Home
http://www.faz.net/-gvt-qi1k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Finanzkrise Wir sehen eine der schwersten Bankkrisen der Geschichte

22.08.2008 ·  Wie schlimm könnte die Krise des Finanzsektors letztlich werden und wann ist mit den ersten Anzeichen einer Erholung der Branche zu rechnen? Rating-Experten von S&P äußern sich. Ein verlässlicher Ausblick sei erst in einem Jahr möglich, denken sie.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Während die Kreditkrise in ihr zweites Jahr geht, suchen Finanzinstitute nach Anhaltspunkten, dass das Schlimmste nun hinter ihnen liegt. Die Kapitalmärkte haben sich wieder etwas erholt, die meisten amerikanischen und europäischen Banken befinden sich jedoch nach wie vor in erhöhter Alarmbereitschaft, da schwierige Wirtschaftsbedingungen und massive Wertberichtigungen weiterhin auf der finanziellen Performance lasten.

Ist für Banken damit der Scheitelpunkt erreicht oder stehen noch weitere Flutwellen bevor? Die gegenwärtigen Bedingungen erfordern ein tiefes Verständnis der Kredit- und Liquiditätsrisiken und zwingen die Banken im weiteren Verlauf der Abschwungphase zu schwerwiegenden Entscheidungen. Staatliche Unterstützung und Kapitalspritzen ausländischer Staatsfonds haben die Branche auf den Weg der Erholung geführt. Die Rückkehr nach oben wird jedoch langwierig und mühsam werden.

Verlässlicher Ausblick für die Bankbranche erst in einem Jahr möglich

Standard & Poor's Ratings Services geht davon aus, dass in den Vereinigten Staaten mindestens ein Jahr vergehen wird, bis für die Bankbranche wieder ein stabiler Ausblick formuliert werden kann. Neben den von uns im zweiten Quartal 2008 vorgenommenen Herabstufungen prominenter Finanzhäuser haben sich unsere Ausblicke für die amerikanischen Bankengruppen gegen Quartalsende ins Negative gekehrt. Per 30. Juni 2008 weisen 22 der 50 von uns mit erstklassigem Rating versehenen amerikanischen Institute einen negativen Ausblick auf - der höchste Anteil negativer Ausblicke für führende Finanzgruppen auf etablierten Märkten in den vergangenen 15 Jahren. Hieraus folgt, dass wir in den kommenden ein oder zwei Jahren zusätzlich zu den seit Beginn des laufenden Jahres vorgenommenen 31 Herabstufungen weitere große Finanzinstitute herunterstufen könnten.

Unsere weiteren Schritte in dieser Richtung hängen natürlich davon ab, wie sich die wirtschaftlichen Bedingungen entwickeln und wie einzelne Unternehmen die Krise meistern werden. Angesichts der von S&P-Chefvolkswirt David Wyss für die Vereinigten Staaten prognostizierten Eintrübung der Konjunkturaussichten sind mögliche weitere Probleme der Branche programmiert. Doch es gibt auch gute Nachrichten. Eine Handvoll Finanzinstitute ist mit starken Bilanzen und solider Kapitalausstattung bestens aufgestellt, um von den Kreditmarktturbulenzen zu profitieren.

Um Einblicke in die mögliche Entwicklung der kommenden Monate zu erhalten, kamen am 30. Juli mehrere S&P-Analysten zusammen, um über die gravierendsten Probleme von Finanzinstituten, insbesondere in den Vereinigten Staaten und Europa, zu diskutieren. Nachfolgend einige Auszüge der Diskussionsrunde unter der Leitung von Jay Dhru, Global Head of Financial Institutions Ratings:

Finanzinstitute weltweit mussten bislang kräftig Federn lassen - von massiven Wertberichtigungen auf forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS) über die Auffanglösung für die Investmentbank Bear Stearns bis hin zum jüngsten Zusammenbruch der amerikanischen Hypothekenbank IndyMac Bank. Wie ordnen Sie das Ausmaß der gegenwärtigen Lage historisch ein und wann könnte dieser Sektor nach Ihrer Ansicht aus dem Gröbsten heraus sein?

