Home
http://www.faz.net/-gvt-76z5s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Baufinanzierung

Bargeldreserven Angriff auf die vollen Kassen

Auch in Deutschland horten Unternehmen so viel Geld wie nie. Doch volle Kassen sind nicht immer klasse. Das macht die Aktionäre unruhig: Sie wollen Taten sehen oder höhere Ausschüttungen.

© Corbis Vergrößern Der Glanz der Scheine verblasst, wenn man die Schulden gegenrechnet

Was sind schon 107 Milliarden Euro? Soviel, wie die Wirtschaft von Rheinland-Pfalz ein ganzes Jahr lang produziert. Soviel wie ein Drittel des Bundeshaushalts oder alle Sozialausgaben des Bundes. Oder soviel, wie ein einziges Unternehmen in der Kasse hat: Apple.

Dyrk Scherff Folgen:  

Kein Unternehmen auf der Welt hat mehr Bargeld angehäuft. Damit könnte der amerikanische Handy- und Computerhersteller die Deutsche Telekom und Siemens zusammen kaufen - und aus der Firmenkasse in bar bezahlen. Apple hat das eine Menge Ärger eingebracht: der Hedge-Fonds-Manager David Einhorn will an diesen immensen Barmitteln beteiligt werden - und klagt das jetzt vor Gericht ein.

25 Milliarden auf der hohen Kante

Auch im Rest der Welt baden die Unternehmen in Rekordsummen an Barem. Das gilt auch für Deutschland: Lässt man Banken und Versicherungen außen vor, die immer am meisten Liquidität lagern, weil es Teil ihres Geschäftsmodells ist, liegen die Autobauer vorne. Allein Volkswagen hat 25 Milliarden Euro auf der hohen Kante. Siemens hortet elf, Eon acht Milliarden. Weltweit dominieren die Amerikaner die Ranglisten.

Nicht nur David Einhorn hat die hohen Cash-Summen wahrgenommen. Immer mehr Anleger werden darauf aufmerksam. Sie kaufen gezielt solche Aktien. Denn „es ist ein positives Zeichen für die Kraft einer Firma, wenn sie viel Liquidität erwirtschaften kann und nicht gleich wieder ausgeben muss“, sagt Michael Kopmann, Aktienstratege der DZ Bank. Hinzu kommt: Solche Firmen versprechen gute Erträge. Sei es über eine Sonderausschüttung zusätzlich zur normalen Dividende. Oder Aktienrückkäufe, bei denen die Unternehmen das Geld nutzen, um Papiere der eigenen Firma zu kaufen. Das treibt den Kurs in die Höhe. Wenn die erworbenen Papiere danach eingedampft werden, freuen sich die Aktionäre noch mehr. Der Gewinn verteilt sich dann auf weniger Aktien, der Kurs steigt.

Infografik / Die Unternehmen mit den größten Barreserven © F.A.Z. Vergrößern Liquide Mittel

Alternativ könnten die Unternehmen auch stärker investieren, um damit ihr Wachstum und damit die künftigen Gewinne zu steigern. Sei es über neue Anlagen und Fabriken, sei es durch Übernahmen anderer Firmen. Wenn das gut geht, profitiert auch hier der Aktienkurs. Die Gefahr ist allerdings, dass das viele Geld zu Fehlkäufen verleitet. Umgekehrt werden Firmen mit praller Kasse oft zu Übernahmekandidaten. Denn der Käufer bedient sich gerne daran. Die Aktien des Übernommenen profitieren durch die Übernahmeprämie, die in solchen Fällen gewöhnlich bezahlt wird.

„Eine gute Zeit, stärker zu investieren“

Die hohen flüssigen Mittel sind Folge der Finanzkrise 2008 und 2009. Damals waren die Banken knauserig mit Krediten für die Unternehmen, die sich daraufhin finanzielle Puffer aus ihren Mittelzuflüssen aufbauten. Sie wollten damit unabhängiger von Bankkrediten werden. Hinzu kamen kräftige Kostensenkungen in Folge der Krise. Und massive Zinssenkungen. Beides reduzierte die Lasten der Unternehmen und steigerte so die Gewinne. Als die Konjunktur 2010 und 2011 wieder ansprang, sprudelten die Einnahmen noch stärker. Die Euro-Krise verhinderte, dass die Unternehmen diese Erlöse übermäßig in weiteres Wachstum investierten. Sie horteten es wegen der Verunsicherung lieber. Liquidität macht damit im Dax, also unter den größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands, 72 Prozent des Gesamtvermögens aus, hat die Commerzbank errechnet. Vor der Finanzkrise waren es nur 55 Prozent, in der Krise allerdings auch schon einmal 85 Prozent.

