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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ergo-Finanzvorstand „Die größten Verlierer der Krise sind die deutschen Sparer“

 ·  Daniel von Borries ist Finanzvorstand der Ergo-Versicherung. Sein Unternehmen sucht höhere Renditen in Wind- und Solarparks, schafft aber die Garantieverzinsung ab.

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© Edgar Schoepal „Versicherer sind auf Zinspapiere elementar angewiesen“: Daniel von Borries, Finanzvorstand der Ergo-Versicherung

Herr von Borries, machen Sie sich Sorgen um Ihren Job?

Ganz und gar nicht. Warum sollte ich das tun?

Weil Sie bei Ergo für das Geschäft mit Lebensversicherungen verantwortlich sind. Der aktuelle Garantiezins beträgt nur noch 1,75 Prozent. Da braucht doch niemand mehr Lebensversicherungen.

Das sehe ich anders. Sicher, der Garantiezins für Neuverträge ist so niedrig wie nie - das ist bitter für alle deutschen Lebensversicherer und natürlich auch für unsere Kunden. Aber Sie dürfen eines nicht vergessen: Lebensversicherungen sind ja kein reines Sparprodukt. Sondern es handelt sich bei ihnen, wie der Name schon sagt, um Versicherungen. Wir garantieren eine Leistung für den Todesfall. Und wir garantieren eine lebenslange Rente. Die Garantien mögen schrumpfen, aber der große Vorteil von Lebensversicherungen ist eben: Sie lassen sich genau kalkulieren - für beide Seiten.

Aber wie lange noch? Sichere Anlagen wie Bundesanleihen werfen kaum noch Rendite ab. Da können Sie ihre Zusagen irgendwann nicht mehr einhalten.

Ich will nichts beschönigen: Die größten Verlierer der Euro-Krise sind in meinen Augen die deutschen Sparer. Welche Geldanlage sie aktuell auch wählen: wenn sie auf Sicherheit setzen, erhalten sie dafür so gut wie keinen Ertrag mehr. Trotzdem darf man daraus keineswegs den Schluss ziehen, wir hätten Schwierigkeiten, unsere Verpflichtungen einzuhalten. Wir als Lebensversicherer können eine Niedrigzinsphase noch gut zehn Jahre lang durchhalten.

Wie das? 95 Prozent der von Ihnen verwalteten Anlagegelder haben Sie in Anleihen investiert. Da können Sie den Magerrenditen doch gar nicht entkommen.

Noch haben wir viele ältere Anleihen im Portfolio, die deutlich höhere Renditen abwerfen. Da die Papiere oft recht lange Laufzeiten haben, kommen wir damit noch eine Zeit lang gut über die Runden. Aber natürlich müssen wir auch stets Gelder wieder aufs Neue anlegen, wenn alte Anleihen fällig werden. Und Sie haben in der Tat recht: Langfristig stehen wir vor großen Herausforderungen. Allein auf Bundesanleihen zu setzen reicht auf Dauer nicht aus, um unsere Renditeziele zu erreichen.

Was tun Sie also?

Die Antwort lautet: Diversifikation. Heute muss man Risiken anders streuen, als dies vor Ausbruch der Finanzkrise 2008 der Fall war. Damals war es zum Beispiel durchaus sinnvoll, Geld sowohl in Bankanleihen als auch in Staatsanleihen anzulegen - das waren einfach zwei unterschiedliche Anlagearten. Heute scheint die Unterscheidung aufgehoben: Die Staaten tragen einen Großteil der Risiken mit, die in den Banken schlummern. Darum haben wir uns entschlossen, den Anteil an Bankanleihen im Portfolio kontinuierlich zu reduzieren. Stattdessen setzen wir vermehrt auf Pfandbriefe. Die werden zwar auch von Banken ausgegeben, sind aber zusätzlich mit Immobilien besichert und darum weit weniger riskant. Und auch Unternehmensanleihen spielen für uns eine immer größere Rolle.

Mit Verlaub: Trotzdem investieren Sie weiter fast ausschließlich in Anleihen - das hat doch mit Streuung nichts zu tun.

Das mag Ihnen so vorkommen, aber Versicherer sind auf Zinspapiere elementar angewiesen. Dies hat mit der Art unserer Verpflichtungen zu tun: Normale Portfoliomanager können sich auch mal ein schlechtes Jahr erlauben, wenn sie nur über einen längeren Zeitraum eine auskömmliche Wertentwicklung erreichen. Wir aber sind darauf angewiesen, jedes Jahr eine positive Rendite zu erzielen - schließlich müssen wir ständig Zahlungen an unsere Kunden leisten. Verluste können wir uns einfach nicht erlauben. Darum sind Anleihen für uns so wichtig: weil die Papiere in der Regel zurückgezahlt werden.

