24.06.2003 · Das Deflations-Mysterium ist nicht vom Tisch - es kann erst überprüft werden, wenn die Deflation eingetreten ist, meint S&P-Analyst Michael Wallace. Die Notenbank kann allerdings noch gegenhalten.
Von Michael Wallace, Analyst bei Standard & Poor's (S&P)Ein gesunder Anstieg der Kerninflationsrate des amerikanischen Konsumentenpreisindexes im Mai hat dem Handel schwer zugesetzt, nachdem er die Renditen der Staatsanleihen auf Grund von Deflationsgefahren auf das niedrigste Niveau seit fast einem halben Jahrhundert gedrückt hatte. Bis zu diesem Punkt hatten die Deflationisten die Oberhand gehabt - dank der gewieften Rhetorik Alan Greenspans, des Vorsitzenden der amerikanischen Zentralbank Fed.
Das Deflations-Mysterium ist jedoch alles andere als in Vergessenheit geraten, denn es kann erst auf seinen Wahrheitsgehalt hin überprüft werden, wenn die Deflation bereits Einzug gehalten hat. Daher sollte die Fed eher daran interessiert sein, die tieferliegenden Trends zu beobachten, anstatt lediglich die Datenreihen zu verfolgen. Alles in allem dürfte die Fed in ihrem Offenmarktausschuss-Statement diese Woche noch weitere verbale Zeichen geben, wenn sie sich vorsichtig der Nullzinspolitik nähert.
Rückgang der Inflation wird als Störfaktor identifiziert
Bezieht man die Fehlerquoten bei den verschiedenen Datenreihen zur Inflation mit ein, hat sich die Preissteigerung während der letzten Rezession ziemlich deutlich Richtung Null verschoben. Die Kerninflationsrate des Erzeugerpreisindexes ist im Mai um 0,1 Prozent gestiegen, obwohl die Headline-Inflation sowohl bei den Erzeugerpreisen (-0,3 Prozent) als auch den Konsumentenpreise (unverändert) durch den nachkriegsbedingten Sturz des Ölpreises gedämpft worden ist. Tatsächlich hat sich die Kerninflationsrate bei den Konsumentenpreisen im Jahresvergleich nur um 1,6 Prozent und in den ersten fünf Monaten des Jahres 2003 lediglich um 1,1 Prozent erhöht.
Bei den Erzeugerpreisen liebäugelt die Kernrate von -0,1 Prozent im Jahresvergleich nach wie vor mit den Tiefstständen seit Beginn der Datenreihe. Der von der Fed bevorzugte PCE-Deflator (Index der persönlichen Konsumausgaben) erreichte 2002 im Durchschnitt 1,8 Prozent und dürfte sich im zweiten Quartal auf eine Rate von unter einem Prozent verlangsamen, nachdem er im April um 0,2 Prozent abgenommen hat und im Mai wahrscheinlich unverändert geblieben ist.
Anleiherenditen in den Keller gerutscht
Seit dem 6. Mai, als die Fed einen „unerwünschten, kräftigen Rückgang der Inflationsrate“ als einen potenziellen Störfaktor für die wirtschaftliche Erholung ausgemacht hat, sind die Anleiherenditen in den Keller gerutscht, die Aktien in die Höhe geschossen und der Dollar ist weiter unterspült worden. Wie bei einer plötzlichen wirtschaftlichen Verfinsterung sind die Renditen bei den zwei-, fünf-, zehn- und dreißigjährigen Staatsanleihen sehr nahe an die magischen eins-, zwei-, drei- und vierprozentigen Marken geschlittert, bevor sie durch den Konsumentenpreisindex gebremst wurden und um einen Viertelprozentpunkt nach oben gedreht haben.
Folglich hat die anhaltende verbale Offenheit der Fed hinsichtlich des Themas Deflation am Markt die entsprechende Resonanz gefunden. Nach dem Erfolg dieser risikoarmen verbalen Strategie ist es im Interesse der Fed, in ihrem Statement den Fokus auf die Deflation gerichtet zu lassen. Als ihre weiseste Strategie bei weiteren Schocks für die Wirtschaft erscheint ihre Erkenntnis, dass die Entwicklung „in der nahen Zukunft hin zur Schwäche“ neigt, bei gleichzeitiger Absicht, die monetäre Munition aufzubewahren anstatt sie zu verschießen.
Fed-Instrumentarium gegen Deflation nicht aufgebraucht
Welche anderen Elemente könnten in dem Statement der Fed Beachtung finden? Von einer Bankenkonferenz in Berlin stammt Greenspans Phrase der „korrosiven Deflation“. Außerdem sagte er, daß dieses Thema bei der nächsten Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed besprochen werden würde. Er sprach auch von der Notwendigkeit einer „Schutzzone“ in Anbetracht der mangelnden Erfahrung der Fed, mit einer Deflation umzugehen. Die Kosten, „um die Absicherung gegen eine wirtschaftliche Schwäche aufzugeben, sind tatsächlich recht gering“, argumentierte Greenspan weiter. Des weiteren könnte die Fed einige der Ergebnisse ihrer Untersuchungen bei den Verwaltern von Geldmarktfonds hinsichtlich des Einflusses weiterer Zinssenkungen berichten. Damit könnte sie geschickt den Markt zu der Schlußfolgerung leiten, daß diese niedrigere Zinsraten nicht verhindern würden.
Die Fed scheint überzeugt zu sein, daß sie die Wirtschaft mit einem klaren Kurs aus einer Deflationsphase heraussteuern könnte. Dennoch ist sie erpicht darauf, zu demonstrieren, daß sie in ihrem monetären Arsenal noch über andere Waffen verfügt. In einer Rede am 31. Mai in Tokio hat der Fed-Gouverneur Bernanke eine monetäre und finanzpolitische Kooperation empfohlen, die beinhaltet, daß die Bank of Japan ohne Umschweife Anleihen kauft. So sollten die japanischen Staatsanleihen in variabel verzinsliche Anleihen getauscht werden, um sich gegen Kursverluste abzusichern, für den Fall, daß die Fed-Strategie der Preisbeschleunigung gelingt.
Vier Strategien gegen die Nullzins-Falle
Eine Gruppe von Fed-Experten in Dallas hat vier Strategien ausgemacht, um die Nullzins-Falle zu überwinden, wobei die konventionellen geldpolitischen Handlungsalternativen bei den kurzfristigen Zinsen ihre Effektivität einbüßen. Die Schritte beinhalten eine Verringerung des Zinssatzes oder der Zinserträge durch die Besteuerung von Einlagen (letztlich verschiebt man so die „Marke“ nach unten), die Abwertung des Dollars, den indirekten Kauf von Waren und Dienstleistungen durch die die Geldmenge erhöhenden Staatsausgaben oder - diese Alternative erscheint am passendsten - den Kauf von einheimischen Wertpapiere mit längeren Laufzeiten.
In einem gewissen Sinne könnten mehr Details über die Alternativen der Fed im Falle einer Deflation genauso effektiv wirken wie das Einsetzen weiterer Gegenmaßnahmen, so lange sie die Glaubwürdigkeit der Fed erhöhen.