17.07.2006 · Luther nannte ihn „das größte Unglück der deutschen Nation“, Aristoteles hielt ihn für „widernatürlich“. Doch so schlimm ist der Zins nicht. Er ermöglicht das Motto „Leben Sie jetzt - bezahlen Sie später!“ Der Zins ist der Preis für die gewonnene Zeit.
Von Ulrich van SuntumLuther nannte ihn „das größte Unglück der deutschen Nation, ein Anzeichen, daß die Welt mit schweren Sünden dem Teufel verkauft ist“. Aristoteles hielt ihn für „widernatürlich“, und Dante verbannte diejenigen, die sich seiner bedienten, zusammen mit den Sündern von Sodom und Gomorrha in den siebten Kreis der Hölle.
Die Rede ist vom Zins, jenem wohl kapitalistischsten aller Phänomene, der allen Verboten zum Trotz in jedem Kulturkreis alltäglich ist. Zur Zeit Hammurabis von Babylon im zweiten Jahrhundert vor Christus lag der Zinssatz für geliehenes Geld bei 20 Prozent. Kein Wunder, daß von Moses bis Mohammed die Zinsnahme von fast allen religiösen Führern dem Wucher gleichgesetzt und mehr oder weniger strikt abgelehnt wurde. Auch Christus fordert laut Lukas-Evangelium in der Bergpredigt: „Tut Gutes und leiht, wo Ihr nichts dafür zu bekommen hofft“, was oft als Zinsverbot ausgelegt wird.
Preis für zeitlich vorgezogenen Konsum
Selbst bei den heute üblichen Zinssätzen von fünf oder sechs Prozent kommen über lange Laufzeiten leicht Zahlungsverpflichtungen zusammen, die den ursprünglich ausgeliehenen Betrag um ein Vielfaches überschreiten. Wer ein Haus auf Pump kauft, dessen monatliche Bankrate besteht erst einmal fast nur aus Zinsen. Oft ist die Immobilie auch nach 30 Jahren noch nicht abbezahlt, obwohl man bis dahin schon das Doppelte des eigentlichen Kaufpreises an die Bank überwiesen hat. Dafür bewohnt man dann allerdings auch schon in jungen Jahren mit seiner Familie ein Haus, das man sich aus normaler Ersparnis eigentlich erst im Alter leisten könnte - also dann, wenn man es gar nicht mehr so dringend bräuchte.
Der Zins ist deswegen bei genauerer Betrachtung nicht etwa der Preis des Geldes, sondern der Preis für die Zeit - genauer gesagt für zeitlich vorgezogenen Konsum nach dem Motto „Leben Sie jetzt - bezahlen Sie später“.
„Geld wirft keine Jungen“
Kein Geringerer als der heilige Augustinus hat das bereits im vierten Jahrhundert nach Christus erkannt. Allerdings fand er gerade deswegen den Zins besonders verwerflich, denn die Zeit gehöre Gott und dürfe deshalb nicht verkauft werden. Die katholische Kirche hat das Zinsverbot endgültig erst 1983 aus dem Kodex des kanonischen Rechts gestrichen.
Ein anderes Argument hat Aristoteles gegen die Zinsnahme vorgebracht. Er erkannte durchaus an, daß es so etwas wie eine natürliche Verzinsung gibt, zum Beispiel die Vermehrung eines Samenkorns im Boden. Im Gegensatz zu einem Samenkorn ist jedoch das Geld nach Aristoteles eine tote Substanz: „Geld wirft keine Jungen“. Der Zinsgewinn des Verleihers sei deshalb eine bloße Illusion. Es stehe ihm keinerlei gesamtwirtschaftlicher Ertrag gegenüber, sondern nur ein ebenso großer Verlust des Schuldners.
Dieses sogenannte Unfruchtbarkeitsargument steht allerdings auf ziemlich tönernen Füßen. Wenn etwa der geliehene Geldbetrag vom Schuldner dafür verwendet wird, Saatgut zu kaufen, fällt es sofort in sich zusammen. Sogar der reine Konsumentenkredit kann sehr produktiv sein, worauf kein Geringerer als der Nobelpreisträger Paul Samuelson in einem interessanten Aufsatz von 1958 hingewiesen hat.
