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Venezuela : Pokern in den Schwellenländern

Gewagte Investitionen: Edmond de Rothschild sieht Chancen in der Krise in Venezuela. Bild: Reuters

Jean-Jacques Durand investiert für Edmond de Rothschild da, wo andere sich zurückziehen – vor allem aber in Venezuela. Unberechenbares Risiko oder raffinierte Taktik?

          Wer derzeit an Brasilien denkt, dem fällt vor allem Krise ein. Die Präsidentin wurde abgesetzt, die Wirtschaft liegt danieder, viele Fabriken werden bestreikt, Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter entlassen. Bei Jean-Jacques Durand aber ist von Krise keine Spur, im Gegenteil: „Dieses Jahr wird wahrscheinlich das brasilianische Jahr“, sagt er mit einiger Gewissheit. Und er sollte das nicht leichtfertig tun, denn er verwaltet über den Edmond de Rothschild Fund Emerging Bonds immerhin gut 230 Millionen Euro für Kunden des Vermögensverwalters in Schwellenländer-Anleihen.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In brasilianischen Papieren stecken aktuell 11 Prozent der Kundengelder, ungefähr so viel wie in ukrainischen. Nur in Venezuela hat Durand noch mehr Geld angelegt, also in dem Land, das der Präsident gerade offiziell in den Ausnahmezustand versetzt hat und in dem es der Bevölkerung nach dem heftigen Ölpreisverfall so langsam an allem fehlt. Das zerrüttete Land in Südamerika stellt mit 21 Prozent das Schwergewicht in der regionalen Verteilung des Fonds.

          Durand investiert gerne da, wo andere sich zurückziehen oder gar nicht erst hin trauen. Zu jeweils rund 6 Prozent liegt das Geld in Sambia, Argentinien, dem Irak und Singapur. Von Anlagenotstand ist bei ihm nichts zu spüren. „Wir sind seit 18 Monaten zu fast 100 Prozent investiert.“

          Von schlechten Ratings lässt er sich dabei eher animieren statt abschrecken. Denn da sind die Preise schließlich oft am günstigsten und die Renditen am höchsten. Aktuell ist gut ein Drittel der Papiere in seinem Fonds mit dem sehr schlechten Rating CCC ausgestattet oder hat erst gar kein Rating, ein weiteres Drittel liegt in B-bewerteten Anleihen, also nur eine Bewertungsstufe höher.

          In Brasilien und Venezuela verlaufe alles noch wie erwartet

          Dass das auch mit großen Risiken einherkommt, nimmt der Franzose in Kauf, und nimmt die Performance seines Fonds als Beleg dafür, dass er mit seiner Strategie nicht allzu schief liegen kann. Seit er im Jahr 2011 die Leitung des Fonds übernommen hat, hat der sich meistens besser entwickelt als der Schwellenländer-Index EMBI von JP Morgan, den er als Referenz nimmt. Wer zu Durands Antritt als Fondsverwalter vor fünf Jahren in den Fonds investiert hat, hat seither nach Daten des Vermögensverwalters ein Plus von 69 Prozent erzielt; wer einfach auf den EMBI-Index gesetzt hat, hat nur 25 Prozent hinzugewonnen.

          Auch die aktuellen Verwerfungen in Brasilien und Venezuela können ihn nicht aus der Fassung bringen. In beiden Ländern verlaufe alles noch wie erwartet, die Ereignisse seien aus seiner Sicht keine großen Überraschungen und in die Investments eingepreist. Zwar sei vor allem in Venezuela eine chaotischer Übergang durchaus möglich, aber dafür seien die Preise dort auch äußerst günstig. „Wir halten an unseren langfristigen Positionen fest“, sagt Durand.

          Nur einmal hat er sich bisher mit seiner gewagten Strategie in die Nesseln gesetzt. Anfang 2015 als die Ukraine-Russland-Krise und der fallende Ölpreis gleich mehrere Schwellenländer unter Druck setzten, musste auch sein Fonds schwere Einbußen hinnehmen. Die sehr niedrigen Bewertungen russischer Anleihen hat er dann aber gleich wieder für Zukäufe genutzt und die Performance hat sich sehr rasch wieder erholt.

          Staatsschulden anders zu betrachten als Unternehmensschulden

          Die aktuell hohe Volatilität in vielen Schwellenländern führt er zurück auf die niedrige Liquidität. Viele Anleger hätten ihr Kapital zuletzt abgezogen. Vor allem Privatanleger hätten sich abschrecken lassen. Auch aus seinem Fonds haben einige Privatanleger sich zurückgezogen. Dafür zieht es institutionelle Anleger wie Versicherungen und Pensionskassen inzwischen mangels Alternativen in die hoch verzinsten, wenn auch risikoreicheren Staaten.

          Auf Ratings achtet er zwar, hält sie aber bei Staatsanleihen für wesentlich weniger aussagekräftig als bei Unternehmensanleihen. „Staatsschulden dürfen nicht so wissenschaftlich betrachtet werden wie Unternehmensschulden“, findet Durand. Staaten hätten viel mehr Möglichkeiten, ihre Schulden zu begleichen, wenn die Regierungen nur den Willen dazu haben. „Viele Länder hatten schon immer viel Korruption und politische Unruhen, hatten aber nie Schwierigkeiten, ihre Schulden zurückzuzahlen.“ Zur Not könnten sie schließlich Hilfe vom IWF oder von Nachbarstaaten bekommen, sagt Durand. Als Beispiel nennt er Ägypten nach der Revolution. „Da hatte das Land große Probleme, aber dann sind Saudi-Arabien und andere reiche Golfstaaten zur Hilfe gekommen.“

          Stärker aufgestellt als in den Neunziger Jahren

          Alles in allem sieht er die Schwellenländer heute viel stärker als in den Neunziger Jahren aufgestellt. „Brasilien, Russland und China haben viel größere Devisenreserven. “ Seien früher viele Währungen an den Dollar gekoppelt, so helfe Ländern wie Brasilien und Russland gerade ihre schwache Währung, weil sie den eigenen Haushalt meist über ihre Lokalwährungen finanziert hätten.

          Von China lässt Durand allerdings die Finger. Dort ist sein Fonds über Kreditausfallversicherungen eher auf eine weitere Eintrübung des Marktes eingestellt. Im besten Falle, einem Crash, lasse sich damit viel Geld verdienen, im schlechtesten wenig Geld verlieren, so der Franzose.

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