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Finanzkrise Erholung des Bankensystems gerät ins Stocken

Die Abschreibungen auf minderwertige Kreditverbriefungen sind zu einem großen Teil verarbeitet. Doch noch immer fehlt es den Banken an Eigenkapital. Nun drohen ihnen neue Verluste aus der beginnenden Insolvenzwelle.

© dpa Vergrößern Die Hilfen der Europäischen Zentralbank (EZB) haben das Leihsystem der Banken stabilisiert

Die Gesundung des Bankensystems hat seit dem Krisenhöhepunkt im Frühjahr gute Fortschritte gemacht, doch in den vergangenen Wochen haben sich die Risikoprämien für europäische Banken wieder spürbar erhöht. Seit Anfang Juli ist zum Beispiel der Itraxx-Bankenindex von 77 auf nahezu 100 Basispunkte gestiegen. Die Absicherung von erstrangigen Forderungen gegen europäische Banken kostet also wieder etwa ein Prozent der versicherten Summe. Das ist zwar nur halb so viel wie auf dem bisherigen Höhepunkt der Verunsicherung im März dieses Jahres, bedeutet aber im Vergleich zum Ende Juli erreichten Niveau eine spürbare Erhöhung der Finanzierungskosten.

Dieses Mal drehen sich die Sorgen aber offenbar nicht um die Liquiditätsversorgung. Die nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Bank Lehman Brothers im vergangenen Herbst begonnenen Hilfen der Europäischen Zentralbank (EZB) haben das Leihsystem der Banken stabilisiert. Noch immer funktioniert es zwar nicht reibungslos, sondern ist auf die Krücken der Zentralbank und auf staatliche Garantien angewiesen. Noch immer misstrauen sich die Banken untereinander und leihen sich aus Sicherheitsgründen mehr Geld bei der EZB, als sie für die Kreditvergabe benötigen. Aber immerhin baut sich die aus Vorsichtsgründen zurückgehaltene Liquidität allmählich ab. Der Geldmarkt scheint sich allmählich zu normalisieren. So hat sich etwa die Differenz zwischen dreimonatigen Leihgeschäften und dem Zins für Geschäfte über Nacht stark reduziert. Mit einem halben Prozentpunkt hat dieser Wert, der zeitweise auf 3 Prozentpunkte gestiegen war, fast wieder das Niveau des Jahres 2007 erreicht. Einige Banken vertrauen ihr Geld also wieder für längere Zeit ausgewählten Konkurrenten an.

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Durchschnittliche Kreditqualität nicht wesentlich besser als „BB“

Trotz der - dank staatlicher Unterstützung - gesicherten Versorgung mit Liquidität haben die Sorgen um das Bankensystem zuletzt jedoch wieder zugenommen. Diesmal gehe es vor allem um die Kapitalausstattung, sagt Rolf Schäffer, ein Analyst der Landesbank Baden-Württemberg. Die Banken hätten vor allem mit Verbriefungsgeschäften starke Verluste erlitten. Obendrein führten die fortgesetzten Rating-Herabstufungen dazu, dass sie für die Verbriefungen in ihren Portefeuilles mehr des knappen Eigenkapitals vorhalten müssen. Ein Beispiel verdeutlicht die Wirkung: Besitzt eine Bank eine Verbriefung gewerblicher Hypotheken im Wert von 100 Millionen Euro, die mit der Bestnote „AAA“ bewertet ist, benötigt sie für diese Position nur 560.000 Euro Eigenkapital. Fällt das Rating aber auf „BB“, was ein erhöhtes Ausfallrisiko signalisiert, sind schon 40 Millionen Euro gefordert. Von „B“ an springt der Kapitalbedarf auf 100 Millionen Euro.

Infografik /  Risikoprämien und Liquidität © F.A.Z. Vergrößern

Eine weitere offene Flanke sei für die Banken die wirtschaftliche Entwicklung, erläutert Tim Brunne, ein Analyst der Unicredit. Die Stimmung in der Wirtschaft habe sich verbessert, aber die Arbeitslosigkeit und die Zahl der Insolvenzen stiegen weiter und hätten den Höhepunkt noch nicht erreicht. In Amerika erwarten die Ratingagenturen für schwache Anleihenschuldner mit Ratings von „BB+“ oder schlechter Zwölf-Monats-Ausfallraten von mehr als 15 Prozent. In den Kreditportefeuilles der großen Banken dürfte die durchschnittliche Kreditqualität nicht wesentlich besser als „BB“ sein.

Mehr neue Unternehmensanleihen gab es nie zuvor

Investoren und Gläubiger der Banken erwarten zugleich einen Abbau der Risiken. Mit einer Kernkapitalquote von 7,3 Prozent waren die Banken des Euro-Systems Ende des vergangenen Jahres aus aufsichtsrechtlicher Sicht zwar mehr als ausreichend mit Kapital ausgestattet. Aber bei dieser Kennzahl werden viele Positionen der Banken, zum Beispiel Staatskredite, gar nicht berücksichtigt, die früher als unbedenklich galten, sich in der Krise aber als riskant erwiesen haben. Im Verhältnis zur gesamten Bilanzsumme machte das Kernkapital der Euro-Banken Ende 2008 nur etwa 2,5 Prozent aus. Würde dieser Wert auf 4 Prozent erhöht, so rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) vor, benötigten die Banken des Euro-Systems rund 375 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital. Weltweit beträgt der Kapitalbedarf der Banken nach Rechnung des IWF 875 Milliarden Dollar.

Auch die Zentralbanker des Euro-Systems haben die Eigenkapitalausstattung der Banken als Schwäche erkannt. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet fordert die Banken regelmäßig dazu auf, ihr Eigenkapital zu stärken und die staatlichen Angebote endlich auszuschöpfen.

Der nun wieder zu beobachtende Anstieg der Risikoprämien für Forderungen gegen Banken ist für manche Banken eine ernste Beeinträchtigung. Denn für viele Unternehmen sind die Risikoaufschläge für eigene Schuldtitel auf dem Kapitalmarkt inzwischen geringer als die der Banken. Das macht es für die Unternehmen interessant, auf die Dienste der Banken zu verzichten und sich selbst über die Begebung von Anleihen zu finanzieren. Das Emissionsvolumen hat in diesem Jahr weltweit den Wert von 1000 Milliarden Dollar gerade überschritten; mehr neue Unternehmensanleihen gab es nie zuvor.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.08.2009, 10:30 Uhr

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