15.05.2010 · Einige Banken haben das Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank genutzt und sich von Anleihen der finanzschwachen Euro-Staaten getrennt. Die für die Käufe ausgegebenen Summen werden in der kommenden Woche genannt.
Zahlreiche Banken haben die Käufe der Europäischen Zentralbank (EZB) von illiquiden Staatsanleihen der finanzschwachen Euro-Länder genutzt, um ihre Anlagen umzuschichten. Bankenvertreter in der Londoner City berichten, am vergangenen Montag hätten Institute illiquide Anleihen vor allem von Griechenland, Portugal und Irland an die Notenbanken von Deutschland, Frankreich und Italien abgegeben und stattdessen deutsche Bundesanleihen oder britische Staatsanleihen gekauft. Nach den Interventionen der EZB am Montag, als die Zentralbanken nach Händlerberichten „das Angebot blind aufgekauft hätten“, seien die Käufe der EZB am Dienstag deutlich geringer ausgefallen und in den vergangenen Tagen kaum noch zu spüren gewesen.
Der Europaverband der institutionellen Anleihehändler, die Association for Financial Markets, bestätigte am Freitag, dass sich die Situation an den Anleihemärkten entspannt habe. Die Käufe der EZB sind Bestandteil des am vergangenen Wochenende vereinbarten Stabilisierungsprogramms in der Europäischen Union. Am Donnerstag, dem 6. Mai, drohten nach Darstellung von Händlern einige Anleihemärkte in der Währungsunion illiquide zu werden. Das war zwei Tage vor dem Beschluss der europäischen Staaten, des Internationalen Währungsfonds und der EZB, die Märkte zu stabilisieren.
Durch die Unsicherheit seien sogar die Umsätze mit Anleihen von Ländern wie Spanien und Frankreich stark gesunken, und es habe ein illiquider Markt gedroht, berichten Händler. Auf dem Handelssystem von Reuters seien die Volumina vieler Staatsanleihen auf ein Zehntel des üblichen Niveaus gesunken. Verkaufsaufträge in den elektronischen Handelssystemen, die in den sonst liquiden Märkten in wenigen Sekunden ausgeführt würden, hätten am spanischen Markt mehr als eine halbe Stunde auf die Ausführung warten müssen, berichten Londoner Händler. Es habe bei einigen Anleihen keine Käufer, sondern nur noch Verkäufer am Markt gegeben, sagt Sander Schol, Direktor des europäischen Händlerverbandes.
Einbruch der Risikoprämien
An dem darauffolgenden Freitag hätten Mitglieder des Verbandes der EZB in einer Telefonkonferenz nahegelegt, dass nur noch der direkte Kauf von Anleihen durch die EZB den Markt vor Illiquidität würde retten können. Frankfurter Händler berichteten, dass der Höhepunkt der Anspannung am Donnerstag zu beobachten gewesen sei, bevor das ursprüngliche Hilfsprogramm der Regierungen den Segen des deutschen Parlaments erhalten habe. Eine leichte Entspannung habe am Freitag noch vor den weitergehenden Beschlüssen der Regierungen und der EZB eingesetzt. Erst diese hätten die starke Markterholung am Montag ausgelöst.
Wie viel Geld die EZB bislang für den Kauf von Anleihen ausgegeben hat, lässt sich nur schätzen. Die Summen will sie erst in der kommenden Woche veröffentlichen. Bisherige Spekulationen, über den Umfang der Intervention schwanken zwischen 10 und 20 Milliarden Euro. „Das wäre ein relativ niedriger Betrag, mit dem die EZB sehr viel erreicht hätte“, sagt Charles Diebel, Anleihestratege von Nomura in London.
Die zuvor exorbitanten Risikoprämien brachen schon am Montag so weit ein, dass Italien am Donnerstag bereits wieder eigenen Staatsanleihe an den Markt bringen konnte. Eine Anleihe in Höhe von 2 Milliarden Euro und einer Laufzeit von 15 Jahren wurde zu einer Durchschnittsrendite von 4,42 Prozent am Markt plaziert und eine fünfjährige Anleihe von 3 Milliarden Euro zu 2,57 Prozent. Die Risikoaufschläge zweijähriger griechischer Anleihen haben sich nach den Markteingriffen von 18 auf 6,5 Prozentpunkte verringert, ehe sie sich am Freitag wieder leicht erhöhten.
Verzerrte Preise in Peripherieländern
In der Londoner City wurden die Anleihekäufe der EZB als der Situation angemessen bewertet. „Im Prinzip gleichen die Käufe Devisenmarktinterventionen: die Notenbank greift bei einer Vermögensklasse ein, weil die Preisbildung nicht mehr dem entspricht, was sie für gerechtfertigt hält, und weil diese Verzerrung auf andere Märkte überzuspringen droht“, hieß es von Goldman Sachs. Das dürfe nicht mit der quantitativen Lockerung der Geldmenge verwechselt werden, denn die EZB werde die Liquidität auf Dauer aus den Märkten wieder abziehen.
Mit den Käufen gehen das Eigentum und das Risiko der Papiere auf die nationalen Notenbanken der Währungsunion über. Sollte es zu Umschuldungen und Forderungsverzichten kommen, wären die Notenbanken des Euro-Systems nun unmittelbar betroffen.
Es sei fraglich, ob die niedrigeren Renditeaufschläge ein größeres Vertrauen der Marktteilnehmer in die Anleihemärkte spiegelten, warnen Analysten von Monument Securities in London. Marktbeobachter sprechen von derzeit verzerrten Preisen an den Anleihemärkten der Peripherieländer, und es bestehe Skepsis, ob und wie lange die jetzt plötzlich niedrigen Risikoprämien halten werden. „Wenn Notenbanken gegen den Markt intervenieren, geht das letztlich meist nicht gut“, warnt ein deutscher Bankenvertreter, der nicht genannt werden möchte.
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