15.09.2008 · Als die schlechten Nachrichten eine Zeitlang ausblieben, hatten sich die Anleger dem Glauben hingegeben, die Finanzkrise habe sich beruhigt. Der Montag zeigt: dem ist nicht so. Jetzt wird auf eine neue Zinssenkung spekuliert. Doch die scheint weder zwangsläufig noch wirklich wünschenswert.
Von Martin HockDas Gefährliche an Finanzkrisen ist die Gewöhnung. Zum zweiten Mal in diesem Jahr hatten sich die Anleger an den Aktienbörsen durch das Ausbleiben neuer schlechter Nachrichten einlullen lassen und sich dem trügerischen Glauben hingegeben, der schlimmste Teil der Finanzkrise sei vorbei oder diese sei gar ganz überstanden.
Doch ein Aktienhändler brachte es am Morgen auf den Punkt. „Wir sind mitten in der Systemkrise“. Das ist beileibe keine neue Erkenntnis (vgl. etwa Fannie & Freddie in der Systemkrise), nur scheint sie jetzt - erneut - bei den Anlegern anzukommen.
Damoklesschwert AIG
Mit der Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America und dem Konkursantrag der Lehman Brothers Holding kommen die Meldungen diesmal so geballt und sind so drastisch, dass kaum noch eine Selbsttäuschung möglich ist.
Zudem schwebt jetzt mit der Krise des Versicherers American International Group (AIG) ein weiteres Damoklesschwert über den Märkten. AIG droht eine Abstufung der Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur S&P. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge drohen in diesem Fall Mittelabflüsse, die den Versicherer binnen 48 bis 72 Stunden vor dem Aus stehen lassen würden.
AIG bemühe sich bei der amerikanischen Notenbank Fed um einen Überbrückungskredit von 40 Milliarden Dollar. Die Zeitung schreibt am Montag in ihrer Online-Ausgabe, es sei nicht klar, ob die Fed der Anfrage stattgeben werde.
Politikänderung
Mit dem Konkursantrag hat auch die Hoffnung auf weitere direkte Staatshilfen einen erheblich Dämpfer bekommen. Die amerikanische Politik scheint zu einer neuen Abwägung der Gefahren gekommen zu sein. Im Vordergrund steht offenbar nun, dass weitere Rettungsaktionen mit Hilfe von Steuergeld großen politischen Schaden anrichten könnten: zum einen bei den Wählern, denen nur schwer zu vermitteln wäre, dass die Regierung immer mehr Finanzinstitute herauspaukt, deren hoch bezahlte Manager sich auf der Jagd nach Reichtum verspekuliert haben. Zum anderen, weil solche Rettungsaktionen künftige Manager-Generationen zu kurzsichtigem Geschäftsgebaren geradezu einladen würden.
Im Vergleich dazu wird das Risiko eines Finanzkollapses - mit seinen möglicherweise üblen Folgen auch für „den kleinen Mann“ - offenbar geringer eingeschätzt. Die Fed setzt jetzt anscheinend wieder auf die Stützung des Marktes und hat Maßnahmen angekündigt. Unter anderem will die Federal Reserve weitere Sicherheiten für die Ausgabe von Notfalldarlehen akzeptieren als bisher, wie die Zentralbank mitteilte.
Von der Kreditzurückhaltung zur -klemme?
Damit solle die Liquidität der Primärhändler und der Finanzmärkte allgemein verbessert werden, erklärte Fed-Chef Ben Bernanke in der Nacht zum Montag. Zudem würden die „potentiellen Risiken und Störungen der Märkte“ abgeschwächt. Die Schritte seien in enger Abstimmung mit dem amerikanischen Finanzministerium und der Börsenaufsicht SEC erfolgt, erklärte Bernanke weiter. Unterstützung erhält sie dabei von der Europäischen Zentralbank EZB, die am Montagmorgen einen neuen Schnelltender für Tagesgeld zu einem Mindestbietungssatz von 4,25 Prozent ankündigte, ohne ein Volumen festzulegen.
Nach Einschätzung der Analysten der Commerzbank wirkt diese Aktion der Fed insgesamt allerdings fast schon etwas hilflos. Denn die jüngste Entwicklung zeigt deutlich, dass die Angst vor einer systemischen Krise des amerikanischen Finanzsystems nur allzu berechtigt ist.
Weitere Bankpleiten, so die Commerzbank, seien nicht auszuschließen, das wechselseitige Vertrauen an den Geldmärkten könnte neue Tiefstände erreichen. Die große Gefahr sei, dass sich nicht nur das Wachstum der Kreditvergabe verlangsamt, sondern diese sogar sinke. Aus der Kreditzurückhaltung könne eine Kreditklemme werden. Politik und Banken hätten die weitere Ausbreitung der Krise nicht verhindern können, jede Maßnahme scheine sogar eine kürzere Vorhaltezeit zu haben als die vorangegangene.
Spekulation auf Zinssenkung
Die amerikanischen Banken würden noch geraume Zeit mit dem Aufräumen ihrer Bilanzen beschäftigt sein. Die Eigenkapitalaufnahme sei schwierig. Angesichts des unverändert massiven Abschreibungsbedarfs seien die Institute zu starken Bilanzverkürzungen gezwungen, wobei kaum zu erwarten sei, dass bei Verkäufen auskömmliche Preise zu erzielen seien. Die Analysten stellen sich darauf ein, dass dieser Prozess lange dauern werde.
