Home
http://www.faz.net/-gvt-6m82u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Finanzprodukte für jedermann (5) Die Renaissance des Sparschweins

Die Spardose aus Kindertagen erfreut sich wieder steigender Beliebtheit. Doch Sparen in einer Gesellschaft, in der man Geld am liebsten sofort ausgibt, fällt vielen schwer.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Lange galt es als verschollen. Doch in wirtschaftlich bewegten Zeiten, in denen die Themen Geld und Sparen verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, erlebt das Sparschwein eine Renaissance. Denn auch die erwachsenen Generationen bleiben der sicheren Geldanlage aus Kindertagen treu: 61 Prozent der Deutschen legen ihr Geld bevorzugt in Form von Tages-, Festgeld und Sparbüchern an und sparen 11,4 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Altersvorsorge.

Die Spardose steht dabei oft am Anfang von so mancher Sparbiographie. Seit vielen Generationen laufen Kinder am 31. Oktober, dem offiziellen Weltspartag, mit ihren Sparschweinen im Arm in die Bankfilialen und warten gespannt, wie hoch die ersparte Summe sein wird. „Sparerziehung“ nennt sich das Prinzip und meint, auf ein bestimmtes Ziel hin sparen und es sich dann leisten können.

Teddy oder Biene Maja?

Doch neu daran sind die vielfältigen Anlagemöglichkeiten, für die sich Kinder heutzutage entscheiden können: Sollen sie in den „Biene Maja Junior Schutzbrief“ oder lieber in die „Teddy-Versicherung“ investieren? Sehr beliebt sind unterdessen sogenannte „wachsende Girokonten“, deren Funktionen mit steigendem Alter zunehmen. Bargeldlosen Zahlungsverkehr und die Kontokarte beispielsweise darf man erst als Jugendlicher nutzen.

Und genau die haben immer mehr Geld zur Verfügung, denn der Betrag des Taschengeldes steigt seit Jahren. Gleichzeitig folgen viele der Mentalität, sich sofort alles leisten zu müssen. Das gefüllte Portemonnaie erfordert daher auch eine gestiegene Kompetenz im Umgang mit dem Zahlungsmittel.

Dass hier dem Elternhaus eine große Bedeutung zukommt, bestätigte zuletzt die 2010 erschienene Studie „Finanzkompetenz“ der Sparkassen-Finanzgruppe. Jugendliche, die ihre Eltern als sparsam erlebten, bildeten demnach überdurchschnittlich häufig finanzielle Rücklagen. Durch das aktive elterliche Vorleben wird den Kindern ein Gefühl für den Umgang mit Geld vermittelt. Weniger als die Hälfte der Befragten gibt jedoch an, dass in ihrem Elternhaus offen über Finanzen gesprochen worden ist.

Finanzerziehung in den Schulen

In Schulen mehren sich aus diesem Grund Angebote, die sich die fehlende Finanzerziehung zur Aufgabe gemacht haben. So versucht auch die Initiative „Netzwerk Finanzkompetenz“ in Nordrhein-Westfalen mit Vorträgen wie „Führerschein und eigenes Auto“ oder „Online-Shopping“ den Schülern die Folgekosten einer Konsumentscheidung klarzumachen und so die allgemeine Finanzbildung zu fördern.

Dass das Sparschwein auch am Anfang der Sparbiographie einer ganzen Gesellschaft stehen kann, zeigt der Blick zurück auf die Geschichte des Sparschweins. Die ist „fast so alt wie das Münzgeld selbst“, erklärt Gianluca Agosta von der Geldgeschichtlichen Sammlung der Kreissparkasse Köln. Als im 7. Jahrhundert v. Chr. das Münzgeld erfunden wurde, entdeckte man auch schon aus dieser Zeit Tongefäße, in deren Schlitz man Münzen einwerfen konnte.

