04.06.2010 · Ehemalige Angestellte von Moody's übten bei einer Anhörung harsche Kritik an den Geschäftsmethoden vor der Finanzkrise. Großaktionär Warren Buffett verteidigt das Geschäftsmodell der Kreditbewerter. Ganz freiwillig machte er seine Aussage nicht.
Von Norbert Kuls, New YorkDer berühmte Investor Warren Buffett hat die wegen ihres Beitrags zur Finanzkrise unter Beschuss geratenen großen amerikanischen Kreditbewertungsagenturen etwas in Schutz genommen. Ratingagenturen, die viele später stark im Wert gefallene Hypothekenanleihen mit erstklassigen Bonitätsnoten versehen hatten, gehörten nach Einschätzung von Buffett zu einer großen Anzahl von Personen und Institutionen, die die Krise nicht vorhergesehen hatten.
„Die gesamte amerikanische Öffentlichkeit war davon überzeugt, dass die Häuserpreise nicht dramatisch fallen würden“, sagte Buffett am Mittwoch bei einer Anhörung der Financial Crisis Inquiry Commission. Diese Kommission soll im Auftrag des Kongresses die Ursachen der jüngsten Finanzkrise ergründen. Buffett räumte aber ein, dass die große Ratingagentur Moody's Investors Service ebenso wie deren Konkurrenten Standard & Poor's und Fitch Fehler bei der Bewertung gemacht hätten. Er selbst habe das Ausmaß der spekulativen Blase aber auch nicht erkannt. Der 79 Jahre alte Milliardär, dessen Wort in der Finanzbranche und in Washington viel gilt, bezeichnete den Aufschwung der Häuserpreise als die „größte Blase, die ich in meinem Leben gesehen habe“.
„Tief enttäuscht“
Den Agenturen wird vorgeworfen, das spekulative Feuer am Häusermarkt mit der Vergabe von Spitzennoten für zweitklassige Papiere angefacht zu haben. Buffett hat in der Vergangenheit wiederholt gesagt, dass erfahrene Investoren ihre Anlagen selbst bewerten und sich nicht auf die Noten der Ratingagenturen verlassen sollten. Buffett, Vorstandschef der Holding- und Anlagegesellschaft Berkshire Hathaway, war als Großaktionär der Gesellschaft Moody's Corp., zu der Moody's Investors Service gehört, vor die Kommission zitiert worden. Berkshire hält 13 Prozent der Anteile von Moody's. Buffett hatte eine normale Einladung mit Hinweis auf seinen vollen Terminkalender zunächst abgelehnt, war dann aber unter Strafandrohung vorgeladen worden. Neben Buffett sagten auch derzeitige und ehemalige Manager von Moody's aus.
Der Vorstandschef von Moody's, Raymond McDaniel, äußerte sich wegen der Leistung bei der Bewertung von Hypothekenanleihen „tief enttäuscht“. Er wies allerdings die Darstellung zurück, dass Moody's die Qualitätsstandards gesenkt habe, um Marktanteil und Umsatz zu steigern. Das Geschäft mit der Bewertung komplexer Anleihepakete, sogenannter strukturierter Produkte, war während des Aufschwungs des Häusermarktes der am stärksten wachsende Geschäftsbereich von Moody's.
Ehemalige Manager von Moody's stellten die Lage anders dar. „Es war mir sehr klar, dass meine Zukunft bei der Firma und meine Bezahlung vom Marktanteil abhängen würden“, sagte Eric Kolchinsky, der einst die Bewertung von Anleihepaketen verantwortete, die mit zweitklassigen Subprime-Hypotheken besichert waren. Er sprach von einer „Fabrik-Mentalität“, die von Angestellten verlangte, unter Druck so viele Produkte wie möglich zu bewerten. Investmentbanker, die möglichst hohe Noten für ihre Produkte wollten, um sie an Investoren weiterreichen zu können, hätten das ausgenutzt. „Die Banker wussten, dass wir kein Geschäft ablehnen konnten“, sagte Kolchinsky. Der ehemalige Moody's-Manager Gary Witt beschrieb, wie er einen Analysten von der Bewertung von Produkten von Goldman Sachs abzog, nachdem die Investmentbank das verlangt hatte.
„Ich behaupte nicht, dass es das perfekte Modell ist“
Aufgrund des Wachstums der Sparte für strukturierte Produkte hatte sich der Aktienkurs von Moody's von 2000 bis 2007 mehr als versechsfacht. „Investoren, die sich auf die Noten von Moody's verlassen haben, haben nicht so gut abgeschnitten“, sagte der Vorsitzende der Ermittlungskommission, der ehemalige kalifornische Finanzminister Phil Angelides. Buffett verteidigte auch das wegen möglicher Interessenkonflikte in die Kritik geratene Geschäftsmodell der Ratingagenturen.
Da Emittenten für die Bewertung bezahlen, kam die Frage auf, ob Ratingagenturen die Anleihen zu gut bewerteten, um Geschäftsbeziehungen zu pflegen. „Ich behaupte nicht, dass es das perfekte Modell ist. Aber es ist schwierig, sich eine Alternative vorzustellen, bei der der Nutzer zahlt. Ich werde nicht zahlen“, sagte Buffett. Im Senat liegt derzeit ein Gesetzesvorschlag vor, wonach die Börsenaufsicht SEC einen aus Investoren bestehenden Ausschuss einsetzen soll, der wiederum Ratingagenturen für die Bewertung bestimmter Emissionen auswählt.
Buffett selbst hat verschiedene Interessen
Damit sollen Interessenkonflikte umgangen werden. Buffett steht dieser Idee skeptisch gegenüber. „Die Weisheit von jemandem, der die Bewerter auswählt - wird das perfekt sein? Ich weiß nicht“, sagte Buffett. In der Version des Finanzreform-Gesetzes, die das Repräsentantenhaus verabschiedet hatte, gibt es keine derartige Passage. Die beiden Initiativen müssen noch abgeglichen werden. Unterdessen will die Europäische Kommission Ratingagenturen künftig einer zentralen europäischen Aufsicht unterstellen und mit drastischen Strafen gegen Regelverstöße vorgehen.
Buffett selbst hat als Aktionär von Moody's und als Emittent von Anleihen verschiedene Interessen. „Als Vorsitzender von Berkshire hasse ich die Zahlung durch Emittenten, wir zahlen eine Menge Geld und haben keine Macht zu verhandeln“, sagte er. Auf der anderen Seite sei das für die Ratingagenturen aber ein „wunderbares Geschäftsmodell“. Buffett hatte in der Vergangenheit wiederholt die Macht der Agenturen bei der Preisgestaltung als Grund für seine Anlage angeführt. Ratingagenturen haben wenig Konkurrenz, und Emittenten brauchen die Bewertung durch eine der großen Agenturen, um Anleihen plazieren zu können.
Berkshire hatte aber jüngst den Bestand an Moody's-Aktien reduziert, als Buffett klar wurde, dass das Geschäftsmodell nicht mehr „kugelsicher“ sei. Der Aktienkurs von Moody's reagierte am Mittwoch mit einem Aufschlag von 3 Prozent auf knapp 20 Dollar auf die Anhörung.