25.08.2008 · Trotz der seit mehr als einem Jahr dauernden Kreditkrise gibt es keine Signale für eine Entspannung der Lage. Ein hoher Zinssatz für Londoner Interbankengeschäfte signalisiert weitere Turbulenzen für das Finanzsystem.
Von Norbert KulsTrotz der seit mehr als einem Jahr dauernden Kreditkrise gibt es keine Signale für eine Entspannung der Lage. Im Gegenteil: Der jüngste Anstieg des wichtigen Referenzzinssatzes London Interbank Offered Rate (Libor) deutet sogar auf eine Verschärfung der Krise hin. Fachleute interpretieren das als Indiz für einen wieder zunehmenden Vertrauensschwund unter Banken.
Der täglich festgesetzte Libor ist der Zinssatz, zu dem sich die wichtigsten international tätigen Banken in London Gelder untereinander leihen. Nach Ansicht von Analysten der deutschen HSH Nordbank spiegelt der Libor das Risiko wider, das bei der Vergabe kurzfristiger Kredite an andere Institute eingegangen wird. Das Risikoprofil vieler Banken hat sich seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise wegen hoher Verluste deutlich verschlechtert. „Es ist wie ein Albtraum, und niemand ist sich sicher, wann wir davon erwachen werden“, sagte Stuart Thomson, Fondsmanager beim britischen Vermögensverwalter Resolution, gegenüber dem Finanzinformationsdienst „Bloomberg“.
„Es gibt immer noch Stress im System“
Der Libor-Satz für ein über drei Monate laufendes Geldmarktgeschäft in amerikanischen Dollar ist auf 2,81 Prozent gestiegen - das höchste Niveau seit Mitte Juni. Der Libor erscheint besonders hoch im Vergleich zum amerikanischen Leitzins. Diese von der Notenbank Federal Reserve festgesetzte Zielgröße für Tagesgeld liegt derzeit bei 2 Prozent. Die Spanne zwischen Libor und dem Fed-Zinssatz entspricht also 81 Basispunkten. Vor dem Beginn der von der amerikanischen Häuserkrise ausgelösten Turbulenzen an den Finanzmärkten hatte diese Spanne im Durchschnitt bei nur 12 Basispunkten gelegen.
Als der Libor Mitte Juni gestiegen war, hatten Händler noch damit gerechnet, dass die Fed die Zinsen bis zum Jahresende wieder anheben werde. Mittlerweile erwarten Marktteilnehmer angesichts der unsicheren Konjunkturlage aber einen gleichbleibenden Leitzins. „Es gibt immer noch Stress im System“, interpretiert Marktstratege George Goncalves von der Investmentbank Morgan Stanley die weite Renditespanne zwischen Libor und Fed Funds.
An den Märkten wird nicht mit einem baldigen Abklingen der Spannung gerechnet. Fondsmanager Thomson glaubt, dass sich die Lage erst noch verschlechtern werde, bevor es wieder aufwärtsgehe. Die Analysten der HSH Nordbank rechnen noch bis Ende des nächsten Jahres mit einem Renditeabstand zwischen Libor und Fed-Zins von mehr als 50 Basispunkten.
Auslöser für die Vertrauenskrise
Jüngster Auslöser für die Vertrauenskrise unter den Banken sind die Turbulenzen um die großen amerikanischen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Börsianer befürchten, dass die amerikanische Regierung die beiden für den amerikanischen Hypothekenmarkt essentiellen Institute wegen ihrer Milliardenverluste stützen muss. Der amerikanische Kongress hatte jüngst ein Hilfsprogramm des Finanzministeriums für die Hypothekengiganten gebilligt.
Die beiden Aktiengesellschaften haben den staatlichen Auftrag, Wohneigentum zu fördern, und sind für rund 40 Prozent des amerikanischen Hypothekenmarktes verantwortlich. Zwar vergeben sie keine Hypotheken direkt an Hauskäufer. Sie kaufen aber Immobiliendarlehen von Hypothekenbanken, die sich auf diese Weise refinanzieren, und reichen die Kredite als Anleihen verpackt an Investoren weiter.
Rezession droht
Auch der Kollaps mehrerer kleiner bis mittelgroßer Banken in den Vereinigten Staaten wegen ihres Engagements im Hypothekenmarkt trug zur Vertrauenskrise bei. Steigende Zahlungsausfälle bei zweitklassigen, sogenannten Subprime-Hypotheken in den Vereinigten Staaten waren die Auslöser der globalen Finanzmarktkrise gewesen. In einer Kettenreaktion hatte sich das negativ auf Banken und Wertpapierhäuser ausgewirkt, die sowohl Hypotheken vergeben als auch mit hypothekenbesicherten Anleihen gehandelt haben. Verluste und Wertberichtigungen bei Finanzinstituten in Zusammenhang mit Hypothekenanleihen werden aktuell auf mehr als 500 Milliarden Dollar geschätzt. Verschärft würde die Lage der Banken, wenn sich die Befürchtung einer globalen Konjunkturschwäche bewahrheiten sollte.
Nach Ansicht von Binit Patel, einem Volkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, droht Nationen, die für die Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums verantwortlich sind, eine Rezession. Amerikanische Banken hatten in den vergangenen Quartalen bereits ihre Rückstellungen für notleidende Kredite erhöht. Neben den fallenden Häuserpreisen leiden Privatkunden auch unter den gestiegenen Preisen für Benzin und Lebensmittel, was zu weiteren Zahlungsausfällen bei Krediten führen könnte.
Der Bürger als "Lastenträger letzter Instanz"
Dieter Spethmann (dspeth)
- 26.08.2008, 18:02 Uhr
Immer wieder ...
Peter horrex (Eysel)
- 26.08.2008, 18:24 Uhr
Siehe auch:
Peter horrex (Eysel)
- 26.08.2008, 18:57 Uhr