http://www.faz.net/-gv6-79dh0

Folgen der Geldpolitik : Angriff auf das Vermögen

Die Inflation verschlingt das Vermögen der Sparer Bild: Illustration Getty

Mehr als 100 Milliarden Euro verlieren die Sparer auf der ganzen Welt jedes Jahr, weil die Zinsen niedriger sind als die Inflation. Das ist der Preis für die Rettung der Schuldenstaaten.

          Wer ein Sparkonto hat, kennt das Drama: Zwar schreibt die Bank einem am Jahresende ein paar mickrige Zinsen gut. Aber das ist nur Bluff. In Wirklichkeit hat das Geld auf dem Konto im Laufe des Jahres mehr an Wert verloren, als man an Zinsen bekommt. Und zwar durch die Inflation: Wenn man Geld und Zinsen nach einem Jahr abhebt, bekommt man im Supermarkt dafür weniger, als wenn man das Geld gleich ausgegeben hätte.

          „Negative Realzinsen“ nennt sich diese klammheimliche Enteignung der Sparer. Sie findet nach Erhebungen der Weltbank derzeit in immerhin 23 Ländern statt und hat eine gewaltige Größenordnung erreicht. Weltweit verlieren die Sparer auf diese Weise rechnerisch mehr als 100 Milliarden Euro im Jahr, wie aus Kalkulationen der Dekabank und des Instituts der Deutschen Wirtschaft für die F.A.S. hervorgeht.

          Hinter dieser dreisten Schröpfung der Sparer steckt nichts anderes als die Krisenpolitik der Notenbanken. Die Europäische Zentralbank etwa hat die Leitzinsen schon fast auf null gesenkt, um den kriselnden Staaten Südeuropas zu helfen. Und auch die amerikanische Notenbank hält die Zinsen künstlich niedrig, um Amerikas Wirtschaft zu beleben, die seit der Finanzkrise nicht mehr vernünftig wächst. Zugleich strömt viel Anlegergeld in die wenigen Staaten der Welt, die noch als sicher gelten; das lässt die Zinsen für Geldanlagen dort zusätzlich sinken.

          Das Ganze ist eine gewaltige globale Umverteilung. Verlierer sind die Besitzer von Geldvermögen, Gewinner sind Schuldner aller Art - auch die hochverschuldeten Staaten. So wie die Ersparnisse nämlich durch die negativen Realzinsen an Wert verlieren, sinkt umgekehrt auch die Last der Schulden. Auf diese Weise können die Staaten ihre Schulden zwar nicht „nominal“ (dem Betrag nach) abbauen. Wohl aber können sie diese „real“ (dem Wert nach) verringern. Den Staaten kommt das gerade recht: Sie werden ihre Schulden auf eine Art los, die bei den Wählern für weniger Unruhe sorgt als Steuererhöhungen oder drastische Ausgabenkürzungen.

          Verlust beträgt 0,5 Prozent des BIP

          Zum Teil drängen die Staaten Anleger sogar, Geld in ihre Staatsanleihen zu investieren, damit sie von dem Effekt profitieren. Etwa, indem Versicherungen einen Teil ihrer Gelder nur in Staatsanleihen anlegen dürfen. Oder indem Banken für Staatsanleihen, anders als für andere riskante Wertpapiere, kein Eigenkapital vorhalten müssen. Dann spricht man in Anlehnung an die amerikanischen Ökonomen Ronald McKinnon und Edward Shaw von „Finanzieller Repression“: Die Staaten entschulden sich, indem sie ihre Bürger nötigen, ihre Schuldscheine zu kaufen, für die sie ihnen dann weniger Zinsen zahlen, als die Inflation verschlingt - ein Selbst-Sanierungsprogramm der Staaten zulasten der eigenen sparenden Mittelschicht.

          Bild: F.A.Z.

          Allein in Deutschland verlieren Sparer so jedes Jahr mehr als 10 Milliarden Euro, rechnet Ulrich Kater vor, der Chefvolkswirt der Dekabank. Das gesamte Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland betrug Ende 2012 knapp 5 Billionen Euro. Davon entfielen 1,06 Billionen Euro auf Bargeld und Sichteinlagen, 958 Milliarden Euro auf Termin- und Spareinlagen. 1,1 Billionen Euro waren Wertpapiere, davon etwa die Hälfte Staatsanleihen und Pfandbriefe. Und Ansprüche gegen Versicherungen beliefen sich auf 1,8 Billionen Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Toronto vom Wasser aus betrachtet - auf der Seite will Google die „smart City“ bauen.

          „Smart City“ : Hier baut Google die intelligente Stadt

          Viele Roboter, wenige Autos und Müll und Pakete werden unterirdisch transportiert: Der Technologiekonzern Alphabet hat sich eine Metropole für sein nächstes großes Projekt ausgesucht. Darum geht es.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl eines neuen Regionalparlaments in Katalonien.
          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.