Während die Aktienmärkte in die Knie gehen, haussieren die Rentenmärkte in selten gesehener Art und Weise. Bis zu 132 Basispunkte legte der Bund-Future am Morgen zu, der Bobl-Future um 108 Basispunkte. Zehnjährige amerikanische Staatsanleihen rentieren nur noch mit 3,5 Prozent.
Grund ist die Spekulation auf weitere Zinssenkungen der Fed, die bis zum Jahresende nunmehr fast als ausgemacht gilt. Die käme den Banken sicherlich zugute, ebenso würde sie die weiteren konjunkturellen Belastungen aus einer Kreditklemme zumindest dämpfen.
Die Munition geht zur Neige
Doch die Gefahren erscheinen mindestens ebenso groß. Bei einem Leitzinsniveau von nur noch zwei Prozent besteht Grund zur Sorge, dass die Zentralbank ihr letztes Pulver zu früh verschießen könnte. Denn die nunmehr rund zwanzig Jahre anhaltende japanische Wirtschaftsmisere zeigt, dass Zinssenkungen zum einen kein Allheilmittel sind, zum anderen, dass wenn sie wirkungslos bleiben, die Wirtschaft in der Zinsfalle sitzen zu bleiben droht, weil der Geldpolitik die Möglichkeiten ausgegangen sind.
Bei anderen Instrumenten hat die Fed ihre Spielräume praktisch schon ausgereizt. Immerhin akzeptiert sie als Sicherheiten für Zentralbankgeld jetzt sogar Aktien und nähert sich so immer mehr der Politik des einfachen Gelddruckens an.
Charles Diebel, Rentenstratege bei Nomura sieht die Krise sich verschärfen. Außer auf AIG richtet sich der Blick dabei auf die schwer angeschlagene größte amerikanische Sparkasse Washington Mutual. Die Maßnahmen der Fed seien abermals lediglich Reaktionen. Er geht aber nicht unbedingt von einer Zinssenkung aus - die Erfahrungen seien nicht positiv, der Effekt minimal. Zinssenkungen ergeben für ihn nur Sinn, wenn diese im Rahmen einer weltweit koordinierten Aktion vorgenommen würden.
Nachranggläubiger von Lehman könnten leer ausgehen
Für die Kursentwicklung von Banken-Aktien und -Anleihen spielen mögliche Zinssenkungen daher auch nur eine untergeordnete Rolle. Ihre Kurse dürften in den kommenden Wochen unter Druck bleiben. Dann könnten sie sich der lang anhaltenden Krise zum Trotz wieder erholen, sofern weitere schlechte Nachrichten eine Zeitlang ausbleiben - der Verlauf der Krise bringt dies mit sich.
Betreffs der vorrangigen Anleihen von Lehman Brothers gehen die Analysten von Creditsights davon aus, dass die Gläubiger im Falle einer Liquidation 60 bis 80 Prozent der Nominale zurück erhalten. Das ist insofern eine positive Nachricht für späte Einsteiger und spekulative Anleger, als die Kurse zum Teil bis auf 32 Prozent nachgegeben haben. Für Nachrangpapiere dürften die Quoten deutlich niedriger ausfallen. Creditsights schätzte die Quoten in einer ersten Analyse auf null, ebenso für die Vorzugsaktien (Preferentials).
Blick auf die UBS
Wenn der Blick nach Europa geht, fällt er zuerst auf die Schweizer UBS, die im Zuge der Finanzkrise schon hohe Verluste einfuhr. Deren Aktien verlieren am Montag 8,2 Prozent auf 21,60 Franken. Die Bank kämpft immer noch zumindest mit den Langzeitfolgen. Jan-Christian Dreesen, Chef der UBS Deutschland schloss einen Nettomittelabfluss in Deutschland aufs gesamte Jahr gesehen in einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters nicht aus. „Wir haben einen Reputationsverlust erlitten. Es gab und es gibt noch immer empfindliche Nachfragen von Kunden. Unsere Berater müssen viel mehr erklären und wir kämpfen hart um jeden Kunden.“
Nach Ansicht von Dreesen aber hat die Bank das Schlimmste überstanden. Die angespannte Marktlage werde aber bis ins nächste Jahr hineinreichen. „Wir glauben, dass die wirtschaftliche Situation weiterhin schwierig bleiben wird.“
Laut einem Bericht der Schweizer „Sonntagszeitung“ stehen der Bank im zweiten Halbjahr vor weitere Abschreibungen von 5 Milliarden Dollar ins Haus, davon jeweils eine Milliarde auf mit Subprime-Krediten und mit sogenannten Alt-A Krediten besicherte Papiere. Weitere rund 2 Milliarden Dollar entfielen auf Papiere von Kreditversicherern und eine weitere Milliarde auf mit Studentenkrediten besicherte Renten. Dem Bericht zufolge dürfte die UBS kurz vor der außerordentlichen Generalversammlung am 2. Oktober über allfällige zusätzliche Abschreibungen informieren.
Die Bank wollte zu dem Bericht keine Stellung nehmen. Ebenso will die UBS noch keine Einschätzung hinsichtlich der Folgen des Insolvenzantrags von Lehman Brothers abgeben. Dafür sei es viel zu früh, erklärte ein Sprecher.
Welche Systemkrise?
gisbert heimes (gisbert4)
- 15.09.2008, 13:55 Uhr
Wenn Puritaner tanzen könnten, wäre es ein Tanz auf dem Vulkan
Bernhard Sorg (Bernhard.Sorg)
- 16.09.2008, 14:41 Uhr