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EZB Der Schatten-Leitzins

10.03.2009 ·  Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins auf 1,5 Prozent gesenkt. Das ist das niedrigste Zinsniveau seit ihrer Gründung. Viele Banken können sich aber schon für weniger refinanzieren. Damit ist praktisch ein zweiter Leitzins geschaffen worden.

Von Stefan Ruhkamp, Frankfurt
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Gerade hat die Europäische Zentralbank ihren offiziellen Leitzins auf 1,5 Prozent gesenkt. Das ist das niedrigste Zinsniveau seit ihrer Gründung. Für manche Banken ist die Refinanzierung noch billiger: Sie können sich auf dem Geldmarkt für wenig mehr als 0,5 Prozent Zentralbankgeld leihen - sofern sie einen Kreditgeber finden. Der Europäischen Zentralbank (EZB) scheint diese Entwicklung gar nicht ungelegen zu kommen. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet wies bei der Erläuterung der jüngsten Zinsentscheidung mehrmals auf den ebenfalls gesenkten Zins für die Einlagenfazilität hin, der nun 0,5 Prozent beträgt. Manche Geldhändler bezeichnen den Einlagenzins bereits als den zweiten Leitzins.

Wieso spielt dieser Zinssatz derzeit eine so wichtige Rolle? Normalerweise liegt der Geldmarktsatz, zu dem sich die Banken untereinander Geld über Nacht leihen, nahe bei dem Zinssatz, der sich bei den wöchentlichen Refinanzierungsgeschäften der EZB mit einwöchiger Laufzeit ergibt; dieser Zins galt deshalb bis vor einiger Zeit als der „Leitzins“ der EZB. Doch in den vergangenen Monaten hat sich der im freien Handel ermittelte Zinssatz weit von diesem Leitzins entfernt und liegt nur geringfügig über dem Satz für die Einlagenfazilität, zu dem die Geschäftsbanken ihre überschüssige Liquidität über Nacht bei der EZB zinstragend und absolut ausfallsicher anlegen können.

Furcht vor weiteren Bankenschieflagen

In normalen Zeiten nehmen die Geschäftsbanken diese Ausweichmöglichkeit nur selten in Anspruch. Denn die Geschäftsbanken bekommen in der Einlagenfazilität weniger Zinsen, als sie bei der Geldaufnahme über die wöchentlichen Tender - für die gilt der eigentliche Leitzins - zahlen müssen. Es ist also günstiger für die Geschäftsbanken, beim Wochentender lieber gerade so viel Geld zum Leitzins aufzunehmen, wie sie für die Erfüllung der Mindestreserve, den Bargeldbedarf und für ihre gesamte Liquiditätssteuerung benötigen. Entsteht kurzfristig zusätzlicher Liquiditätsbedarf, kann man auf den Geldmarkt zurückgreifen, auf dem rund 8000 Banken des Euro-Raums ihre Liquidität austauschen: Ein Teil der Banken hat viele Zahlungen erhalten, dadurch Überschüsse und will deshalb Geld verleihen, ein anderer Teil hat zu wenig davon und nimmt es gern. So funktioniert der Markt normalerweise.

Seit Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 fürchten die Banken jedoch, in einen Liquiditätsengpass zu geraten. Insbesondere wenn die Furcht vor weiteren Bankenschieflagen hochkocht, machen Banken mit Liquiditätsüberschuss ihre Taschen zu - und für die übrigen Häuser wird es dann schwierig und teuer, wenn nicht unmöglich, sich die benötigten Beträgen zu leihen.

Die Vorsicht der Banken

Deshalb decken sich die Banken nun lieber bei den regelmäßigen Refinanzierungsgeschäften der EZB, die eine Laufzeit von einer Woche bis zu sechs Monaten haben, mit viel mehr Geld ein, als sie brauchen. Die EZB spielt dabei mit: Nach dem Lehman-Konkurs im September 2008 ist sie dazu übergegangen, bei den wöchentlichen Ausleihungen die gesamte Nachfrage der Banken nach Liquidität in unbegrenzter Höhe zum Leitzins zu erfüllen.

Und tatsächlich fragen die Banken wegen ihrer großen Vorsicht regelmäßig deutlich mehr Geld nach, als sie brauchen. Das hat zur Folge, dass es jeden Tag riesige Überschüsse gibt. Die gehen zum größeren Teil in die niedrig verzinste Einlagenfazilität der EZB. In Spitzenzeiten waren es mehr als 200 Milliarden Euro je Nacht, inzwischen sind die Beträge auf gut 100 Milliarden Euro gesunken.

Ein Teil des überschüssigen Geldes wird aber auch auf dem Geldmarkt verliehen. Der Umsatz dieser Übernachtgeschäfte fällt zu Krisenhöhepunkten regelmäßig auf Werte zwischen 10 und 20 Milliarden Euro - weil dann keine Bank einer anderen Geld leihen will. Inzwischen hat sich die Stimmung wieder etwas gebessert, und die Umsätze liegen nach Angaben von Händlern zwischen 35 und 55 Milliarden Euro. Dass es nicht mehr ist, liegt weniger am Misstrauen der Banken, die zu viel Liquidität halten, als an der Vorsicht der Banken mit Liquiditätsbedarf.

Zweiter Leitzins

Es handelt sich also um einen Nachfragermarkt, weshalb der Geldmarktzins deutlich unter dem Leitzins liegt. Die Untergrenze wird durch den Satz für die Einlagenfazilität vorgegeben, denn diesen Satz können sich liquiditätsstarke Banken risikolos von der EZB bezahlen lassen. Bei der jüngsten Zinsentscheidung hat die EZB den Satz für die Einlagenfazilität wie den Leitzins um 0,5 Prozent gesenkt, von bislang 1 auf nunmehr 0,5 Prozent. Für die kommenden Tage ist deshalb damit zu rechnen, dass auch der Geldmarktsatz für Übernachtgeschäfte auf dieses Niveau sinken wird.

Der EZB scheint das derzeit ganz recht zu sein. So hat EZB-Präsident Trichet am vergangenen Donnerstag argumentiert, dies sei eine praktisch zwangsläufige Folge des Umstands, dass die EZB bei den Refinanzierungsgeschäften den gesamten Betrag bereitstelle, den die Geschäftsbanken nachfragten. Laut Trichet wird die EZB an dieser Praxis so lange festhalten, wie dies für die Banken nötig sei, auf alle Fälle aber bis Ende 2009. Dementsprechend dürfte sich der Zins für Übernacht-Kredite unter Banken nun bis auf weiteres nicht mehr am Zinssatz für die Refinanzierungsgeschäfte orientieren, sondern vielmehr am Zinssatz für die EZB-Einlagenfazilität - der damit praktisch zum zweiten Leitzins geworden ist.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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