29.09.2008 · Die Verunsicherung am deutschen Pfandbriefmarkt hat zum Wochenauftakt einen Höhepunkt erreicht. Der Renditeaufschlag von Pfandbriefen mit einem Jahr Restlaufzeit zu vergleichbaren Bundesanleihen stieg zeitweise auf ein neues Rekordhoch.
Die Verunsicherung am deutschen Pfandbriefmarkt hat zum Wochenauftakt einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Der Renditeaufschlag von Pfandbriefen mit einem Jahr Restlaufzeit zu vergleichbaren Bundesanleihen stieg zeitweise auf 2 Prozentpunkte, ein neues Rekordhoch.Vor der Finanzkrise betrug die Risikoprämie nur ganze 0,1 Prozentpunkte.
Derzeit verzinst sich ein einjähriger Pfandbrief mit rund 5,5 Prozent. Die jüngste Verunsicherung löste der knapp abgewendete Zusammenbruch des bedeutenden Emittenten Hypo Real Estate aus. Allein über das Wochenende ist die Risikoprämie um 0,35 Prozentpunkte gestiegen. „Das ist extrem", sagt Edgar Göcke, Spezialist für kurzlaufende Schuldtitel bei der Kölner Investmentgesellschaft Monega. Dass die Bankenkrise nun auch hierzulande angekommen sei, habe die Leute schockiert. Die Reaktion im Pfandbrief-Segment bezeichnete er aber als überzogen.
Markt nach Auskunft von Händlern nahezu komplett ausgetrocknet
Zu berücksichtigen ist an dem Renditeanstieg, der mit Kursverlusten verbunden ist, dass er auf den Preisen der Marktmacher in den Hypothekenbanken basiert. Der Markt ist aber nach Auskunft von Händlern nahezu komplett ausgetrocknet. Größere Pakete wechseln derzeit nur selten den Besitzer. Die tatsächlich erzielbaren Preise können deshalb noch einmal deutlich von den gestellten Kursen abweichen. Allerdings ist von dem Geschehen vor allem der Interbankenhandel betroffen. Der illiquide Handel ist dabei eine unmittelbare Folge der Verwerfungen am Geldmarkt. Privatanleger können dagegen nach Angaben von Marktakteuren weiterhin ihre Pfandbriefe zu den genannten Preisen kaufen beziehungsweise verkaufen. Allerdings sind die Handelsspannen derzeit deutlich höher als vor der Finanzkrise.
Immerhin bleibt dem Pfandbriefmarkt durch die Rettungsaktion für die Hypo Real Estate der Ernstfall erspart. Der Zahlungsausfall eines Pfandbriefemittenten in dieser Größenordnung wäre ein einmaliger Vorgang. Den Akteuren waren die unmittelbaren Konsequenzen durchaus bewusst. Man hätte nicht zulassen können, dass der Pfandbrief als Finanzierungsinstrument in Misskredit kommt, sagte ein Teilnehmer der Verhandlungen am Montag. Damit wäre eine Lawine an den Märkten ausgelöst worden. Der deutsche Pfandbriefmarkt hat ein Volumen von knapp 900 Milliarden Euro. Die Hypo Real Estate steht für rund ein Fünftel dieses Marktes. Die Kreditanalysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) gehen zunächst einmal davon aus, dass die milliardenschwere Kreditlinie für Hypo Real Estate für etwas Ruhe sorgen sollte. Monega-Fondsmanager Göcke teilt diese Einschätzung: „Die Preisbildung ist maßgeblich liquiditäts- und nicht bonitätsgetrieben."
Preisbildung ist liquiditäts- und nicht bonitätsgetrieben
Tatsächlich täuscht der deutliche Zinsaufschlag gegenüber Bundesanleihen darüber hinweg, dass Pfandbriefe nach deutschen Staatsanleihen wegen ihrer Sicherungssysteme als eine der risikoärmsten Geldanlagen gelten. Für sie werden entweder erstklassige Hypothekendarlehen oder Darlehen der öffentlichen Hand als Besicherung verwendet. Der große Unterschied zu den teilweise waghalsigen Kreditverbriefungen von Investmentbanken besteht darin, dass die einem Pfandbrief zugrunde liegenden Kredite auf der Bilanz des Emittenten verbleiben und dieser somit die Kontrolle behält. Gleichzeitig dürfen für die Deckung nur 60 Prozent des Beleihungswertes herangezogen werden, was etwa der Hälfte des Marktwertes der Immobilien entspricht. Sollte also ein Kreditnehmer ausfallen, muss die Zwangsversteigerung erst einmal weniger als 60 Prozent des Beleihungswertes einbringen, bevor es für Pfandbriefgläubiger problematisch wird.