04.12.2008 · Die Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen ist erstmals unter 3 Prozent gefallen und damit auf das niedrigste Niveau aller Zeiten. Wer allerdings einen Dispo-Kredit oder eine Finanzierung auf Raten braucht, profitiert von dem Zinsverfall bisher nicht.
Von Stefan RuhkampDer deutsche Staat hat sich noch nie zu so günstigen Konditionen verschuldet wie heute. Wenn das nur für alle Schuldner gelten würde. Die Zinsen, die Unternehmen und Hauskäufer zahlen, sinken - wenn überhaupt - viel langsamer als die des Staates.
Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist am Donnerstag zum ersten Mal deutlich unter 3 Prozent gefallen. Hätte der Bund am Nachmittag eine lang laufende Anleihe begeben, hätten sich die Käufer mit etwa 2,95 Prozent Zins bescheiden müssen. Zumindest akzeptierten die Anleger diese Konditionen bei Anleihen, die schon länger auf dem Markt sind.
Erinnerung an den September 2005
Einen derartig niedrigen Schuldzins des deutschen Staates hat es mit einer Ausnahme noch nie gegeben. Vor drei Jahren im September 2005 sank die auf dem europäischen Anleihemarkt richtungweisende Bund-Rendite für einen Tag auf 3 Prozent und für einen Moment auf 2,99 Prozent. Auch damals richteten sich die Investoren auf eine Deflation ein, also auf ein sinkendes Preisniveau in der Wirtschaft. In allen anderen Phasen der deutschen Geschichte zahlte der Staat mehr für seine Schulden. Das war so während der Ölkrise der siebziger Jahre und sogar in der großen Depression der dreißiger Jahre.
Angesichts der steigenden Staatsschulden wirken die geringen Zinsen entlastend auf den Haushalt des Bundes, wenngleich die Last aus älteren Anleihen unverändert bleibt und die günstigen Konditionen nur für neu begebene Titel gelten. Leider wird der Vorteil des niedrigen Zinsniveaus nur zum Teil an die anderen Schuldner in der Wirtschaft weitergegeben.
Noch immer misstrauen sich die Banken und haben den kurzfristigen Geldhandel untereinander weitgehend eingestellt. Wer trotz der schlechten Stimmung Geld verleiht, verlangt selbst über Nacht hohe Aufschläge. Und auch die Finanzierung über den Anleihemarkt ist für die Banken sehr teuer geworden.
Kosten an Unternehmen weiter gereicht
Diese Kosten reichen sie an ihre Kunden weiter. Und so hat sich auch die Finanzierung für große Industrieunternehmen extrem verteuert. Daimler zum Beispiel musste kürzlich den Anlegern 9 Prozent bieten, um genügend Zeichner für eine neue Anleihe zu bieten. Wegen der hohen Risikoprämien haben sich die Finanzierungskosten für den Autohersteller in den vergangenen zwei Jahren nahezu verdoppelt, obwohl das Zinsniveau der langfristigen Zinsen seitdem gefallen ist.
Das Schlimme ist, dass die hohen Zinsen auch von den Banken für Unternehmenskredite gefordert werden - sofern sie diese überhaupt noch vergeben. Gerade hat der Finanzvorstand der Linde AG, Karlheinz Hornung, auf die Banken geschimpft und gesagt: „Natürlich haben wir eine Kreditklemme.“ Die Banken hielten sich in einigen Fällen nicht einmal an die bestehenden Verträge. Zuvor hatte schon Bundeskanzlerin Angela Merkel die „Kaltblütler“ unter den Banken angegriffen und Konsequenzen angedroht.
Rasanter Verfall der Rendite
Für Privatleute mit Schulden sind die Finanzkrise und die hohen Risikoprämien in den meisten Fällen weniger bedrohlich. Aber auch sie bekommen den Vorteil aus den rasch fallenden Leitzinsen, die nun nach der Senkung um 0,75 Prozentpunkte am Donnerstag schon bei 2,5 Prozent angelangt sind, und dem niedrigen Anleihezinsniveau nur eingeschränkt zu spüren.
Im Juli lag die Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen, das ist der aus allen Laufzeiten gebildete Durchschnitt, noch bei etwa 4,7 Prozent. Seitdem ist dieser Durchschnittszins um fast zwei Prozentpunkte gesunken und erreichte beim Tagestief am Donnerstag 2,8 Prozent. Im selben Zeitraum ist der durchschnittliche Zins, den Banken für neue Hypothekenkredite mit zehn Jahren Laufzeit fordern, lediglich von rund 5,4 auf knapp 5 Prozent gefallen, wie Daten des Finanzberaters Max Herbst zeigen.
Dispo-Kredit nicht günstiger geworden
Es gibt zwar Anbieter, die Kredite schon für wenig mehr als 4 Prozent annoncieren. Doch in vielen Fällen gelten diese Konditionen nur für das Schaufenster. Wenn Bauherren auf Angebote mit derartig niedrigen Zinsen anspringen, finden die Banken bis zur Kreditbewilligung leicht Gründe, warum es in diesem individuellen Fall dann doch spürbar mehr sein muss. Mal ist es die Lage, mal der Zustand der Immobilie und mal das Einkommens des Schuldners.
Auch andere Zinssätze der Banken, die im Alltag eine Rolle spielen, haben sich in den vergangenen Monaten trotz der fallenden Leitzinsen und der sinkenden langfristigen Zinsen für Staatsschulden nicht ermäßigt. Dispositionskredite lassen sich die Banken derzeit im Durchschnitt mit gut 12 Prozent verzinsen. Vor zwei Jahren lag dieser Wert noch bei rund 10 Prozent.
Für Ratenkredite mit 36 Monaten Laufzeit ist der durchschnittliche Zins in den vergangenen Monaten von knapp 7,9 auf etwa 8,2 Prozent gestiegen. Umgekehrt neigt sich die Phase üppiger Guthabenzinsen, die Sparer zum Beispiel für Tages- oder Festgeld bei den Banken erhalten, dem Ende entgegen. Der Durchschnitt der Tagesgeldzinsen liegt bei 3,5 Prozent.