Home
http://www.faz.net/-gvt-6z17o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Finanzmärkte Die Rückkehr der Risikoscheu

 ·  Die Geldschwemme der Notenbanken hat die Lage auf den Märken beruhigt. Doch die Wirkung lässt nach. Der Bericht von den internationalen Finanzmärkten.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)
© F.A.Z.

Für eine Rücknahme der lockeren Geldpolitik sei es viel zu früh, behauptet Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), und warnt vor den Folgen einer voreiligen Verschärfung. In Japan dürfte die Bank von Japan in dieser Woche sogar eine weitere Lockerung beschließen und auch in Amerika ist die Wahrscheinlichkeit für eine dritte Runde von Anleihekäufen gestiegen.

Die Geldschwemme ist also in aller Welt en vogue. Sie hat in den vergangenen Monaten zur Stabilisierung der Banken beigetragen und so eine ansehnliche Kursrally befeuert. Doch die Wirkung lässt augenscheinlich nach, was zusammen mit der wieder zunehmenden Risikoscheu in der vergangenen Woche zu einer schwachen Tendenz der Aktienmärkte beigetragen hat. Der deutsche Leitindex Dax gab im Wochenvergleich um rund 2,5 Prozent auf 6775 Punkte nach. Ähnlich groß war die Einbuße für den breiter angelegten F.A.Z.-Index, der um 2,4 Prozent auf 1505 Punkte sank. Gleichwohl liegt der Index seit Jahresbeginn mit knapp 15 Prozent im Plus.

Die Risikoprämien für finanzschwache Euroländer sind wieder gestiegen

Obwohl die EZB die Rücknahme ihrer Krisenhilfen auf die lange Bank schieben will, haben sich zuletzt die Risikoprämien für finanzschwache Euroländer stark erhöht. Nachdem Spanien Ende vergangener Woche eine Anleiheauktion nur mit mäßigem Ergebnis gelungen ist, stehen die Finanzierungskosten für den spanischen Staat nun wieder auf einem derart hohen Niveau, wie es seit Dezember vergangenen Jahres nicht mehr gesehen worden war.

Um Käufer für neue zehnjährige Titel zu finden, muss Spanien derzeit eine jährliche Rendite von 5,7 Prozent bieten. Für Italien liegt dieser Wert, der in der Spitze auf mehr als 7 Prozent gestiegen und zuletzt auf weniger als 5 Prozent gefallen war, nun bei 5,4 Prozent. Deutschland finanziert sich dagegen zu Zinsen von weniger als 1,8 Prozent für den selben Zeitraum. Im Dezember hatte die EZB den ersten ihrer beiden Langfristtender - von Draghi in Anlehnung an ein deutsches Kriegsgerät „Dicke Bertha“ genannt - aufgelegt. Über die beiden Geschäfte wurden den Banken insgesamt gut 1000 Milliarden Euro für drei Jahre zum Leitzins geliehen. Ein Teil des Geldes nutzten sie zum Kauf von Staatsanleihen, was die Finanzierungssorgen der Staaten verringerte. Doch nun kehrt die Unsicherheit zurück.

Das Europa der zwei Geschwindigkeiten

Zur nachlassenden Wirkung der lockeren Geldpolitik kommt die schwache Verfassung der europäischen Wirtschaft. Die jüngsten Konjunkturdaten bekräftigten die Erwartung einer milden Rezession bis zum dritten Quartal 2012, heißt es in einem Bericht der Ratingagentur Standard & Poor’s. Danach werde ein ebenso milder Aufschwung stattfinden. Der Impuls dafür werde von der Nachfrage aus den Schwellenländern ausgehen, die von der lockeren Geldpolitik gestärkt werde. Wachstum werde es vor allem in Deutschland, Frankreich und anderen nördlichen Ländern der Währungsunion geben. Geringe private Nachfrage und das Bemühen, den Staatshaushalt in den Griff zu bekommen, werde dagegen in Italien, Spanien und Portugal zu einer schärferen Rezession führen. In Spanien könne der Abschwung sogar bis in das nächste Jahr hinein andauern. Das Europa der zwei Geschwindigkeiten sei also wieder da, urteilen die Fachleute der Ratingagentur.

