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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bericht vom internationalen Finanzmarkt Notenbanken vor neuen Lockerungen

 ·  Die Europäische Zentralbank dürfte am Donnerstag die Leitzinsen senken und noch mehr Notkredite in Aussicht stellen. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

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© F.A.Z.

Die Erwartungshaltung der Marktteilnehmer ist eindeutig: Auf die Woche der Politik folgt die Woche der Zentralbanken. Einige verstehen die Beschlüsse der europäischen Regierungen, mit denen den Krisenländern Italien und Spanien der Zugang zu neuen Hilfskrediten erleichtert, zugleich die gemeinschaftliche Haftung für Schulden vorangetrieben und eine gemeinsame Bankenaufsicht vage in Aussicht gestellt wurde, als Voraussetzung für neuerliche geldpolitische Lockerungen der Europäischen Zentralbank. EZB-Präsident Mario Draghi hat zuletzt wiederholt betont, die Zentralbank könne nicht die Untätigkeit anderer ausgleichen. Die Untätigkeit der Politik sei beendet, argumentieren nun einige Bankanalysten - der Weg sei frei für die Zentralbank.

Erwartet wird zumindest eine neuerliche Zinssenkung von 1 auf 0,75 Prozent, die in den Preisen für Terminsätze auf dem Geldmarkt schon zu mehr als der Hälfte vorweggenommen ist. Auch die meisten Bankvolkswirte rechnen mit einer Zinssenkung, einige sogar mit einem deutlichen Schritt auf 0,5 Prozent. Zugleich könnte der Einlagensatz, zu dem Banken überschüssiges Geld über Nacht bei der Zentralbank anlegen können, auf null oder nahe null gesenkt werden. Noch vor kurzer Zeit hatte die EZB eine solche Nullzinspolitik abgelehnt, weil eine dauerhafte Austrocknung des Geldmarkts wie in Japan zu befürchten sei. Nun erhofft man sich, dass die Banken ihr überschüssiges Geld lieber verleihen, als es ohne Zins zu horten.

Nachlassender Inflationsdruck

Befürworter einer Zinssenkung werden im EZB-Rat mit der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung argumentieren - mehr als der Hälfte der Euroländer, darunter auch Frankreich und die Niederlande, droht in diesem Jahr eine rückläufige Wirtschaftstätigkeit. Zudem steigt die Arbeitslosigkeit und liegt mit einer Quote von gut 11 Prozent zwei Prozentpunkte über dem langjährigen Durchschnitt. Das trägt zum nachlassenden Inflationsdruck bei.

Die Inflationsrate befindet sich mit 2,4 Prozent zwar immer noch über dem Inflationsziel von knapp 2 Prozent, die Teuerungsrate ist jedoch in den vergangenen Monaten gesunken und dürfte angesichts sinkender Ölpreise rasch weiter fallen. Insofern ist der geldpolitische Spielraum gewachsen. Schon während der Ratssitzung im Juni hatten einige Notenbanker angesichts der schwachen Stimmungsindikatoren für eine Zinssenkung gestimmt. Die Mehrheit um EZB-Präsident Draghi verwies jedoch auf die zu diesem Zeitpunkt noch relativ stabilen harten Konjunkturdaten. Deshalb dürfte die am Donnerstag anstehende Veröffentlichung der Auftragseingänge in der deutschen Industrie bedeutsam sein. Nach dem sehr schwachen Wert im April könnte es im Mai im besten Fall ein kleines Plus gegeben haben.

Lockerung der Regeln für die Sicherheiten

Dabei muss es bei einer Zinssenkung alleine nicht bleiben. Denkbar ist auch, dass der EZB-Rat gegen den Widerstand von Bundesbankpräsident Jens Weidmann und einiger weniger anderer Notenbanker eine weitere Lockerung der Regeln für die Sicherheiten beschließt, die Banken beleihen dürfen. Schon während seiner letzten Sitzung hat der EZB-Rat die Regeln für Kreditverbriefungen gelockert und so den Sicherheitenrahmen um etwa 100 Milliarden Euro erweitert. Denkbar wäre nun zum Beispiel eine weitere Lockerung für die Beleihung von Einzelkrediten. Eine weitere Option könnte eine neuerliche „Dicke Bertha“, wie Mario Draghi die dreijährigen Finanzierungsgeschäfte bezeichnet hat, sein. Dem wird derzeit jedoch eine geringere Wahrscheinlichkeit beigemessen, da es den schwachen Banken vor allem an beleihungsfähigen Sicherheiten mangelt.

Auch von der Bank von England wird in dieser Woche eine neuerliche Lockerungsrunde erwartet. Nachdem der Notenbankgouverneur vor einigen Tagen eine verschlechterte Wirtschaftslage festgestellt hat, hoffen die Banken nun auf eine Ausweitung der quantitativen Lockerung. So könnte die Obergrenze für Wertpapierkäufe erhöht werden. Auch die Notenbanken Schwedens und Australiens entscheiden diese Woche über ihre Geldpolitik, die meisten Beobachter gehen von unveränderten Zinssätzen aus.

Wachsende Skepsis

Eine weitere Lockerung der EZB und der Bank von England könnte die Risikoscheu auf den Kapitalmärkten dämpfen. Zugleich dürfte jedoch bei vielen Investoren die Skepsis gegenüber den Gipfelbeschlüssen vom Freitag wieder wachsen. So weist die Commerzbank darauf hin, dass schon eine Überforderung des europäischen Stabilisierungsfonds drohe. Die bereits laufenden Stabilisierungsprogramme und drohende neue könnten sich auf mehr als 1000 Milliarden Euro summieren.

In diese Rechnung einbezogen sind eine Ausweitung für Griechenland, die Kapitalisierung der spanischen Banken, Hilfen für Slowenien sowie eine Verlängerung der Hilfen für Portugal und Irland und - was der größte Posten ist - Schuldenfinanzierungen für Italien und Spanien. All diesen denkbaren Finanzierungsaufgaben ständen aus dem europäischen Stabilisierungsfonds ESM und aus den Mitteln des Internationalen Währungsfonds insgesamt nur etwa 700 Milliarden Euro gegenüber.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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