Tanya Azarchs, North American Regional Criteria Officer: Dies dürfte nicht nur in Amerika, sondern möglicherweise auch im Ausland als eine der schwersten Bankkrisen in die Geschichte eingehen. Sie übertrifft jene der Jahre 1998 und 1994 dergestalt, dass sie nicht nur gewaltige Preisverluste bei Vermögenswerten auslöste, sondern auch in einer mittlerweile mehr als ein Jahr schwelenden Kreditklemme resultierte. Frühere Krisen tobten jeweils nur wenige Monate.

Hinter der Kreditklemme stehen Preisrückgänge bei Immobilien nach einer Periode übermäßig starker Preissteigerungen. Diese Preisrückgänge haben sich in sehr kurzer Zeit in Verluste multipliziert, die ansonsten von Banken übernommen und über einen langen Zeitraum planmäßig abgeschrieben worden wären. Banken mit umfangreichen Kapitalmarktaktivitäten waren hiervon besonders stark betroffen. In diesem schwierigen Umfeld haben sich die geldpolitisch Verantwortlichen sehr gut geschlagen, indem sie versuchten, die Liquiditätsbedingungen teilweise zu entspannen. Wir gehen allerdings nicht davon aus, dass sich diese Bedingungen im kommenden Jahr drastisch verbessern werden.

Nach unserer Ansicht treten wir nun darüber hinaus in die zweite Phase des Problems ein, die sich durch eine rasante Verschlechterung der Qualität von Kreditportfolios der Banken auszeichnet. Hiervon sind nicht mehr nur die Finanzinstitute mit Kapitalmarktaktivitäten betroffen, sondern auch jene mit traditionellem Bankgeschäft. Derzeit lasten die Probleme auf dem Hypothekenkreditbereich, wir rechnen jedoch mit einer Ausweitung der Kreditausfälle auf andere Sektoren des Konsumentenkreditgeschäfts. Letzten Endes könnten sie auch auf das Gewerbekreditgeschäft und hierbei insbesondere auf den gewerblichen Immobiliensektor übergreifen.

Rodrigo Quintanilla, Head of North American Bank Ratings: Die anhaltende Krise auf den Häusermärkten ist in diesem Ausmaß seit den 1930er-Jahren nicht mehr aufgetreten, und im Unterschied zu früheren Krisen oder Abschwüngen sind den Währungshütern angesichts konkurrierender Faktoren wie Inflation, Ölpreis und Wertverfall des Dollars diesmal die Hände für weitere geldpolitische Lockerungen gebunden. Damit sind quasi alle Zutaten für eine 'perfekte' Krise beisammen.

Dieser Zyklus ist zudem nicht nur im Hinblick auf Art und Umfang der Verluste, sondern auch hinsichtlich der Kapitalbeschaffung einmalig. In keinem früheren Zyklus gab es so viele Kapitalerhöhungen zum Stopfen von Bilanzlöchern, was als positiver Ausgleichseffekt betrachtet werden kann. Es bleibt abzuwarten, wie lange diese Praxis anhalten und in welchem Ausmaß kleineren Banken diese Option offen stehen wird. Die verzögerten Auswirkungen von Kreditausfällen werden wahrscheinlich bis weit ins Jahr 2009 zu beobachten sein. Mit dem Beginn einer Erholung oder mit ersten handfesten Anzeichen einer Erholung ist daher nicht vor Ende 2009 oder Anfang 2010 zu rechnen.

Wie sehen unsere maßgeblichen Kreditsorgen für den Sektor in den verbleibenden Monaten des laufenden Jahres und für den Anfang des kommenden Jahres aus? Welche Segmente der Branche werden die gegenwärtige Krise gut meistern und wo gibt es noch Fragezeichen?

Scott Bugie, Global Head of Financial Institutions Criteria: Eines der Sorgenkinder ist nach wie vor die Marktliquidität. Den Finanzinstituten stehen zwischenzeitlich weniger Möglichkeiten der Mittelaufnahme für ihre Geschäftstätigkeit zur Verfügung. Strukturierte Finanzierungen, einst ein Hauptpfeiler für die Darlehensfinanzierung, sind noch immer sehr schwach. Für Finanzinstitute wird ihr anhaltender Zugang zu Liquidität und ihre Fähigkeit zur Bewältigung der sich wandelnden Stimmung auf den Kreditmärkten zukünftig zu zentralen Faktoren bei der Rating-Einstufung werden.