Griechenlands Gläubiger haben das Gegenteil erlebt, einen Schuldenschnitt.

Deswegen sage ich ja: In der Regel ist die Rückzahlung sicher. Im Falle Griechenlands haben wir die Papiere längst verkauft, Gleiches gilt für Anleihen aus Portugal. Von italienischen und spanischen Anleihen bin ich dagegen nach wie vor überzeugt. Italien wird in diesem Jahr voraussichtlich ein niedrigeres Haushaltsdefizit aufweisen als die Niederlande, und schauen Sie sich Spanien an: Sicher, vom dortigen Bankensektor geht ein Risiko aus - aber der Verschuldungsgrad des Landes ist immer noch vergleichsweise niedrig. Die jüngsten Beschlüsse der EU haben mir darum Hoffnung gemacht, denn sie werden zur Stabilisierung Spaniens beitragen. Allerdings gehen wir solche Länderrisiken nur ganz kontrolliert ein. Mehr als fünf Prozent unseres Portfolios machen Staatsanleihen aus angeschlagenen Euroländern nicht aus.

Sollten Sie nicht besser vermehrt auf Aktien setzen? In Deutschland werfen sie zurzeit durchschnittliche Dividenden von rund vier Prozent ab. Das ist besser als jede sichere Staatsanleihe.

Das mag wie eine gute Lösung aussehen, trotzdem halten wir unsere Aktienquote bewusst sehr niedrig. Denn das Problem der Papiere ist: Sie schwanken einfach zu sehr. Und diese Volatilität ist Gift für alle, die regelmäßig eine positive Rendite für ihre Kunden erwirtschaften müssen - also insbesondere für uns Versicherer. Hohe Dividendenrenditen sind zwar erfreulich für Anleger: Aber sie lassen sich nun einmal nicht in die Zukunft fortschreiben, mit ihnen lässt sich nicht kalkulieren. Außerdem muss man mit Blick auf die Wertentwicklung des Aktienmarktes in den vergangenen Jahren festhalten: Risiko ist nicht belohnt worden. Wer beispielsweise im Jahr 2000 in den Dax eingestiegen ist, konnte bis heute keine Gewinne erzielen.

Aktien sind Ihnen zu riskant. Welche Anlagealternativen bleiben Ihnen dann überhaupt noch?

Wir finden Investitionen in Infrastruktur und neue Energien interessant. So haben wir zum Beispiel damit begonnen, in Wind- und Solarparks einzusteigen. Das sind bislang noch kleine Beträge für einen Versicherer: Aber einen dreistelligen Millionenbetrag haben wir bereits angelegt. Das Schöne an diesen Investments ist: Sie bilden zum einen die Idee der Nachhaltigkeit ab. Und zum anderen ist ihre Wertentwicklung weitgehend unabhängig von den Finanzmärkten. Genau danach suchen wir zurzeit.

Trotzdem scheinen Sie Ihrer eigenen Anlagepolitik nicht zu trauen. Oder wie kommt es, dass Ergo in Zukunft Lebensversicherungen auch ohne eine garantierte Verzinsung anbieten will?

Gemach, gemach. Tatsächlich denken wir intensiv über solche Produkte nach. Auch sie werden mit einer Garantie ausgestattet sein: Die Kunden erhalten Versicherungsschutz, sie bekommen ihr eingezahltes Geld in jedem Fall zurück - und sie haben zudem die Chance auf mehr. Das finde ich kein so schlechtes Angebot. Die Frage ist nur: Wie viel ist die Garantie dem Kunden wert?

Da werden viele Kunden ihr Geld doch lieber aufs Sparbuch legen.

Ich sehe dies anders. Ein Sparbuch ist nun mal keine Versicherung, und wer sagt denn, dass das Geld bei einer Bank langfristig sicher ist? Darum bin ich überzeugt: Wir werden genügend Käufer für ein solches Produkt finden.

Mehr noch als um ihre Lebensversicherung sorgen sich Anleger um den Euro. Wird er zusammenbrechen?

Ganz ehrlich: Als Versicherer ist es unsere Pflicht, ein solches Szenario durchzurechnen, auch wenn ich persönlich nicht glaube, dass es so weit kommt. Die Wahrscheinlichkeit spielt dabei aber keine Rolle. Der Punkt ist: Es kann dazu kommen, darum müssen wir darauf eingestellt sein. Denn ein Zusammenbruch des Euro würde wahrscheinlich über Nacht eintreten. Wenn Sie erst danach reagieren, ist es zu spät. Ich möchte über unsere Pläne aber nicht detailliert sprechen. Nur so viel: Ein solches Szenario wäre für alle Anleger sehr unerfreulich - auch für uns. Aber die Botschaft an unsere Kunden ist: Wir würden auch das aushalten.

Das Gespräch führte Dennis Kremer.

Quelle: F.A.S.
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