23.01.2009 · Die Flucht der Anleger in sichere Staatsanleihen setzt sich fort: Die Renditen der Bundesanleihen bewegen sich auf Tiefständen. Die Konjunkturaussichten sind noch zu trüb. Erst mit einer Besserung werden Unternehmensanleihen interessanter.
Die Flucht der Anleger in sichere Staatsanleihen setzt sich fort: Die Renditen der Bundesanleihen bewegen sich auf Tiefständen. Ob die damit verbundenen hohen Kursniveaus andauern werden, diese Frage stellen sich mittlerweile Analysten. Solange die Unsicherheiten über die weitere konjunkturelle Entwicklung bestehen bleiben, dürften die als besonders liquide geltenden Staatsanleihen der Vereinigten Staaten und Deutschlands weiter gefragt sein. Doch erste Anzeichen für eine Stabilisierung könnten Umschichtungen in die höher verzinslichen Schuldtitel von Unternehmen und Banken bewirken.
„Es ist massiv Geld vorhanden“, sagt Jonas Jung, Kreditanalyst der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), mit Blick auf die in diesem Jahr guten Ergebnisse bei den Emissionen von Unternehmensanleihen. Diese seien stark überzeichnet gewesen, fügt er hinzu. Er erwartet, dass 2009 das Jahr der Unternehmensanleihen wird. Indirekt hat dies bereits Mohamed El-Erian, oberster Anlagestratege der Allianz-Tochtergesellschaft Pimco, ausgerufen. Der Chief Investment Officer des größten Anleiheinvestors der Welt (verwaltetes Vermögen knapp 700 Milliarden Dollar) empfahl den Anlegern den raschen Ausstieg aus amerikanischen Staatsanleihen, da diese seiner Ansicht nach sehr teuer sind.
Auf Tiefständen
Deren hohes Kursniveau drückt die Verzinsung. Es spiegelt die krisenbedingte Flucht der Investoren in sichere Anlagen. Mit einer Rendite für zweijährige amerikanische Anleihen von weniger als einem Prozent und für zehnjährige Schuldtitel um 2,5 Prozent werden die Anleihen eines Staates zunehmend kritischer gesehen, der wegen seiner Stützungsmaßnahmen für die trudelnden Banken und die sich deutlich abschwächende Konjunktur ein wenig attraktives Risikoprofil aufweist. Und das Angebot an „Treasuries“, so bezeichnen Marktteilnehmer amerikanische Staatsanleihen, wächst: In diesem Jahr erwarten Experten eine Schuldenaufnahme der Vereinigten Staaten von 2 Billionen Dollar nach 892 Milliarden Dollar im Vorjahr.
Auch die Renditen deutscher Bundesanleihen befinden sich auf Tiefständen: Für zweijährige Titel liegt sie unter 1,5 Prozent und im zehnjährigen Bereich um die 3 Prozent. Dies könnte institutionelle Investoren, die auf eine höhere Verzinsung angewiesen sind, zu Umschichtungen veranlassen. Als Beispiel nennt Jung Versicherer, die ihren Kunden bei Lebensversicherungen im Durchschnitt aller Verträge eine Verzinsung von 3,5 Prozent garantieren. Mit dem aktuellen Renditeniveau der Staatsanleihen würden die Versicherer somit nicht glücklich werden, so Jung. „Man kommt um Unternehmensanleihen nicht herum“, ist der LBBW-Analyst überzeugt.
Das höhere Risiko von Unternehmensanleihen, aber auch von nicht staatlich garantierten Bank-Schuldtiteln, bewirkt zwar einen niedrigeren Kurs, aber damit auch eine höhere Rendite. So musste die Deutsche Telekom für ihre kürzlich plazierte Anleihe eine Rendite von 6 Prozent bieten. Dies ist vor allem für Privatanleger attraktiv, die die Titel bis zur Endfälligkeit halten. Aber auch Staaten des Euro-Raums wie Spanien, Griechenland, Irland oder Portugal müssen derzeit bis zu 2 Prozentpunkte mehr für ihre Schuldtitel zahlen als der Bund.
Schlechte Konjunkturnachrichten
Doch Marktbeobachter gehen nicht von einer baldigen Kurskorrektur der deutschen und amerikanischen Staatstitel aus. Auf Sicht von drei Monaten erwartet Jan Holthusen, Leiter Fixed Income Research der DZ Bank, einen Rückgang der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf bis zu 2,7 Prozent. Dass sich der Trend wieder umkehrt und damit die Staatsanleihen ihre hohen Kursniveaus nach unten wieder verlassen werden, sieht er frühestens zur Jahresmitte. Voraussetzung ist nach Ansicht von Holthusen, dass das Ende der Rezession wieder absehbar ist. Zudem müssten die Inflationsraten auf ihren Tiefständen angelangt sein. Sollte dieses Szenario vorliegen, dürften von dem Ausstieg der Investoren aus Staatstiteln Unternehmens- und Bankanleihen, aber auch besicherte Bankenanleihen (“Covered Bonds“) wie der Pfandbrief profitieren.
Angesichts des erreichten Kursniveaus hält Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus & Burkhardt, zunehmende Kursschwankungen (Volatilitäten) bei Staatsanleihen für wahrscheinlich. „Jede Konjunkturmeldung wird am Markt kritisch beurteilt werden, ob die staatlichen Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur wirken oder nicht“, sagt er. Schlechte Konjunkturzahlen dürften seiner Ansicht nach einen Zufluss an Geld bewirken und sich damit positiv auf die Kurse der Staatsanleihen auswirken. Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung könnten Investoren dagegen zu einem Ausstieg veranlassen. Für das erste Halbjahr geht Schilbe davon aus, dass die schlechten Konjunkturnachrichten dominieren werden.