Daneben sorgen wir uns um Institute, die in bestimmten geographischen Regionen engagiert sind und deren Geschäftsfelder unter Kreditdruck stehen. Die Vereinigten Staaten sind analog zu den Abschwüngen des Sektors Ende der 1980er und Anfang der 1990er die erste große Volkswirtschaft, die unter den Problemen zu leiden hatte. Seinerzeit dauerte es einige Jahre, bevor die Probleme im selben Ausmaß auch in Europa auftraten. In Großbritannien, Spanien, Irland und Australien sind bereits erste Auswirkungen spürbar. Wir gehen davon aus, dass andere Länder über kurz oder lang ähnliche Probleme mit überhitzten Preisen und Marktkorrekturen - vor allem auf den Häusermärkten - verzeichnen werden. Mit Blick auf die Geschäftsfelder geben private und gewerbliche Hypothekenkredite in den Vereinigten Staaten weiterhin Anlass zur Sorge. Darüber hinaus lasten strukturierte Produkte schwer auf dem Kredithandel, insbesondere im Investmentbanking.

Bestimmte Institute abseits der genannten Regionen und Geschäftsfelder sowie einige der kleineren Institute mit Brot-und-Butter-Geschäft in anderen Ländern, beispielsweise in Kontinentaleuropa, scheinen sich in guter Verfassung zu befinden und haben bislang mit weniger Kreditsorgen zu kämpfen.

Es kursieren verschiedene Schätzungen über die Gesamtverluste der Branche, die sich zwischen einer und zwei Billionen Dollar bewegen. Wie sehen unsere aktuellen Schätzungen der von der Finanzbranche insgesamt zu beklagenden Verluste aus?

Azarchs: Die Kapitalmarktsparten der großen Finanzinstitute haben bislang weltweit Wertberichtigungen auf hypothekarisch besicherte Wertpapiere und andere problematische Finanzinstrumente (wie etwa Kredite für fremdfinanzierte Übernahmen, verbriefte gewerbliche Immobilienkredite (CMBS) und Auktionsanleihen (ARS)) im Umfang von rund 300 Milliarden Dollar vorgenommen. Die im Rahmen der Marktbewertung vorzunehmenden Wertberichtigungen sind bisweilen mit deutlichen Liquiditätsprämien für diese Wertpapiere verbunden. Würden Banken diese Papiere bis zur Fälligkeit halten, könnten die tatsächlichen Verluste möglicherweise geringer ausfallen. Die im Zuge dieser Marktbewertung ermittelten Verluste dürften auch in den kommenden Quartalen anhalten, da Banken damit beginnen, ihre Wertpapiere zu Schleuderpreisen abzustoßen und [mit Anleiheversicherern] Modalitäten für ihre Fremdkapitalengagements auszuhandeln.

Darüber hinaus weiten sich die Probleme auf hypothekarisch besicherte Wertpapiere (MBS) der Bonitätsklasse Alt-A aus. Diese Papiere könnten in ihrer Gesamtheit weitere beträchtliche Verluste nach sich ziehen, ohne dabei jedoch das bisher angefallene Volumen zu erreichen. Regionalbanken, die MBS in ihren Portfolios mit Wertpapieren der Liquiditätsreserve halten, dürften für den Fall einer ausbleibenden Erholung der Preise nicht um Wertberichtigungen herumkommen. Hierin sind noch nicht die von uns für die Kreditportfolios erwarteten Maßnahmen enthalten.

Die ersten Anzeichen von Problemen im Konsumentenkreditgeschäft traten bei nachrangig besicherten Immobiliendarlehen und bei erstrangigen Hypothekenkrediten auf, weiten sich jedoch zusehends auf andere Segmente des Konsumentengeschäfts aus. Autokredite sind für Finanzinstitute zwar ein kleineres Segment, das jedoch ebenfalls seinen Teil zu den Problemen beisteuert. Ein größeres Segment sind Kreditkartenkredite, insbesondere für die vier in diesem Bereich stark engagierten Banken; hier beginnen die Kreditausfälle bereits steil anzusteigen.

