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Fidor Bank : Der Kunde bestimmt den Einlagezins

Matthias Kröner ist Vorstandssprecher der Fidor Bank Bild: Fidor

Direkte Interaktion mit dem Kunden durch Crowdfunding, ein Diskussionsforum und die Einführung des „Like-Zins“: Die in München ansässige Fidor Bank setzt bei ihrer Arbeit auf die vielfältigen Möglichkeiten des Web 2.0.

          Die Begeisterung ist Matthias Kröner anzusehen, wenn er über das Geschäftskonzept der von ihm gegründeten Fidor Bank spricht. Diese versteht sich als erste Direktbank für das Internetzeitalter der sozialen Netzwerke. „Das Internet und die darin geführten öffentlichen Diskussionen sind die beste Garantie für eine gute Beratung“, ist der Vorstandssprecher des vier Jahre alten Instituts überzeugt.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf der Plattform der in München ansässigen Fidor Bank diskutieren die Kunden mit und stellen Fragen. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu klassischen Banken sei die Kultur. Kröner beschreibt sein Institut als junges, unbelastetes Unternehmen ohne mehr als hundert Jahre an kulturellem Erbe. „Wir müssen uns um jeden Kunden bemühen, deshalb haben wir auch Lust auf Kunden“, betont er im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Mit klassischen Banken hat Kröner in den Jahren von 1993 bis 2002 Erfahrungen gesammelt, als er die Direkt Anlage Bank (DAB Bank) aufgebaut hatte. Zum Schluss ging er nach einem Streit mit dem Eigentümer Hypo-Vereinsbank über die Ausrichtung der Online-Bank. „Wir versuchen für die Probleme der Kunden eine Lösung zu haben und nicht für die Probleme der Bank“, grenzt sich Kröner von den Konkurrenten ab.

          1,1 Prozent „Like-Zins“

          Selbst im Ausland sind ihm keine Institute bekannt, die ein vergleichbares Konzept verfolgen. Die Kunden rekrutierten sich aus der Kommunikationsplattform der Fidor Bank, die seit dem Jahr 2009 eine Vollbanklizenz besitzt und derzeit 50 Mitarbeiter zählt. Unter den 160.000 Mitgliedern befinden sich laut Kröner 27.000 Kontoinhaber. Überweisungen per Internet könnten 75.000 Kunden tätigen.

          Die Community und die Kunden können also an den Produkten mitwirken wie etwa bei der sogenannten Crowdfinanzierung. Die Fidor-Nutzer können darüber Kulturprojekte, Filme, neue Unternehmen oder Kommunen finanzieren. Ein weiteres Beispiel für die Interaktion ist der „Like-Zins“. Über die Facebook-Seite der Fidor Bank können die Kunden mit dem Anklicken von „Gefällt mir“ den Einlagenzins nach oben treiben. Alle 2.000 „Gefällt mir“-Klicks steigt der Zins um 0,1 Prozentpunkte.

          Derzeit gibt es rund 15.400 Nutzer, die „Gefällt mir“ angeklickt haben. Der Zins liegt bei 1,1 Prozent. Die Obergrenze sind 1,5 Prozent, die 22.000 „Likes“ entsprechen. Doch den „Like-Zins“ versteht Kröner nicht nur als „Zinsentwicklungstool“, sondern auch als Marketinginstrument. Durch die Kommunikationsplattform können Nutzer und Kunden auf Fehler oder Schwachstellen im Internetauftritt hinweisen. Als weiteres Beispiel nennt Kröner, der auch Anteilseigner (12,2 Prozent) der Fidor Bank ist, eine Kundenbroschüre, die gemeinsam mit den Kunden geschrieben worden sei.

          „Gänzlich anderes Kundenbild“

          Dass das Netzwerk auch vor den Gefahren des grauen Kapitalmarktes schützen kann, macht er an einem Beispiel fest, als eines Tages ein Nutzer die Frage auf der Plattform stellte: „Was haltet Ihr von diesem Genussschein?“ Die anderen Nutzer konnten über einen Link und die Wertpapier-Kennnummer erkennen, dass das Wertpapier eine auffällig hohe Rendite versprach.

          Im weiteren Verlauf habe die Diskussion dazu geführt, dass staatsanwaltschaftliche Ermittlungen zum Umfeld des Unternehmens durch die Nutzer recherchiert worden seien und schließlich Anzeige bei den Aufsichtsbehörden gestellt worden sei, berichtet Kröner.  Seiner Ansicht nach konnte die Zusammenarbeit der Nutzer in der Recherche nur stattfinden, weil das Angebot und der damit verbundene Dialog im Netz für alle sichtbar waren.

          „Fehlberatung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt“, sagt Kröner. „Madoff und Co. hätten keine Chance, wenn deren Angebote im Netz offen diskutiert würden.“ Darin kommt auch das „gänzlich andere Kundenbild“ zum Ausdruck. „Unsere Kunden haben die Möglichkeit, selbst zu komplexen Sachverhalten im Internet Fragen zu stellen.“  Andere Nutzer, aber auch Berater könnten diese beantworten.

          Weil die Dialoge öffentlich stattfinden, könnten sich andere Nutzer einschalten und kommentieren. Der Nutzer lernt also über die Community auch, welche Fragen er einem Berater in einem Gespräch stellen muss. Kröner hält die Beratungsqualität deshalb für so schlecht, weil die Kunden nicht wissen, welche Fragen sie dem Vertrieb stellen müssen. Da auch Berater anderer Häuser an der Plattform teilnehmen können, ist die Fidor Bank offen für Produkte externer Anbieter.

          „Offenheit ist ein Wesenszug des Web 2.0“, sagt Kröner. In diesem Jahr will die Fidor Bank erstmals ein ausgeglichenes Ergebnis erreichen. Kröner spricht von einer „schwarzen Null“. Jüngst wurde ein neuer Investor mit der JZ Erste Beteiligungs GmbH gefunden. Wenn die Finanzaufsicht Bafin diese Beteiligung genehmigt, wird die JZ 25,2 Prozent an der schon börsennotierten Fidor Bank AG halten.

          Dann käme die Bank auf 22 Millionen Euro Eigenkapital, davon 15 Millionen Euro aufsichtsrechtlich.  Gegenwärtig hat die Fidor Bank, die auch Geschäftskunden anspricht, Einlagen von 155 Millionen Euro. Die Kredite liegen mit 105 Millionen Euro darunter. Dass ihm der Einlagenüberhang nicht behagt, daraus macht Kröner keinen Hehl. „Das sind entweder zu wenig Kredite oder zu viele Einlagen.“ Im Oktober wurde das Neugeschäft mit Tagesgeld gestoppt. In Zukunft hofft Kröner auf ein wachsendes Kreditgeschäft.

          Quelle: F.A.Z.

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