Die Aufgabe der amerikanischen Federal Reserve (Fed) hat sich seit 1913, als der Kongress die Zentralbank ins Leben gerufen hat, deutlich verändert. Das damals von der Legislative verabschiedete Gesetz bestimmte, daß der Offenmarktausschuß (FOMC; Federal Open Market Committee) als Richtung gebender Arm der Fed „die Ziele maximale Beschäftigung, stabile Preise und langfristig moderate Zinsraten“ in wirksamer Weise verfolgen solle.
In ihrer Vergangenheit ist die Fed einen inhärenten Kompromiß zwischen Wachstum und Inflation eingegangen, obwohl es sehr oft äußerst schwierig gewesen ist, solch eine komplexe und dynamische Auffassung als eine präzise Positionsbestimmung für die Märkte und die Öffentlichkeit zu formulieren.
Fed mit neuer Wortwahl
Betrachten wir nun aber die Erklärung des Offenmarktausschußes nach dem Treffen am 6. Mai, in der die Möglichkeit einer Deflation angesprochen wurde. In Anbetracht der Tatsache, daß der Offenmarktausschuß keine leichtfertigen Veränderungen seiner Position vollzieht, könnte diese neue Risikobewertung für die Zentralbank so etwas wie eine historische Wende darstellen: Es wäre denkbar, daß die Fed die Möglichkeit einer expansiveren Geldpolitik signalisiert, die auf der Befürchtung eines „unwillkommenen substanziellen Rückgangs der Inflation“ beruht - auch wenn der Ausblick auf das Wachstum eher dafür spräche, die Zinsraten stabil zu halten.
Seit sich die Fed im Jahr 2000 einer neuen Art der Beurteilung der wirtschaftlichen Risiken zugewendet hat, enthielt jede Pressemitteilung, bis auf die letzten beiden, die folgende Standardformulierung: „Vor dem Hintergrund der langfristigen Ziele Preisstabilität und nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum sowie auf Grund der jüngsten Daten, liegen die momentanen Risiken...“
Je nach aktuellem Ausblick, hat die Fed dann einen der folgenden Satzteile ergänzt:
„...hauptsächlich in Konditionen, die zu einer wirtschaftlichen Schwäche führen könnten,“
„...hauptsächlich in Konditionen, die in der nahen Zukunft zu einem erhöhten Inflationsdruck führen könnten,“
Oder die zweite Satzhälfte hieß:
„sind die Risiken im Hinblick auf die Aussichten für beide Ziele in der nahen Zukunft ausgeglichen.“
Die von der Fed genauestens formulierte Aussage sollte den anerkannten politischen Kompromiss zwischen einem maximierten Wachstum und der Vermeidung von Inflation deutlich machen.
Risikowahrnehmung verschiebt sich
In den letzten beiden Erklärungen nach einem FOMC-Meeting war etwas Signifikantes zu bemerken: Die Fed hat den Wortlaut der Risikobetrachtung verändert. Am 18. März hatte der Offenmarktausschuß die Charakterisierung des Gleichgewichts der Risiken modifiziert: „ungewöhnlich hohe Unsicherheiten belasten kurzfristig die geopolitische Lage und ihre offensichtlichen Effekte auf den wirtschaftlichen Entscheidungsprozess.“ Eine Bestimmung der angemessenen Risiken sei daher unmöglich.
Und trotz des militärischen Siegs der Amerikaner im Irak - dieser hätte die dunklen geopolitischen Wolken doch zu einem merklichen Grad beiseite schieben müssen - hat der Offenmarktausschuß seine vorherige Methode, die Risiken abzuschätzen, bei der Zusammenkunft am 6. Mai nicht revidiert.
Separate Beurteilungen für Wachstum und Inflation
Statt dessen hat sich die Fed die Mühe gemacht, die Risikoeinschätzung für das wirtschaftliche Wachstum und die Inflation getrennt voneinander durchzuführen. Die Pressemitteilung indiziert, dass „obwohl der Zeitpunkt und das Ausmaß einer Verbesserung unsicher bleiben, geht der Ausschuß davon aus, daß über die nächsten Quartale die Risiken für eine Aufwärts- oder Abwärtsbewegung hinsichtlich eines nachhaltigen Wachstums [für die gesamte Wirtschaft] relativ gleich verteilt sind.“
Die Darstellung der Inflation verdiente ihre eigene Bewertung: „Im Gegensatz dazu übertrifft für den gleichen Zeitraum die Wahrscheinlichkeit eines ungewünschten substanziellen Rückgangs der Inflation die Möglichkeit einer Inflationssteigerung von ihrem bereits niedrigen Niveau, wenn auch nur geringfügig.“ Das Fazit lautet: „Alles in allem neigt sich das Gleichgewicht der Risiken hinsichtlich der Erreichung der Ziele für die nahe Zukunft in Richtung wirtschaftliche Schwäche.“
Grund für weitere Zinssenkung ist nicht mehr das mangelnde Wirtschaftswachstum
Folglich hat die Fed letztlich angedeutet, daß die Neigung besteht, die Geldpolitik weiter zu lockern - und das nicht etwa wegen der Wachstumsaussichten, die in der Vergangenheit die Rechtfertigung darstellten -, sondern wegen ihrer Befürchtungen hinsichtlich der Inflation beziehungsweise des Mangels an Inflation. In gewisser Hinsicht bedeutet dies, dass, wenn das Risiko für steigende Preise gering ausfällt - davon ist die Fed ja offensichtlich überzeugt -, dann gibt es keinen Grund, nicht zu versuchen, das Wachstum zu beschleunigen.
Das Signal von Greenspan & Co. scheint also darin zu bestehen, dass eine weitere Lockerung der Geldpolitik bevorsteht. Aber die Fed scheint auch klar zu unterscheiden, dass solch ein Schritt nicht auf Grund der Angst vor einer Double-Dip-Rezession erfolgt, wie dies in den Ausblicken der meisten Fed-Beobachter gefordert wird.
Statt dessen sieht es fast so aus, als ob die Fed nach dem Weg zu einem höheren Wachstum sucht, nachdem der Sieg über die Inflation erklärt worden ist. Und da die Deflationsbefürchtungen andauern, scheinen zumindest einige Mitglieder der Fed keinen Grund zu sehen, sich nicht besser gegen eine Double-Dip-Rezession] abzusichern. Die einzige Frage könnte darin bestehen, ob es die viel erprobte Route der Zinssenkungen oder ein eher unkonventionellerer Ansatz werden wird.