Sehr hohe Barmittelquoten sind aber immer weniger zu rechtfertigen. „Wie viele Jahre wollen die Unternehmen eigentlich noch im Krisenmodus laufen?“, fragt Frank Naab, Chefstratege für das Private Banking im Bankhaus Metzler. Die Euro-Krise beruhige sich, die Konjunktur dürfte bald wieder anspringen. Eine gute Zeit, wieder stärker zu investieren, meint Naab. „Die Firmen sind keine Bank. Sie verdienen hoffentlich mehr Geld mit ihrem Kerngeschäft als mit den Mini-Zinsen, die sie für ihr Bargeld bekommen.“ Die Aktionäre sollten daher nicht hoffen, dass sie jetzt alle mit Sonderdividenden und Aktienrückkäufen verwöhnt werden, sagt der Chefstratege.

Mehr zum Thema

Prominenteste Ausnahmen sind Apple und in Deutschland Siemens, die beide Milliarden in Rückkäufe investierten. Allerdings liegt der Siemens-Aktienkurs nach einem Zwischenhoch im Dezember nun nicht höher als vor den Rückkäufen. Vor der Alternative - höheren Dividenden - schrecken die Unternehmen aber oft zurück, weil die Aktionäre im Folgejahr nur schwer die vorher übliche, geringere Ausschüttung akzeptieren.

Der Glanz verblasst schnell

Besonders viel in der Kasse bunkern Gesellschaften mit wenig schwankungsanfälligem Geschäft und hohen Margen. Dazu gehören etwa Ölfirmen, Pharmaproduzenten, Nahrungsmittelhersteller und auch Technologiefirmen. Anlagenbauer wie Siemens oder ABB profitieren davon, dass sie für Großanlagen früh große Anzahlungen bekommen, ohne dass sie schon entsprechende Ausgaben haben.

Das zeigt aber auch die Gefahr für die Anleger, die sich Unternehmen mit viel Bargeld aussuchen. Denn viele Unternehmen brauchen viel Geld in der Kasse und werden davon sicher nicht zu viel ausschütten. Sie haben regelmäßig Milliardenaufwendungen zu tätigen, wie etwa die Anlagenbauer. Oder wie derzeit die Telekomfirmen und Energieversorger, die auch viel Bargeld haben, aber auch kräftig ins Netz beziehungsweise in neue Kraftwerke investieren müssen.

Der Glanz hoher Cash-Zahlen verblasst auch schnell, wenn man die Schulden gegenrechnet (Netto-Liquidität). Wenn die auch noch kurzfristig fällig werden, ist viel Bares geradezu notwendig, um sie zurückzahlen zu können. Volle Kasse ist also nicht immer klasse. Zum Glück aber bleiben genug Firmen übrig, die mit ihrem Bargeld Anlegern wirklich Gutes tun.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Dividenden-Aktien Wo gibt’s fürs Ersparte mehr als ein paar Krümel?

Dividenden sind die neuen Zinsen: Die Ausschüttungen grundsolider Unternehmen bringen Jahr für Jahr bis zu 4 Prozent - für viele Anleger eine echte Alternative zu Anleihen. Mehr Von Nadine Oberhuber

07.10.2014, 10:59 Uhr | Finanzen
Die ’Apple Watch’ - eine neue Zeitrechnung?

Der Apple-Konzern präsentiert eine neuartige Smartwatch und zwei neue iPhones. Das Unternehmen spricht selbstbewusst von der besten Produktpalette seit 25 Jahren. Mehr

10.09.2014, 10:18 Uhr | Technik-Motor
Zwischenbilanz der EM-Qualifikation Deutschland war nie schlechter

Vier Sterne auf der Brust, aber nur vier Punkte in der Tabelle. Nach Stand heute wäre der Weltmeister als Gruppenvierter nicht mal für die Play-Off-Spiele zur EM 2016 qualifiziert. Mehr

15.10.2014, 06:56 Uhr | Sport
Science Fiction inspiriert Erfinder

Immer mehr High-Tech-Firmen setzen bei der Suche nach neuen Produkten auch auf die Ideen von Science-Fiction-Autoren. Viele vermeintliche Zukunftsphantasien erweisen sich als realistischer als zunächst gedacht. Mehr

21.08.2014, 17:49 Uhr | Wissen
Apple Pay In Amerika kann man jetzt mit dem iPhone bezahlen

Apple startet seinen Bezahldienst in Amerika. Die größten Kreditkartenanbieter kooperieren mit dem Elektronikkonzern. Es gibt aber noch viele Hürden. Mehr Von Norbert Kuls, New York

20.10.2014, 17:04 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.02.2013, 17:33 Uhr

Wertpapiersuche
Zinsen