Die meisten Fachleute der Banken erwarten einen moderaten Anstieg der langfristigen Zinsen in Europa und Amerika. Im Durchschnitt sagen die 27 von dieser Zeitung befragten Fachleute eine Zunahme der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von derzeit 2,9 auf 3,26 Prozent am Jahresende voraus. Einen Anstieg in ähnlichem Umfang auf dann 3,6 Prozent prognostizieren sie für Dollar-Anleihen der Vereinigten Staaten. Ein Zinsanstieg in dieser Größenordnung würde zu Kursverlusten führen, die gut der Hälfte der jährlichen Zinszahlung entspricht.
Für Bundesanleihen reicht die Spanne der Prognosen von einem Rückgang der Rendite auf 2,6 Prozent - damit rechnen Société Générale und HSBC Trinkaus - bis zu einem Anstieg auf 3,85 Prozent, der von Nomura erwartet wird. Die Fachleute der japanischen Bank argumentieren unter anderem mit den steigenden Inflationsraten. Im Dezember ist die Teuerungsrate im Euro-Raum mit 2,2 Prozent erstmals wieder über die Zielgröße der Europäischen Zentralbank gestiegen, die einen Wert nahe, aber unter 2 Prozent anstrebt. Nomura hält die Bewertung der künftigen Teuerung für unterzeichnet. Aus den Preisen für Derivate lässt sich für den Euro-Raum eine Inflationserwartung von durchschnittlich 1,7 Prozent für die kommenden fünf Jahre ablesen. Gründe für ein höheres Tempo der Geldentwertung sieht Nomura unter anderem in der Stärke der Schwellenländer, in der Tatsache, dass die Erholung in den Industrieländern schon im Gange ist, und in der Niedrigzinspolitik der Notenbanken.
Ungleich verteiltes Wachstum der Weltwirtschaft
Die Citigroup erwartet, dass die wichtigsten Zentralbanken in diesem Jahr die Leitzinsen nicht erhöhen werden. Die Analysten der Bank sagen ein starkes, aber sehr ungleich verteiltes Wachstum der Weltwirtschaft voraus - sehr starkes in China und Indien, schwächeres in den Industriestaaten. Das Wachstum in Europa werde moderat sein, angeführt von einer starken deutschen Wirtschaft. Kein oder nur geringes Wachstum werde es in den Peripherieländern der Währungsunion geben. In diesem Umfeld werde die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen nur leicht auf 3 Prozent zulegen, sagen die Fachleute der Citigroup voraus.
Eine starke deutsche Wirtschaft und große Wachstumsunterschiede erwartet auch Marco Annunziata von der italienischen Bank Unicredit. Er rechnet mit einem leichten Rückgang des Wachstums im Euro-Raum von 1,7 auf 1,5 Prozent, wobei der Inflationsdruck zunächst gering bleiben werde. Gleichwohl rechnet Unicredit damit, dass die Rendite von Bundesanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit bis zur Jahresmitte auf 3 und bis Ende 2011 auf 3,5 Prozent steigen wird.
Investoren dürften bei Aktien Gewinne realisieren
Die DZ Bank liegt mit ihrer Prognose dagegen etwa im Mittelfeld. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe erwartet Birgit Figge, Zinsstrategin der DZ Bank, bis Jahresende zwischen 3,2 und 3,4 Prozent. Ihrer Ansicht nach wird die Konjunktur im Euro-Raum im Verlauf des Jahres an Fahrt aufnehmen. Die Probleme der überschuldeten Euro-Länder würden fortbestehen und zu einer Emissionsflut an Staatsanleihen führen. „Diesmal werden die Investoren aber nicht in den sicheren Hafen der Bundesanleihen flüchten“, sagt Figge. Vielmehr werde das höhere Wachstum zu einer leicht anziehenden Inflation führen. Spätestens im vierten Quartal werde der Markt immer stärker von einer bevorstehenden Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgehen. Zwar erwartet Figge erst Anfang 2012 einen Zinsschritt der Notenbank, aber der Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes werde bereits im zweiten Halbjahr beginnen.
Auch Ralf Umlauf, Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), rechnet erst 2012 mit einer Zinserhöhung der EZB. Aber der Markt werde sich in der zweiten Jahreshälfte verstärkt darauf einstellen, wodurch die Rendite der Bundesanleihe wieder anziehen dürfte. Umlauf prognostiziert zum Jahresende eine Rendite von 3 Prozent. Im ersten Halbjahr erwartet er zunächst einen Rückgang auf 2,7 Prozent. Der Helaba-Analyst geht davon aus, dass die deutsche Konjunktur ihr Tempo nicht halten wird. Die Investoren dürften deshalb bei Aktien Gewinne realisieren und die frei werdenden Mittel in Anleihen umschichten.
wann versteht man es endlich...
Felix Bauer (politischInkorrekt)
- 05.01.2011, 17:48 Uhr