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Lange Tradition : Das Ausland entdeckt den Schuldschein

Auch der Gesundheits-Dienstleister Fresenius greift auf ein Finanzierungsmittel zurück, in das Privatanleger nicht investieren können. Bild: AP

Das Finanzierungsinstrument wird für immer mehr Unternehmen und Investoren interessant .

          Die Liste der Emittenten enthält prominente deutsche Unternehmen: Kion, Fresenius, Bosch, Porsche, Heidelberg Cement oder Lidl. Sie alle haben in diesem und im vergangenen Jahr auf ein Finanzierungsmittel zurückgegriffen, in das Privatanleger nicht investieren können. Es handelt sich um den Schuldschein, der so etwas wie eine deutsche Spezialität darstellt und sich zuletzt auch im Ausland steigender Beliebtheit erfreute.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Während sich der Pfandbrief, eine in Deutschland schon im 18. Jahrhundert entstandene Schuldverschreibung, im Ausland unter dem Begriff Covered Bond verbreitet hat, fehlt für den Schuldschein ein englischer Begriff. Und so darf Klaus Pahle, der im Firmenkundengeschäft der ING Diba diesen Markt betreut, den schönen Titel eines „Head of Schuldschein Desk“ tragen.

          Der Schuldschein hat in Deutschland eine lange Tradition, ist aber in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Dabei stammt laut Pahle nur der kleinste Teil des Schuldscheinmarktes von Unternehmen, am meisten nutzen das Instrument die öffentliche Hand und Banken. „Für den Emittenten hat der Schuldschein den Vorteil, dass er ihn für die Investoren maßschneidern kann.“ Zudem sei der Aufwand geringer als für eine öffentliche Anleihe. So müsse kein Prospekt erstellt werden, so Pahle. Das bedeutet, dass Schuldscheine im Gegensatz zu normalen Anleihen nicht an Börsen notiert sind. Damit können sie nicht so einfach gehandelt werden, auch wenn die Börsen in Hamburg und Hannover vor kurzem eine Handelsplattform für Schuldscheine ins Leben gerufen haben.

          Rekordvolumen an neuen Schuldscheinen

          Der geringere Aufwand, zusammen mit der Erschließung neuer Investoren, macht das Instrument für Mittelstandsunternehmen interessant, die verstärkt darauf zurückgreifen. Nach Zahlen der auf Unternehmensfinanzierung spezialisierten Beratungsgesellschaft Capmarcon belief sich Ende März das Volumen an Schuldscheinen, die von Unternehmen begeben worden sind, auf 89 Milliarden Euro. Ein ähnliches Volumen nennt Hans-Peter Kuhlmann, Schuldscheinfachmann der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

          Ende 2015 waren es noch weniger als 70 Milliarden Euro. Anleihen, die seit vergangenem Juni auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) gekauft werden, sind für die Unternehmen noch immer wichtiger. Im Umlauf befanden sich nach Zählung von Capmarcon Ende 2016 deutsche Unternehmensanleihen imWert von 297 Milliarden Euro.

          Von einem nachhaltigen Wachstum spricht Pahle. „Dies ist den vielen Erstemittenten zu verdanken“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Jede zweite Transaktion stamme von einem Unternehmen, das am Schuldscheinmarkt sein Debüt gebe. Darüber hinaus begeben seinen Angaben zufolge immer mehr Unternehmen aus dem Ausland Schuldscheine. Ebenfalls jede zweite Transaktion entfalle auf Auslandsunternehmen, fügt Pahle hinzu. Auch bei den Investoren steigt der Auslandsanteil. Im vergangenen Jahr waren es 41 Prozent. Banken und Fonds aus Europa und Asien befanden sich darunter.

          Im vergangenen Jahr gab es ein Rekordvolumen an neuen Schuldscheinen von Unternehmen. Es wurden 27 Milliarden Euro davon neu emittiert. Traditionell führen die deutschen Unternehmen mit einem Anteil von 52,3 Prozent. Dahinter liegen Unternehmen aus Österreich (12,4 Prozent), aus Frankreich (11,1 Prozent), der Schweiz (9,5 Prozent). Danach stellen die Unternehmen aus den Benelux-Ländern die wichtigste Emittentengruppe. Im vergangenen Jahr begaben zwei bekannte Unternehmen aus Frankreich Schuldscheine: der Haushaltsgerätehersteller Groupe SEB für 800 Millionen Euro und der Zementhersteller Lafarge Holcim für 1 Milliarde Euro.

          Qualität ist wichtig

          Nach Zählung der LBBW ist das erste Quartal am deutschen Schuldscheinmarkt etwas ruhiger verlaufen als im Vergleichszeitraum 2016. Die Emissionen beliefen sich auf 6 Milliarden Euro. Zwölf Monate zuvor waren es noch 9 Milliarden Euro. Allerdings sei es seit dem Jahr 2010 das vierthöchste Quartalsvolumen gewesen. Die Anzahl von 31 neuen Schuldscheinen deutet nach Ansicht von LBBW-Analyst Hans-Peter Kuhlmann auf eine solide Entwicklung hin. In diesem Jahr erwartet er ein Emissionsvolumen von 20 bis 25 Milliarden Euro.

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          Für das zweite Quartal stehen laut der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) schon mehr als 20 weitere Schuldscheinemissionen an. Darunter befinden sich auch viele ausländische Adressen. Helaba-Analyst Ulrich Kirschner ist zuversichtlich, dass an die gute Entwicklung des vergangenen Jahres angeknüpft werden kann. Unter den Emittenten im ersten Quartal befanden sich mit dem Gabelstaplerhersteller Kion, der Finanztochtergesellschaft von Volkswagen oder der Lufthansa drei große Adressen. Doch für ING-Fachmann Pahle machen den wahren Charme die kleineren Unternehmen aus: „Der Schuldscheinmarkt bietet den Investoren den Zugang zu Unternehmen, die in ihren Marktnischen eine führende Rolle einnehmen, aber noch nicht an öffentlichen Kapitalmärkten präsent sind.“ Allerdings gibt es auch wichtige Bedingungen hinsichtlich der Qualität. Nach Ansicht von Pahle ist der Schuldscheinmarkt geprägt durch Unternehmen mit einer guten, investitionswürdigen Bonität. „Das muss auch in Zukunft so bleiben. Durch neue Teilnehmer darf die Kreditqualität nicht gesenkt werden“, betont er.

          Pahle erwartet in den kommenden Jahren ein weiteres Wachstum am Schuldscheinmarkt, was die Anzahl der Transaktionen betrifft. Auch die Internationalisierung dürfte seiner Ansicht nach voranschreiten. Im Zuge der Digitalisierung hält er neue Plattformen für nötig. Die Handelsplattform der Börsen in Hamburg und Hannover dient schon begebenen Schuldscheinen und richtet sich vor allem an professionelle Investoren. „Aber auch für Neuemissionen kann eine digitale Plattform die Transparenz und die Reichweite erhöhen“, ist Pahle überzeugt.

          Quelle: F.A.Z.

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