
Man braucht: Ein Haus und eine Bank
Um an einen billigen Kredit zu kommen, braucht man auf der einen Seite ein Haus, das bereits abgezahlt ist und das man beleihen kann. Schließlich gibt es die billigen Zinsen nur bei Hauskrediten, nicht etwa bei normalen, unbesicherten Ratenkrediten. Und man muss eine Bank finden, die einem auf dieses Haus zu günstigen Konditionen einen Kredit gibt, ohne zu verlangen, dass man mit dem Geld baut oder modernisiert.
Und man braucht auf der anderen Seite eine zweite Bank, die relativ hohe Einlagenzinsen zahlt, die einem aber trotzdem so vertrauenswürdig erscheint, dass man dort eine größere Summe parken kann, ohne zu viel Angst haben zu müssen, das Geld nicht wiederzusehen und am Ende sowohl sein Geld als auch sein Haus los zu sein. Wenn alles gutgeht, kann man aber durchaus einen Gewinn einstreichen, wie Max Herbst von der Frankfurter Finanzberatung FMH vorrechnet. Ein Beispiel: Man leiht sich 100.000 Euro auf zehn Jahre bei der Gladbacher Bank zu 2,36 Prozent.
Und legt diese wieder für zehn Jahre an, etwa bei der niederländischen NIBC Direct, die für solche Anlagen 3,8 Prozent bietet. Die Zinsdifferenz kann man allerdings nicht voll einstreichen: Es gibt einige Posten, die man davon abziehen muss. So muss man auf die Zinserträge Steuern zahlen, wenn man jenseits der Freibeträge liegt. Von den 3,8 Prozent bleiben nach Steuern noch 2,8 Prozent übrig. Immerhin steigt das Vermögen trotzdem innerhalb von zehn Jahren um 31.909,92 Euro.
Dann braucht man einen günstigen Kredit
Auf der Kreditseite ist es zunächst einmal wichtig, dass man überhaupt ein Darlehen zu dem günstigen Zinssatz, mit dem die Banken werben, bekommt. Und es darf nicht zweckgebunden sein. Die Banken, die in der Tabelle genannt sind, haben laut FMH auf Anfrage ausdrücklich das Modell nicht ausgeschlossen, dass man das Geld, das man auf sein Haus aufnimmt, woanders anlegt, statt damit zu bauen oder zu modernisieren.
Auch beim Kredit gibt es außerdem Kosten, die zu berücksichtigen sind. So liegt der sogenannte Effektivzins der Gladbacher Bank bei 2,39 Prozent im Jahr statt bei 2,36 Prozent, weil die Zinsraten monatlich und nicht am Jahresende zu zahlen sind. Wenn man annimmt, dass man das Darlehen erst nach den zehn Jahren tilgt und die Zinsen immer sofort zahlt, kommt man also auf 23600 Euro Zinsen für zehn Jahre. Wer ein Darlehen auf sein Haus aufnimmt, muss außerdem eine Grundschuld ins Grundbuch eintragen lassen. Die Kosten dafür hängen von der Höhe der Grundschuld ab, bei 100.000 Euro betragen sie rund 450 Euro.
Das Risiko
Hat jemand für sein Haus von einem früheren Darlehen bereits eine Grundschuld im Grundbuch eingetragen, kann er diese abtreten. Das kostet dann etwa die Hälfte. Mit neuer Grundschuld käme man also auf Gesamtkosten für den Kredit von 24050 Euro. Bei Erträgen aus dem Anlagegeschäft von 31.909,92 Euro blieben einem also 7.859,92 Euro als Gewinn nach Steuern am Ende übrig.
Wo liegt das Risiko? Auf der Kreditseite ist es gering, wenn man den Kredit einmal hat. Auf der Anlageseite trägt man das Risiko, dass die Bank ausfällt. Als Schutz gibt es die Einlagensicherung, die je nach Land, in dem die Bank ihren Sitz hat, unterschiedlich ist. Einige der Banken, die gute Zinsen bieten, stammen aus Deutschland - wie die IKB. Sie ist zudem im deutschen Einlagensicherungsfonds, der je Gläubiger Einlagen bis zu 30 Prozent des haftenden Eigenkapitals der Bank garantiert. Das ist sehr viel, höchstens in einer allgemeinen Finanzkatastrophe könnte der Fonds gesprengt werden. Andere, wie die NIBC, kommen aus dem EU-Ausland (hier: Niederlande).
Wieder andere, wie die türkische Deniz Bank, haben eine Muttergesellschaft außerhalb der EU, aber eine Tochter innerhalb (hier: Österreich). Für Muttergesellschaften und eigenständige Töchter mit Sitz in der EU gilt eine gesetzliche Einlagensicherung bis zu 100.000 Euro. Im Katastrophenfall könnte sie allerdings von der Zahlungsfähigkeit des jeweiligen Landes abhängen. Und selbst wenn gezahlt wird, kann das viele Monate dauern. Wenn dann gerade der Kredit fällig wird, gibt es ein Problem. Das gilt es abzuwägen.
Verkehrte Welt
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Hurra - ab in die nächste Subprime-Krise!
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- 19.11.2012, 12:29 Uhr