Auch in Japan setzt sich die Diskussion über die lockere Geldpolitik fort, wenn auch aus einem gänzlich anderen Blickwinkel. Während hierzulande zumindest von deutscher Seite darum gerungen wird, die Geldschwemme unter Kontrolle zu halten, dringt die japanische Regierung auf noch mehr Maßnahmen. Wichtigstes Ziel ist es, die Aufwertung des Yen zu bremsen, die wiederum von der Rückkehr der Risikoscheu auf den Kapitalmärkten verstärkt wird. Die Bank von Japan könnte schon an diesem Dienstag neue Lockerungsschritte beschließen. Analysten der Société Générale halten es für möglich, dass die Notenbanker unter dem Druck der Regierung das Inflationsziel von 1 auf 2 Prozent anheben. Da die Teuerung jedoch seit Jahren deutlich unter 1 Prozent liegt, wird dem jedoch keine allzu große Wirkung zugeschrieben. Wahrscheinlicher sei deshalb, dass die Bank von Japan das Programm für den Ankauf von Staatsanleihen ausweiten werde, schreibt Takuju Okubo, Analyst der Société Générale.

Die wirtschaftliche Entwicklung in Japan wird zu einem guten Teil auch von der Nachfrage aus China beeinflusst. Dort stehen in dieser Woche eine Reihe von wichtigen Konjunkturdaten auf dem Programm. Die Teuerung ist im März mit 3,6 Prozent gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres deutlich höher als erwartet ausgefallen. Am Freitag stehen Daten zu den Einzelhandelsumsätzen und zur Produktion der chinesischen Industrie zur Veröffentlichung an. Beide Werte werden höher als zuletzt erwartet. Chinas Wirtschaft dürfte im ersten Quartal um gut 8 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gewachsen sein, nach 8,9 Prozent im vierten Quartal vergangenen Jahres.

Nach den zuletzt deutlich schwächeren Arbeitsmarktdaten aus Amerika, ist nach Einschätzung mehrerer Banken auch dort die Chance für ein neuerliches Ankaufprogramm durch die Fed gewachsen. Der Anstieg der Beschäftigung ist im März in den Vereinigten Staaten mit rund 120000 Stellen deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Im Durchschnitt hatten Analysten mit einem Plus von mehr als 200000 gerechnet. Die unerwartet geringe Besserung nährt nun die Erwartung, dass die Fed doch noch ein weiteres Ankaufprogramm beschließen könnte. Hinweise dazu könnte es schon an diesem Mittwoch geben, wenn die Fed ihren Konjunkturbericht - im Fachjargon „Beige Book“ genannt - veröffentlicht.

Mehr noch als durch die Konjunkturnachrichten dürfte der amerikanische Aktienmarkt in den kommenden Tagen von den Neuigkeiten aus den Unternehmen bestimmt werden. Der Beginn der Berichtssaison steht bevor und die Anleger hoffen auf kräftig steigende Gewinne. Allerdings dürfte der Auftakt für keine Begeisterung sorgen. Wie gewohnt legt Alcoa an diesem Dienstag als erstes große Unternehmen seine Zahlen vor. Der Hersteller von Aluminium hat jedoch wie die gesamte Branche eine schwierige Phase hinter sich. Am Donnerstag folgen Google und am Freitag die Banken J.P. Morgan und Wells Fargo.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen

Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Wertpapiersuche
Renten und Zinsen
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Bund Future --  --
  Bobl Future --  --
  Euribor Future --  --
  REX (Kurs) --  --
  REX --  --
  Schatz Future --  --
  Libor EUR 1W --  --
  Libor USD 1W --  --
Zinsen