24.05.2009 · Der Bund will durch den Verkauf von Anleihen acht Milliarden Euro einsammeln. Nach der Stabilisierung auf den Rohstoff- und Aktienmärkten öffnen sich aber nun auch die riskanteren Märkte für Wandelanleihen und schlechte Bonitäten wieder.
Von Hanno MußlerDie Risikofreude der Anleger kehrt zurück. Unternehmen stoßen auf große Nachfrage in Finanzierungsmärkten, die spätestens seit der Verschärfung der Finanzkrise für sie als Emittenten geschlossen waren. Von den Finanzmärkten, die im Herbst 2008 die Krise auslösten, gehen damit immer weniger Risiken für die Konjunktur aus. Die Märkte für Staatsanleihen fallen in eine andere Kategorie. Sie erscheinen zunehmend instabil, weil vielen Anlegern die historisch niedrigen Renditen angesichts der sich abzeichnenden Inflationsgefahren nicht angemessen erscheinen.
In dieser Woche kommt es zu einem kleinen Härtetest für die Finanzierbarkeit der Konjunktur- und Finanzmarktstabilisierungsprogramme Deutschlands und Amerikas über den Kapitalmarkt. Der Bund will am Mittwoch durch den Verkauf von Anleihen mit zwei Jahren Laufzeit 8 Milliarden Euro von Anlegern einsammeln. Die Rendite für zweijährige Bundeswertpapiere pendelt seit Ende Januar zwischen 1,17 und 1,51 Prozent. Derzeit liegt sie mit 1,31 Prozent fast genau auf dem Mittelwert. Anders als bei längeren Laufzeiten sind die Renditen für zwei Jahre Laufzeit noch nicht nach oben ausgebrochen. Dies macht es umso spannender, zu welchen Konditionen der Bund die Schatzbriefe unterbringen wird.
Schuldtitel im Wert von gut 100 Milliarden Dollar verkaufen
Für längere Laufzeiten fordern Anleger dagegen immer höhere Risikoprämien auf die rekordtiefen kurzfristigen Leitzinsen ein. So hatte der Bund in der vergangenen Woche zwar wenig Mühe, 7 Milliarden Euro für zehn Jahre aufzunehmen. Allerdings lag die Rendite mit 3,54 Prozent deutlich höher als das Renditetief von 2,58 Prozent Mitte Januar. Die Renditeforderungen sind kein Wunder. Über die Anleger ist eine Flut von Staatsanleihen hereingebrochen. Allein die Länder des Euro-Raums haben in diesem Jahr schon Anleihen im Wert von 800 Milliarden Euro plaziert, 50 Prozent mehr als im Jahr 2007. Zu dem großen Angebot kommen Zweifel an der Preisstabilität. Noch aber sorgt die Inflationsrate im Euro-Raum mit zuletzt 0,6 Prozent zumindest derzeit, wenn oft auch nur vor Steuern, für positive reale Renditen.
In den Vereinigten Staaten mehren sich Stimmen, die in einer erhöhten Inflationsrate eine Lösung zum Abtragen der Schulden sehen. Der Harvard-Professor Gregory Mankiw, der früher als Berater der Regierung tätig war, sowie der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, schlagen vor, die Inflation für mehrere Jahre zu erhöhen, um zumindest den realen Wert der Verschuldung zu reduzieren und reale Zinsen im (deutlich) negativen Bereich zu halten. Damit erscheinen Inflationsraten zwischen 4 und 6 Prozent in Amerika bald als realistisch. Nach dem Feiertag am Montag will das Schatzamt vermutlich schon am Dienstag und an den beiden folgenden Tagen Schuldtitel im Wert von gut 100 Milliarden Dollar verkaufen. Das Renditespektrum reicht derzeit von 0,88 für zweijährige Schuldtitel über 2,20 über 5 Jahre bis hin zu 3,45 Prozent. Das ist sogar im langfristigen Bereich noch weniger als im Euro-Raum.
Indien wird 2009 wohl mehr zum Weltbruttosozialprodukt beitragen
Erschwerend für die Plazierungen kommt hinzu, dass Fondsmanager wie Bill Gross daran zweifeln, ob Amerika ein AAA-Rating behält. Eine Debatte ist in Gang gekommen, nachdem die Rating-Agentur S&P am Donnerstag den Ausblick auf die Bonität Großbritanniens gesenkt hat. Anschließend traten auf der Insel unverkennbare Spannungen zwischen Regierung und Notenbank auf. Auf fast allen anderen Märkten lösen sich die Spannungen hingegen immer mehr auf.
Die Anleger machen sich zwar langfristig Sorgen um eine ausufernde Inflation; durchgesetzt aber hat sich fürs Erste eine entspannte Sicht auf die Konjunktur, die ihren Tiefpunkt vielerorts erreicht haben könnte. So nehmen zum Beispiel die Öl-Lagerbestände in Amerika ab. Der Nachfrageüberhang trägt dazu bei, dass 159 Liter Nordseeöl erstmals in diesem Jahr mehr als 60 Dollar kosten. Der Anstieg der Preise auch anderer Rohstoffe könnte aber nicht nur ein Indiz für eine Stabilisierung der konjunkturellen Rohstoffnachfrage sein, sondern auch dafür, dass sich die durch die Zentralbanken aufgeblähte Geldmenge tatsächlich langfristig in Inflation niederschlägt.
Unterdessen dauert die seit März laufende Aktienrally an. In Asien hat Indien China als Favoriten abgelöst, weil die Bildung einer wirtschaftsfreundlichen Regierung möglich erscheint. 14 Prozent ist der Aktienindex Sensex seit vergangenen Montag gestiegen. Fachleute trauen Indien dank seiner starken Binnennachfrage und relativ geringer Abhängigkeit von der Weltkonjunktur zu, 2009 deutlich mehr zum Weltbruttosozialprodukt beizutragen als 2008 mit 5 Prozent.
Großbritannien und Amerika macht die Ratingfrage zu schaffen
In Europa sind Aktienindizes wie der Dax in der vergangenen Woche um rund 3 Prozent gestiegen, während es in Amerika zu einer Stabilisierung kam. Viele Kurse und Indizes haben den 200-Tage-Durchschnitt durchstoßen. Die Kursschwankungen, gemessen am V-Dax und am amerikanischen Vix, sind unter das 200-Tage-Mittel gefallen. Die Stabilisierung sorgt mit für eine Verbesserung der Finanzierungsbedingungen für Unternehmen.
In Deutschland konnte mit Infineon ein hochdefizitäres Technologieunternehmen mit einem Kupon von nur 7,5 Prozent fast 200 Millionen Euro für fünf Jahre über eine Wandelanleihe aufnehmen. Die Anleger ließen sich mit dem niedrigen Kupon abspeisen, weil sie ein Recht auf Rückzahlung der Anleihen in Aktien haben. Zuvor hatte das Technologieunternehmen Q-Cells den seit Herbst 2008 darniederliegenden Markt für Wandelanleihen geöffnet. Q-Cells und Infineon haben nicht einmal ein Rating. In Amerika sind sogar wieder Emissionen mit Junk-Bond-Status auf dem Markt.
Je länger sich die Aktienkurse auf dem gemessen am Dax seit März um 35 Prozent höheren Niveau halten, dürften sich die Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmen über die Kapitalmärkte weiter verbessern. Damit nehmen die Risiken ab, die von den Finanzmärkten auf die Konjunktur abstrahlen. Staaten wie Großbritannien und Amerika aber macht am Kapitalmarkt immer stärker die Ratingfrage zu schaffen.