Wir sind uns nach wie vor relativ sicher, dass der Höhepunkt der Kreditausfälle bei Kreditkarten nicht höher sein wird als im historischen Durchschnitt, da es sich hierbei um einen konzentrierten Bereich handelt, in dem eine relativ kleine Anzahl von Banken mit vergleichsweise vernünftigen Geschäftspraktiken miteinander konkurriert. Hier konnten wir nicht die auf dem Hypothekenmarkt erfolgte massive Abkehr von umsichtigen Kreditvergabestandards beobachten. Zudem scheint die Belastung auf dem Markt für Kreditkartenverbriefungen geringer auszufallen als bei der Verbriefung von Hypothekenkrediten, was zum Teil daran liegt, dass Banken bei Kreditkartenverbriefungen einen großen Teil der Risiken selbst tragen. Wir erwarten daher nicht, dass in diesem Segment die im Hypothekenbereich aufgetretenen Exzesse vorkommen werden.

Die jährlichen Ausfälle innerhalb der Kreditportfolios amerikanischer Banken schätzen wir für die kommenden zwei bis drei Jahre auf bis zu 265 Milliarden Dollar, dem ein Wert von 30 Milliarden Dollar im günstigeren Umfeld des Jahres 2006 gegenübersteht. Den von Banken für die Zukunft erwarteten höheren Kreditausfällen dürfte noch im laufenden Jahr mit der Bildung von Rückstellungen Rechnung getragen werden. Die Ausfälle in den Kreditportfolios werden einen breiteren Kreis von Banken treffen und nicht nur auf die großen Institute mit Kapitalmarktaktivitäten beschränkt sein. Nach unserer Einschätzung werden sich die Ausfälle zunächst auf die Bestände von Eigenheimhypotheken und anschließend auf die Portfolios mit Krediten für Wohnungsbauunternehmen konzentrieren. Alle Konsumentenkredite werden unter Druck geraten, der eventuell auf das normale Gewerbekreditgeschäft und später möglicherweise auch auf den gewerblichen Immobiliensektor übergreifen könnte.

Bugie: Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Kreditausfälle innerhalb der nächsten Jahre eintreten werden - im Gegensatz zur ersten Phase dieses Zyklus', in der die Verpflichtung zur erfolgswirksamen Marktbewertung verbriefter Finanzinstrumente zu einem beschleunigten Verlustausweis führte. Hierdurch unterscheidet sich der Zyklus in seiner Gestalt von jener Ende der 1980er und Anfang der 1990er, als diese Verpflichtung zur Marktbewertung noch nicht existierte

Michelle Brennan, Regional Criteria Officer (EMEA) Bank Ratings: In Europa sind die Verluste im Firmenkundengeschäft und die Wertberichtigungen auf Portfolios mit strukturierten Finanzanlagen weiterhin hoch, der Fokus verlagert sich nun jedoch auf die sich abzeichnenden Probleme in den Portfolios traditioneller Kredite, während die europäischen Volkswirtschaften mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in eine Abschwungphase eintreten.

Wir rechnen damit, dass sich dieser wirtschaftliche Druck zunächst in einer Abschwächung der Kreditvergabe und in geringeren Erträgen niederschlagen wird, bevor wesentliche Aufwendungen für Kreditausfälle auftreten werden. Die Performance der Portfolios mit traditionellen Krediten ist im Allgemeinen zwar nach wie vor robust, doch auch hier sehen wir vermehrt Anzeichen einer Verschlechterung der Qualität von Vermögenswerten in einigen spezialisierten Portfolios und gehen davon aus, dass sich diese je nach der Geschwindigkeit der Wachstumsverlangsamung europäischer Volkswirtschaften weiter ausweiten könnten. Wir rechnen damit, dass die Probleme mit der Qualität von Vermögenswerten stärker in den Unternehmensergebnissen 2009 als in jenen des laufenden Jahres zum Tragen kommen werden, was im zweiten Quartal 2008 jedoch bereits in negativen Veränderungen bei den Rating-Einstufungen oder Ausblicken in Großbritannien, Spanien und Irland resultierte.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 22:03 Uhr
  Vortag
BUND 144,35 +0,25%
 OK
Zinsen
25.05.2012 11:45 Uhr
  Vortag
REXP 422,77 +2,82%
 OK