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Ohne Vorwarnung : 1994 war ein böses Jahr für den Anleihenmarkt

Vertreter der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnen vor einem möglichen „Anleihencrash“. Bild: Reuters

Vertreter der BIZ und der Bundesbank warnen vor den Folgen stark steigender Zinsen. Einen solchen „Anleihecrash“ gab es 1994. Er kam ohne Vorwarnung - und könnte sich wiederholen.

          Jaime Caruana ist ein besonnener Mann. Der Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt gerne in gemessenen Worten vor langfristig nachteiligen Folgen sehr niedriger Renditen. Panikmache ist seine Sache nicht. Doch in dieser Woche hielt es Caruana in einem Vortrag vor internationalen Großanlegern für angebracht, an das Jahr 1994 zu erinnern und seine Zuhörer zu ermahnen: „Für Vermögensverwalter ist es wichtig, vom Anleihemarkt ausgehende Signale besonders ernst zu nehmen.“

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Was war damals passiert? Das amerikanische Wirtschaftsmagazin „Fortune“ erinnert sich: „Im Januar 1994, dem 34. Monat wirtschaftlichen Wachstums, waren die Anleiherenditen historisch niedrig und die Inflation schien vernachlässigbar: Es gab keinen Lohndruck und die Unternehmen trauten sich nicht, ihre Preise zu erhöhen.“ Diese Beschreibung erinnert an die aktuelle Situation, nur dass sich der amerikanische Konjunkturaufschwung nicht in seinem dritten, sondern schon in seinem achten Jahr befindet.

          „Massaker am Anleihemarkt“

          Im Jahre 1994 änderte sich die Situation dann schlagartig: „Doch in den sieben Monaten nach dem vielversprechenden Anfang geschah etwas sehr Ungewöhnliches: 1994 wurde zum Jahr der größten Verluste am Anleihemarkt in der Geschichte“, setzt „Fortune“ fort. Die Renditen stiegen damals unerwartet stark und führten zu schweren Kursverlusten in den Depots der Anleihebesitzer. In zeitgenössischen Berichten war von einem „Anleihecrash“ und von einem „Massaker am Anleihemarkt“ die Rede.

          „Geschichte wiederholt sich nicht“, schrieb Mark Twain. „Aber sie reimt sich.“ Der in den vergangenen Wochen in Gang gekommene Anstieg der Renditen für langlaufende Anleihen rund um den Globus kam zwar für viele Marktteilnehmer völlig unerwartet, doch muss er keineswegs Ausmaße wie im Jahre 1994 erreichen. Aber nicht nur Caruana warnt die Finanzbranche davor, die mit starken Renditeanstiegen verbundenen Risiken zu unterschätzen. Claudia Buch, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, sagte anlässlich der Vorstellung des neuen Finanzstabilitätsberichts: „Im aktuellen makroökonomischen Umfeld besteht die Gefahr, dass Marktteilnehmer Risiken unterschätzen und nicht ausreichend berücksichtigen, dass die Preise fallen und Zinsen steigen können.“

          Anstieg der „Breakeven-Rate“

          Die Quelle des aktuellen Anstiegs der Renditen von Anleihen mit langen Laufzeiten sind die Vereinigten Staaten. Der Anstieg hatte schon vor Monaten begonnen, aber erst mit der Präsidentenwahl richtig Schwung erhalten. Denn immer mehr Marktteilnehmer erwarten vom neuen Präsidenten Donald Trump eine expansive Finanzpolitik, die in einer nahezu vollbeschäftigten Wirtschaft Inflationsdruck erzeugen müsste. Ob es eine solche Politik wirklich geben wird, ist derzeit allerdings nicht bekannt.

          Sichtbares Zeichen der Markterwartungen ist die sogenannte „Breakeven-Rate“ für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen. Sie errechnet sich aus der Differenz der nominalen Rendite gewöhnlicher zehnjähriger Staatsanleihen und der realen Rendite inflationsgeschützter zehnjähriger Staatsanleihen. Diese „Breakeven-Rate“, die als Gradmesser für die langfristigen Inflationserwartungen an den amerikanischen Finanzmärkten gilt, ist von 1,40 Prozent im Juni auf knapp 2 Prozent gestiegen. Sehr große Vermögensverwalter wie die Fondsgesellschaften Blackrock, Pimco und Fidelity lassen in diesem Umfeld Sympathien für den Kauf inflationsgeschützter Anleihen erkennen.

          Ablenkung von der Geldpolitik

          Solche Papiere sind in den Vereinigten Staaten sehr verbreitet. In Europa haben vor allem Großbritannien, Frankreich und Italien viele inflationsgeschützte Staatsanleihen begeben. Das Angebot an deutschen Papieren ist dagegen nicht sehr groß.

          Die Bewegungen der Renditen für Anleihen mit langen Laufzeiten lenken ein wenig die Aufmerksamkeit von der Geldpolitik weg. Ein nachlassender Einfluss zeigt sich beispielsweise in der Ankündigung der Bank von Japan vom Donnerstag, in unbegrenzter Menge zweijährige japanische Staatsanleihen zu einer Rendite von minus 0,09 Prozent und fünfjährige Papiere zu einer Rendite von minus 0,04 Prozent zu kaufen. Die Bank erhielt keinerlei Papiere angeboten. Die nach Ansicht von Marktteilnehmern als Machtdemonstration beabsichtigte Aktion der Bank sorgte an den globalen Anleihemärkten nur wenige Stunden lang für leicht sinkende Renditen. Danach begannen sie wieder zu steigen.

          Angst vor großen Nebenwirkungen

          Eine Erhöhung des kurzfristigen Leitzinses durch die Fed im Dezember gilt an den Finanzmärkten mittlerweile als sehr wahrscheinlich. In einer schriftlichen Stellungnahme für den Wirtschaftsausschuss des Kongresses stellte die Fed-Vorsitzende Janet Yellen am Donnerstag eine Leitzinserhöhung „relativ bald“ in Aussicht.

          Ebenfalls im Dezember trifft sich der Zentralbankrat der Europäischen Zentralbank zu einer Sitzung. Direktoriumsmitglied Yves Mersch sagte auf einer Veranstaltung in Frankfurt, die EZB könne ihre Politik und ihre Kommunikation nur behutsam ändern. Aber er sagte auch mit Blick auf eine Zinswende: „Je länger wir in diesem niedrigen Zinsumfeld bleiben, desto größer werden die Nebenwirkungen unserer Maßnahmen sein.“ Vor allem in der angelsächsischen Finanzwelt wird erwartet, dass die EZB ihr im Frühjahr auslaufendes Anleihekaufprogramm verlängert, aber auch ein Signal sendet, dass sie ihre Käufe im kommenden Jahr reduzieren möchte.

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