04.03.2009 · Angesichts der Krise gilt es als sicher, dass die EZB ihren Leitzins am kommenden Donnerstag senkt. Möglicherweise kündigt sie zudem an, erstmals zu „ungewöhnlichen Maßnahmen“, beispielsweise dem Direktankauf von Wertpapieren, zu greifen.
Von Benedikt FehrPraktisch alle Beobachter der Europäischen Zentralbank (EZB) sind sich einig, dass der EZB-Rat den Leitzins am Donnerstag von 2 auf 1,5 Prozent herabsetzen wird. Gleichwohl fiebern die Akteure an den Finanzmärkten der Pressekonferenz nach der Ratssitzung mit ungewöhnlich großer Spannung entgegen. Denn sie erwarten von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet nicht nur einen Ausblick auf die weitere Entwicklung des Leitzinses, sondern auch seine Einschätzung der wirtschaftlichen Lage, ferner Hinweise auf das weitere Vorgehen bei den Refinanzierungsgeschäften der EZB sowie über etwaige „unkonventionelle Maßnahmen“ wie den direkten Ankauf von Wertpapieren.
Mit einem direkten Ankauf von Wertpapieren würde die EZB Neuland betreten. Bislang hat sie nur Banken Kredite gewährt und das auch nur mit kurzer Laufzeit. Bundesbankpräsident Axel Weber und sein französischer Amtskollege Christian Noyer ließen am Dienstag auf einer Konferenz durchblicken, dass der EZB-Rat am Donnerstag über den Ankauf kurzlaufender Unternehmensanleihen („Commercial Paper“) diskutieren werde. Man prüfe die Optionen, entschieden sei noch nichts. Durch einen Verkauf von Commercial Paper an die EZB würde den emittierenden Unternehmen Geld zufließen, ähnlich wie bei einem Kredit durch die EZB. Gleichzeitig würde die in der Wirtschaft umlaufende Geldmenge steigen.
Maastricht verbietet Direktankäufe
Die EZB würde damit der amerikanischen Notenbank Fed folgen, die bereits seit vergangenem Herbst Wertpapiere ankauft, zum einen, um Banken mit Liquidität und Unternehmen mit Krediten zu versorgen; zum anderen, um das Zinsniveau am langen Ende des Hypothekenmarktes nach unten zu drücken und damit Eigenheimbesitzern finanzielle Erleichterung zu verschaffen. Indirekt hilft die zusätzliche Liquidität der amerikanischen Regierung zudem, die riesigen Beträge an Staatsanleihen abzusetzen, welche das Konjunkturprogramm sowie die Bankennothilfen finanzieren.
EZB-Beobachter Michael Schubert von der Commerzbank hält Spekulationen für unwahrscheinlich, dass die EZB neben Commercial Paper demnächst auch Euro-Staatsanleihen ankaufen könnte. Einen direkten Ankauf verbietet der Maastricht-Vertrag der EZB. Ein indirekter Ankauf solcher Papiere über den Markt könnte als Umgehung des Maastricht-Vertrags ausgelegt werden - was dem Vertrauen der Bevölkerung in die EZB und ihre Vertragstreue abträglich wäre. Das werde die EZB vermeiden wollen, vermutet Schubert. Zudem stellt sich die Frage, welche Staatsanleihen die EZB ankaufen soll: Kauft sie Papiere mit einer hohen Risikoprämie, würde dies möglicherweise gerade denjenigen Ländern einen Vorteil verschaffen, denen der Markt wegen allzu laxer Fiskalpolitik misstraut. Kauft sie hingegen Anleihen, die auf dem Markt schon jetzt als „sicherer Hafen“ gelten, könnte dies die Spannungen auf den Märkten für Euro-Staatsanleihen noch verstärken.
Leitzins auf historischem Tief
Was die EZB-Zinspolitik anbelangt, äußerten in einer Umfrage von Reuters 76 von 78 EZB-Beobachtern die Erwartung, dass der Leitzins am Donnerstag auf 1,5 Prozent herabgesetzt wird. Das wäre für den Euro-Raum ein historisches Tief. Mark Wall, ein Analyst der Deutschen Bank, hält auch einen besonders großen Zinsschritt von 2 auf 1 Prozent für möglich. Der EZB-Rat würde damit den Spekulationen auf weitere Zinsschritte den Wind aus den Segeln nehmen, meint Wall.
Gleichzeitig könnte der EZB-Rat dies als Schlusspunkt der konventionellen Zinspolitik darstellen. Am Markt sind Äußerungen von Bundesbankpräsident Weber so verstanden worden, dass er einen Leitzins von 1 Prozent für die Untergrenze hält. Dem werden Äußerungen des zypriotischen Zentralbankchefs Athanasios Orphanides gegenübergestellt, der angeblich einer Null-Zins-Politik das Wort geredet haben soll. Der jüngste Rückgang der Rendite für zweijährige Bundesanleihen auf nur noch 1,17 Prozent gilt als Indiz, dass die Anleger auf einen Leitzins unter 1 Prozent spekulieren (siehe Graphik).
Zinssatz für Tagesgeld muss wieder näher an Leitzins
Schubert geht für Donnerstag von einer Leitzinssenkung auf 1,5 Prozent aus. Zu einem größeren Zinsschritt könne es aber kommen, wenn die Prognosen der Ökonomen des Euro-Systems, die am Donnerstag vorgelegt werden, unerwartet schlecht ausfallen sollten. Schubert erwartet, dass diese Vorhersagen für dieses Jahr auf ein Wirtschaftswachstum von minus 2,25 Prozent und für 2010 von plus 0,5 Prozent lauten werden, ferner auf eine Jahresinflation von 0,6 Prozent in diesem und 1,7 Prozent im nächsten Jahr. Schubert selbst erwartet, dass der EZB-Rat den Leitzins erst im zweiten Quartal auf 1 Prozent senken wird.
EZB-Beobachter Wal geht davon aus, dass der EZB-Rat an der Struktur der derzeitigen Refinanzierungsgeschäfte festhalten wird, also vollständige Bedienung des von den Geschäftsbanken angemeldeten Liquiditätsbedarfs zu einem Festzins. Als denkbar gilt allerdings, dass der EZB-Rat Maßnahmen ergreift, den Zinssatz für Tagesgeld wieder näher an den Leitzins heranzubringen - da dieser Zins ansonsten seine Funktion als Leitzins verlieren würde. Seit Mitte Januar hat sich der Tagesgeldzins deutlich vom Leitzins entfernt.