Wenn wir nämlich jung sind, haben wir meist erst ein geringes Einkommen, brauchen aber viel Geld, etwa für den Kauf eines Hauses. Also nehmen wir Kredite auf und zahlen sie im mittleren Lebensalter zurück. In der letzten Lebensphase sinkt unser Einkommen meist wieder. Dann ist es gut, vorher Ersparnisse gebildet zu haben. Nach Samuelson ergibt sich der Zins einfach daraus, daß unterschiedlich viele Menschen in den jeweiligen Lebensphasen Ersparnisse bilden oder Kredite aufnehmen wollen, was letztlich für alle von Vorteil ist.
Heutiger Konsum wird höher bewertet als künftiger
Der Kapitaltheoretiker und frühere österreichische Finanzminister Eugen von Böhm-Bawerk hat noch zwei weitere Begründungen für die Existenz des Zinses gegeben. Erstens glaubte er, daß die Menschen heutigen Konsum grundsätzlich höher bewerten als einen gleich hohen Konsum morgen. Schließlich sei die Zukunft unsicher, und niemand könne wissen, ob er dann überhaupt noch lebe. Allein diese „Gegenwartspräferenz“ reiche schon aus, um den Zins hervorzubringen.
Böhm-Bawerks entscheidender Grund für die Existenz des Zinses liegt aber bei den Unternehmen. Nach Böhm-Bawerk entsteht nämlich grundsätzlich ein Mehrertrag, wenn man sein Geld investiert statt es sofort für den Konsum auszugeben. Zum Beispiel kann Robinson mehr Fische fangen, wenn er erst einmal ein Netz anfertigt. Dafür braucht er aber Zeit, in der er nicht fischen kann und deshalb von seinen Ersparnissen leben muß. Damit schließt sich der Kreis: Um investieren zu können, muß irgend jemand eine Zeitlang auf ansonsten möglichen Konsum verzichten, und der Anreiz und die Belohnung dafür ist eben der Zins.
Die gesamte Volkswirtschaft profitiert
Diese Erklärung der „temporalen Kapitaltheorie“ für den Zinssatz ist auch heute noch gültig, wenngleich dabei einige Komplikationen zu bedenken sind. So kann Geld zum Investieren ja nicht nur von den Sparern, sondern auch von der Zentralbank zur Verfügung gestellt werden. Zumindest auf kurze Sicht kann sie damit auch den Zinssatz stark beeinflussen. Auf längere Sicht muß sie aber bedenken, daß zu viel Geld im Kreislauf die Inflation anheizen könnte, womit auch wieder die Zinsen stiegen. Nicht selten hat der Versuch, über „billiges Geld“ die Wirtschaft anzukurbeln, am Ende zur völligen Zerrüttung der Währung geführt, so etwa in Deutschland in der großen Inflation von 1923 und dann nochmals nach dem Zweiten Weltkrieg. Letzten Endes kann eine Volkswirtschaft eben doch nicht mehr investieren, als was ihr an echten Ersparnissen zur Verfügung steht.
Wer darüber schimpft, daß Kapital und Zinsen heute die Welt regieren, sollte einmal darüber nachdenken, ob er nicht selber daran mitwirkt. Jeder Kleinanleger achtet darauf, auf seine Kosten zu kommen. Das ist weder moralisch verwerflich, noch ist es ökonomisch falsch. Im Gegenteil: Da der Zins das knappe Kapital tendenziell immer dorthin zieht, wo es den höchsten und sichersten Ertrag erzielt, profitiert davon die gesamte Volkswirtschaft.
Warum Zinsen ?
Carl-F. Beisswenger (Beisswenger)
- 17.07.2006, 17:51 Uhr
Ziemlich vordergründig
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 17.07.2006, 18:30 Uhr
Warum gibt eigentlich Zinsen?
Dietrich Schulte-Frohlinde (DSF1)
- 17.07.2006, 19:26 Uhr
Und die Nachteile?
Rico Ludwig (StockJunky)
- 17.07.2006, 20:25 Uhr
Hilfe!
Lars Johannes (lars.johannes)
- 18.07.2006, 00:47 Uhr