Die große Kreditbewertungsagentur Moody’s hat am Donnerstag nach Börsenschluß in New York die Bonität von 15 internationalen Großbanken herabgestuft, allerdings in einigen Fällen nicht so drastisch wie befürchtet. Betroffen waren fünf amerikanische Banken wie JP Morgan, aber auch die Deutsche Bank, die Schweizer UBS und die britische Barclays. „Alle von der Abstufung betroffenen Banken sind den Schwankungen und dem Risiko übergroßer Verluste ausgesetzt, die dem Kapitalmarktgeschäft anhaften“, sagte Greg Bauer, der bei Moody’s den Bankenbereich leitet. Die Ratingagentur hat die Bonitätsstufen der meisten Banken um eine oder zwei Bonitätsstufen gesenkt. Einzig die Schweizer Credit Suisse wurde um drei Stufen heruntergesetzt.
Die Aktienkurse der europäischen Banken erholten sich im Handelsverlauf am Freitag von anfänglichen Verlusten. Auch an der New Yorker Börse stiegen die Kurse der Bankaktien im frühen Handel. Analysten und Vertreter von Banken kritisierten, dass Moody’s die von Banken nach der Finanzkrise ergriffenen Maßnahmen wie Kapitalerhöhungen und die Abkehr von bestimmten risikoreichen Geschäften wie dem Eigenhandel nicht ausreichend berücksichtigt habe. Einige Analysten bezeichneten die Abstufung zudem als Jahre verspätet, da die aktuellen Bewertungen der Banken die gestiegenen Risiken bereits seit langer Zeit widerspiegelten.
Komplexe Bilanzen und hoher Verschuldungsgrad
„Ich habe das Gefühl, als ob die Maßnahme fünf Jahre zu spät kommt“, sagte Gerard Cassidy, ein Analyst der Royal Bank of Canada. Damit spielt Cassidy auf die allgemeine Kritik an Ratingagenturen an, denen unter anderem vorgeworfen wird, zu spät auf die Finanzkrise vor drei Jahren reagiert zu haben. An den Börsen war mit einer Abstufung der Banken seit Monaten gerechnet worden, weil Moody’s die Überprüfung der Kreditwürdigkeit im Februar angekündigt hatte. Moody’s konzentrierte sich vor allem auf das Kapitalmarktgeschäft der Banken, weil das nach Einschätzung der Agentur zu komplexen Bilanzen und einem hohem Verschuldungsgrad geführt hatte. Auch ist der Wille und die Fähigkeit vieler Staaten gesunken, Banken wie noch während der Finanzkrise mit Steuergeldern zu retten.
Für die Banken wird die Herabstufung der Bonität deutlich höhere Kosten verursachen, weil sich ihre Refinanzierung am Kapitalmarkt dadurch verteuert. Zudem müssten sie im Handel mit Derivaten, von traditionellen Wertpapieren abgeleiteten Finanzprodukten, höhere Sicherheiten vorhalten. Manche dieser Geschäfte müssen aufgelöst werden, wenn die Gegenpartei ein bestimmtes Bonitätsniveau verlangt. Dann könnten Zahlungen für die Kündigung der Kontrakte anfallen.
Höheren Risiken ausgesetzt
Unter den amerikanischen Finanzriesen stand besonders die Wall-Street-Bank Morgan Stanley unter Druck, der eine Herabstufung um drei Schritte gedroht hatte. Moody’s senkte das Rating für Morgan Stanley, die sich vehement dagegen gewehrt hatte, schließlich um zwei Stufen. Ebenfalls um zwei Stufen abgewertet wurden die Deutsche Bank, Barclays, die UBS, die französischen Institute BNP Paribas und Crédit Agricole sowie die nordamerikanischen Banken Citigroup, Goldman Sachs, JP Morgan und die Royal Bank of Canada. Die Bank of America, die französische Société Générale und die britischen Institute HSBC und Royal Bank of Scotland kamen mit einer Herabsetzung um nur eine Stufe etwas besser weg. Die Bonität der japanischen Bank Nomura und des australischen Konkurrenten Macquarie war schon zuvor gesenkt worden.
Zu der Gruppe mit der besten Kreditwürdigkeit gehören jetzt HSBC, die Royal Bank of Canada und JP Morgan. Sie zeichnen sich nach Angaben von Moody’s durch eine besonders starke Kapitalausstattung und damit einen hohen Risikopuffer aus. Dazu profitieren sie von stabilen, auch vom volatilen Kapitalmarktgeschäft unabhängigen Erträgen und ausreichender Liquidität. Zur zweiten großen Gruppe mit etwas schlechterer Kreditwürdigkeit zählen nun Barclays, BNP Paribas, Credit Agricole, Credit Suisse, die Deutsche Bank, Goldman Sachs, die Societe Generale und UBS. Viele dieser Institute seien stark abhängig von den schwankenden Erträgen des Kapitalmarktgeschäftes. Sie hätten zwar ausreichend gute Kapital- und Liquiditätsausstattung, seien aber oft höheren Risiken wegen der Schuldenkrise in der Europäischen Währungsunion ausgesetzt. Sie seien auch mehr als die erste Gruppe davon abhängig, dass der Staat sie notfalls rettet, urteilt Moody’s. Zur schlechtesten Gruppe gehören die Bank of America, Citigroup, Morgan Stanley und die Royal Bank of Scotland.
Seltsam
Wolfgang Sunderbrink (seew)
- 23.06.2012, 10:53 Uhr