Gedämpfte Inflation und milde Töne des Fed-Präsidenten beruhigten die Anleger, die weiterhin von einem amerikanischem Leitzinssatz (Fed Funds Rate) von zwei Prozent zum Jahresende ausgehen können. Seit Tagen hatten sich die Finanzmärkte darauf vorbereitet, am 15. Juni schlechte Nachrichten zu hören: eine höher als erwartete Verbraucherpreisinflation im Mai und scharfe Töne bei der Ansprache von Fed-Präsident Alan Greenspan vor dem Senat. In beiderlei Hinsicht entwickelten sich die Dinge jedoch günstiger als erwartet, so daß die Anleger erleichtert aufatmeten.
Da es sich bei den Inflationszahlen um die letzten derartigen Daten vor der Fed-Sitzung am 29. und 30. Juni handelte, fielen sie stärker ins Gewicht als sonst. Die Marktteilnehmer warten noch auf den Produzentenpreisindex für Mai, der aufgrund der veralteten Computersysteme der zuständigen Statistikbehörde noch nicht bekannt gegeben wurde.
Inflation weiterhin ungefährlich
Insgesamt wurde im Mai ein spürbarer Anstieg der Verbraucherpreise um 0,6 Prozent verzeichnet. Die Kernrate (ohne Lebensmittel und Energie) kletterte jedoch - wie erwartet - lediglich um 0,2 Prozent. Die Gesamtinflationsrate wurde durch den Anstieg der Benzinpreise um acht Prozent und der Lebensmittel- und Getränkepreise um 0,9 Prozent nach oben getrieben. Bei der Kernrate wurde dagegen im Vorjahresvergleich lediglich ein Anstieg um 1,7 Prozent verzeichnet; im April hatte er noch bei 1,8 Prozent gelegen. Damit verharrt die Kerninflation deutlich unter der Schwelle von zwei Prozent, oberhalb derer die Inflation nach Auffassung der Fed zu hoch wäre. Nicht zuletzt aufgrund der moderaten Kerninflation erhöhten sich die Treasury-Kurse im aktiven Handel, wodurch die Renditen einbrachen.
Dies war jedoch noch nicht alles, was am 15. Juni geschah. Der Fed-Präsident konzentrierte sich in seiner Ansprache vor dem Bankenausschuß des Senats, die im Rahmen seiner Anhörung zur Wiederernennung für eine weitere vierjährige Amtszeit stattfand, vor allem auf das Geschick der Zentralbank, durch die schwere See an den Finanzmärkten zu steuern. Greenspan deutete an, daß aufgrund der jüngsten Turbulenzen anstelle eines Inflationsziels oder eines anderen, rigideren Modells ein flexibler „Risikomanagement-Ansatz“ in der Geldpolitik erforderlich sei.
Straffung mit mäßigem Tempo
Die Fragerunde mit Mitgliedern des Ausschusses nach der Ansprache führte zu einigen erhellenden Aussagen. Greenspan deutete an, daß die Fed die Geldpolitik voraussichtlich weiterhin - insbesondere bei der am 30. Juni anstehenden Sitzung des Offenmarktausschusses - in „mäßigem“ Tempo straffen werde, soweit nicht Daten oder Ereignisse in der Zwischenzeit eine andere Gangart erforderlich machten. Er nannte den Terrorismus als anhaltendes Risiko, auf das die Fed reagieren werde.
Gestützt auf die günstigen Verbraucherpreisdaten zeigte sich Greenspan hinsichtlich des Inflationsdrucks recht optimistisch und ließ durchblicken, daß aus dieser Richtung nicht mit ernsthaften Anlässen zur Besorgnis zu rechnen sei. Wenn diese Annahme nicht zutreffe, so werde die Fed angemessen reagieren. Damit äußerte er sich ähnlich wie bereits bei früheren Gelegenheiten. Die Wiederholung dieser Aussage verstärkte jedoch den Eindruck, daß die Fed die Zinsen leicht in größeren Schritten anheben könnte, wenn die Gefahr bestehen sollte, hinter die Inflationskurve zurückzufallen.
Energiepreise unter Beobachtung
Greenspan hielt fest, daß die Fed darüber diskutiere, ob die Auswirkungen des Energiepreisanstiegs vorübergehender Natur seien oder sich in der Wirtschaft verfestigten. Auf die Frage, ob die Zentralbank auf höhere Energiekosten reagieren werde, antwortete Greenspan, es handele sich dabei noch nicht um einen wesentlichen Faktor. Er erwähnte jedoch, daß die Fed die indirekten Auswirkungen der Energiekosten genau im Blick behalte, wenn sich dadurch die Weltkonjunktur verlangsamen und so eine Belastung für die amerikanische Wirtschaft entstehen sollte.
Auch im Hinblick auf die Konjunktur zeigte sich der Fed-Präsident optimistisch und deutete an, daß sich das Wachstum noch beschleunigen könnte. Möglicherweise könne es noch zu Schwierigkeiten kommen; die Investitionen der Unternehmen hinkten hinter dem normalen Niveau im aktuellen Stadium des Konjunkturzyklus hinterher, und die Rückkäufe von Unternehmensanleihen im Vergleich zu den Neuemissionen deuteten darauf hin, daß noch viel Spielraum für einen Anstieg der Unternehmensinvestitionen bestehe.
Ruhe vor den Wahlen
Insgesamt schlug Greenspan sowohl in seiner Ansprache als auch in seinen Antworten auf Fragen einen milderen Ton an als am Markt erwartet, und seine Äußerungen sprachen in keiner Weise gegen die Auffassung des Markts, daß am 30. Juni die Fed Funds Rate um einen Viertelprozentpunkt auf 1,25 Prozent angehoben werden dürfte. Allerdings dürfte der Zinsschritt auch nicht größer ausfallen.
Greenspans Hinweise auf exogene Schocks in Form von Terroranschläge und auf die Notwendigkeit eines Risikomanagements lassen darauf schließen, daß er die akkommodierende Geldpolitik nur langsam straffen will. Daher prognostiziert Action Economics mehrere Anhebungen der Fed Funds Rate um jeweils einen Viertelprozentpunkt bis auf ein Niveau von zwei Prozent zum Jahresende bzw. 2,25 Prozent Anfang 2005. Im November dürfte die Fed aufgrund der Präsidentschaftswahlen dabei eine kurze Pause einlegen.