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Verschärfter Anlagenotstand : Der EZB drohen die Bundesanleihen auszugehen

Unwetter über der Eüropäischen Zentralbank mit Blitzeinschlag Bild: Claus Setzer

Das gedrückte Zinsniveau hat eine abschreckende Wirkung auf Käufer deutscher Staatsanleihen. Die Nachfrage nach Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit fiel kleiner aus als das Angebot.

          Die Renditen vieler Bundesanleihen sind so stark in den negativen Bereich gerutscht, dass sie von der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht mehr gekauft werden dürfen. Die Nachfrage treibt die Kurse, wodurch die Renditen sinken. Obwohl Bundesanleihen ein knappes Gut zu werden drohen, fiel die Aufstockung eines zehnjährigen Titels am Mittwoch dennoch durch. Die Nachfrage in der Auktion lag unter dem Angebot von 4 Milliarden Euro. Die 46 Gebote erreichten 3,66 Milliarden Euro. Das reichte, um die Emissionsrendite auf das historische Tief von 0,01 Prozent zu drücken. Noch nie konnte der deutsche Staat so günstig für zehn Jahre Geld aufnehmen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch das durch die EZB-Käufe deutlich gedrückte Zinsniveau schreckt offenbar immer mehr Investoren ab. Insgesamt gab es in diesem Jahr 39 Auktionen, von denen elf unterdeckt waren, also die Nachfrage kleiner als das Angebot ausfiel. Das ist ein Anteil von 28 Prozent und damit der schlechteste Wert seit dem Jahr 2005. Am Dienstag war die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe erstmals in den negativen Bereich gerutscht. Mit minus 0,033 Prozent war ein Rekordtief erreicht worden. Am Mittwoch pendelte die zehnjährige Rendite um die Nulllinie. Am späten Nachmittag lag sie bei minus 0,005 Prozent.

          Konditionen endgültig an die Kunden weitergeben

          Da die EZB nur Anleihen mit Laufzeiten von 2 bis 30 Jahren kauft, verringert sich ihr Kaufspektrum um die kürzeren Laufzeiten. Insgesamt befinden sich Bundesanleihen über 1,15 Billionen Euro im Umlauf. Doch nur 800 Milliarden Euro entfallen auf die Laufzeiten, die für die Käufe der EZB in Frage kommen. Wegen einer weiteren Vorgabe steht nach Ansicht von Citi-Analyst James Searle spätestens im vierten Quartal ein Engpass bevor.

          Denn die Rendite der Anleihen darf nicht unter dem Einlagensatz liegen, den die Zentralbank auf minus 0,4 Prozent festgelegt hat. Doch inzwischen befänden sich die Renditen von etwas mehr als der Hälfte der kaufbaren Bundesanleihen unter diesem Niveau, sagt Daniel Hartmann, Volkswirt der auf Anleihen spezialisierten Schweizer Fondsgesellschaft Bantleon. Seinen Angaben zufolge kann die EZB beziehungsweise die für sie tätige Bundesbank Anleihen des deutschen Staates erst ab einer Laufzeit von sieben Jahren erwerben.

          Um in den kommenden Monaten nicht in einen Engpass zu geraten, gibt es für die EZB seiner Ansicht nach zwei Optionen. Zum einen könne sie ihre Beschränkung, nur ein Drittel einer Anleihe kaufen zu dürfen, auf 50 Prozent ausweiten. Laut Hartmann lässt sich das mit dem erstklassigen Rating Deutschlands von „AAA“ rechtfertigen. Eine andere Möglichkeit wäre es, die Renditevorgabe einfach aufzugeben. Mit scharfer Kritik muss die EZB rechnen, wenn sie den Einlagensatz weiter senkt.

          Denn den erhebt sie auf Einlagen der Banken. Weil dieser Satz negativ ist, müssen die Banken für das Geld, das sie bei der Notenbank parken, einen Strafzins zahlen. Eine weitere Verschärfung dieser Konditionen dürfte die Ertragslage vieler Banken weiter verschlechtern. Irgendwann wären sie gezwungen, diese Konditionen endgültig an die Kunden weiterzugeben. Bislang verschonen sie die Privatkunden noch mit negativen Zinsen, aber Großkunden sind damit schon seit längerem konfrontiert.

          „Der Markt kann länger irrational bleiben, als Sie solvent bleiben können“

          Die EZB hat in diesem Frühjahr ihr Kaufprogramm von 60 auf 80 Milliarden Euro im Monat ausgeweitet. Sie erwirbt neben Staatsanleihen und Pfandbriefen der Banken seit einer Woche auch Unternehmensanleihen. Auch hier rutschen immer mehr Renditen in den negativen Bereich. Nach Angaben der Anleihehandelsplattform Tradeweb liegen nun 16 Prozent aller europäischen Unternehmensanleihen im negativen Bereich. Vor einer Woche waren es noch 5 Prozent.

          Bild: F.A.Z.

          Unterschiedlich sehen die Investoren die weiteren Aussichten an den Anleihemärkten. An eine Aussage des Ökonomen John Maynard Keynes erinnerte Andrew Bosomworth, Deutschland-Chef des auf Anleihen spezialisierten Vermögensverwalters Pimco. „Der Markt kann länger irrational bleiben, als Sie solvent bleiben können“, zitierte er Keynes. Damit drückte Bosomworth seine Erwartung aus, dass die extrem niedrigen oder negativen Zinsen am Anleihemarkt noch länger andauern können. Er spricht angesichts der erreichten Kursniveaus von einem „phänomenalen Bullenmarkt“.

          Nach Ansicht von Jochen Felsenheimer, Geschäftsführer des Münchner Vermögensverwalters Xaia, bewegen sich die Aktien- und Kreditmärkte seit März bei geringer Liquidität in engen Bandbreiten. Die EZB sei nicht mehr in der Lage, neue Impulse zu setzen. Nach Ansicht von Felsenheimer hat sie „ihr Pulver weitestgehend verschossen“. Bantleon-Volkswirt Hartmann rechnet mit einer weiteren geldpolitischen Lockerung, wenn die Briten am 23. Juni den Austritt aus der EU beschließen sollten. Dann kann er sich eine Senkung des Einlagensatzes auf bis zu minus 0,6 Prozent vorstellen. Das Ankaufprogramm könnte dann auf 100 Milliarden Euro im Monat erhöht und der Zeitraum von März 2017 auf September 2017 verlängert werden.

          Quelle: F.A.Z.

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