Kulturgut Sparschwein

Mit der Zeit veränderte sich neben den verwendeten Materialien auch die Form der Gefäße. Die Form des klassischen Schweins etablierte sich im europäischen Raum vermutlich aus zwei Gründen: Mit bis zu 15 Ferkeln pro Wurf gilt es als besonders fruchtbar, und zum anderen diente es in Hungerzeiten als Nahrungsmittel. Glück gehabt hatten demnach diejenigen, die ein „Schwein gehabt“ hatten. Das Schwein stand somit symbolisch für ein Ziel, für das es sich zu sparen lohnte.

Genau diese Motivation fehlte den Menschen 1924 nach dem 1. Weltkrieg und der damals vorherrschenden hohen Inflation. Die Banken verteilten daher Sparschweine als Anreiz zur Geldanhäufung. Auch nach dem 2. Weltkrieg sollten so die Wirtschaft und der Wohlstand angekurbelt werden. Im Laufe der Zeit wurde die Sparschweinaktion von damals zur Tradition und ist heute fester Kulturbestandteil.

Ein Blick auf die Amazon-Bestseller-Liste zeigt aber, dass sich zum Sparschwein viele andere Tiere und Motive gesellt haben. Bestes Beispiel hierfür ist das im Internet erhältliche Modell „Dobby“, bei dem der Harry-Potter-Elf sich bei Münzeinwurf aus Dankbarkeit mit einem Buch auf den Kopf schlägt. „Der Trend der 1980er Jahre, Sparbüchsen passend zu aktuellen Comics und Filmen anzubieten, hat sich bis heute gehalten“, erklärt Agosta vom Geldgeschichtlichen Institut.

Neben beliebten XXL-Schweinen sind selbst gestaltbare Schweine Verkaufsschlager, sagt Thorsten Assfalg vom Onlinehändler „Sparschwein-versand.de“. Nach wie vor seien die Auftraggeber oft Banken, wobei auch viele Privatpersonen Spardosen bestellen. Die Anlässe sind meistens Hochzeiten und Taufen, aber oft dienen die Büchsen auch einfach „als schöne Verpackung eines Geldgeschenks“, erklärt Assfalg.

Lieber Pommes als Schwein

Die meisten Spardosen werden heutzutage aus Kunststoff hergestellt. Eine Porzellan-Dose kann sich da schon mal als Rarität erweisen und ihren stolzen Preis haben: 1990 Euro kostet beispielsweise das teuerste Modell „Frosch“ des Porzellanherstellers Gräfenthal bei Amazon.

Das klassische Schweinchen-Rosa hat unterdessen als Farbe ausgedient: „Die Farben der Spardosen sind generell sehr viel kräftiger als früher“, weiß das Unternehmen Alfred Fischer. Zudem passt sich das Aussehen der Dosen zunehmend an die jeweilige Zielgruppe an, denn „Hamburger- und Pommes-Spardosen kommen bei Kindern einfach besser an“, berichtet der Hersteller.

Doch nach wie vor sind nicht nur Eltern und Kinder mit der Finanzplanung oft überfordert. Auch für alle anderen wird es im komplexer werdenden Alltag schwieriger, den Überblick zu behalten. Viele kehren daher zu bewährten Methoden zurück und führen ganz einfach Buch über ihre Ausgaben.

Für diejenigen, die ihr Handy häufig nutzen, können App-Angebote wie „Smart Saver“ oder „MoneYou“ helfen, die Budgetplanung im Alltag unter Kontrolle zu bringen. Für alle Nostalgiefans gibt es auch ein klassisches „Sparschwein“-App: Die Tradition erhält somit auch Einzug in das mobile Zeitalter.

Doch in welcher Form auch immer es künftig Sparschweine geben wird, es ist und bleibt ein Dauerbrenner, der vielen schon früh gezeigt hat, dass Sparen Spaß machen kann. Denn wer erinnert sich nicht an den Stolz, den man empfand, wenn die gesparte Summe höher war, als man erwartet hatte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen
Wertpapiersuche
Renten und Zinsen
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Bund Future --  --
  Bobl Future --  --
  Euribor Future --  --
  REX (Kurs) --  --
  REX --  --
  Schatz Future --  --
  Libor EUR 1W --  --
  Libor USD 1W --  --
Zinsen