23.01.2008 · Auf den Finanzmärkten wachsen die Sorgen, die Bankenkrise könne eine Kettenreaktion auf dem Markt für Absicherungen gegen Kreditausfälle auslösen. Fachleute befürchten jedoch keinen Zusammenbruch.
Von Daniel SchäferAuf den Finanzmärkten wachsen die Sorgen, die Bankenkrise könne eine Kettenreaktion auf dem Markt für Absicherungen gegen Kreditausfälle auslösen. Mithilfe dieser „Credit Default Swaps“ (CDS) können sich Banken und andere Investoren gegen den Ausfall von Krediten absichern.
Die Schieflagen und Rating-Herabstufungen einzelner Kreditversicherer sowie die hohen Verluste der großen Investmentbanken haben zuletzt die Furcht genährt, der gesamte Markt für diese Produkte könnte ins Wanken geraten.
Branchenvolumen mehr als verzehnfacht
Der Markt für Kreditausfallabsicherungen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Binnen vier Jahren hat sich das gehandelte Volumen dieser Kreditderivate laut dem Branchenverband International Swaps and Derivatives Association (ISDA) mehr als verzehnfacht - auf atemberaubende 45 Billionen Dollar.
Die Zahlen basieren jedoch auf dem Handelsvolumen und beinhalten somit Mehrfachzählungen. Das tatsächlich ausstehende Volumen sei vermutlich deutlich geringer, sagt Gareth Levington von der Rating-Agentur Moody's.
Schreckensszenario vor Augen geführt
Doch die derzeitige Schieflage amerikanischer Anleiheversicherer wie Ambac oder ACA hat den Marktteilnehmern vor Augen geführt, welche Risiken auch auf dem CDS-Markt vorhanden sind. Das von Fachleuten als unwahrscheinlich angesehene Schreckenszenario ist, dass eine der in diesem Markt als „Gegenpartei“ engagierten Großbanken von den Rating-Agenturen kräftig herabgestuft wird und dadurch in große Schwierigkeiten geraten würde, für die Kreditabsicherung weiter zu garantieren.
Doch Kreditanalysten beschwichtigen. „Der Markt ist reifer geworden. Als Gegenparteien sind überwiegend die 25 bis 30 größten Banken der Welt aktiv“, sagt Uwe Burkert, Leiter Kreditanalyse der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Um das gesamte System ins Wanken zu bringen, müssten seiner Ansicht nach zwei bis drei der größten Banken kräftig herabgestuft werden. „Dieses Risiko sehen wir nicht.“
System ist wie ein Luftballon
Auch das Risiko, dass die in diesem Markt häufig als Käufer der Kreditabsicherungen auftretenden Hedge-Fonds in größere Schieflagen geraten und durch Notverkäufe einen weiteren drastischen Preisrutsch auslösen könnten, hält Burkert für begrenzt. Durch die Pflicht der Hedge-Fonds, bei Kursverlusten immer sofort Eigenkapital nachzuschießen, atme das System wie ein Luftballon, in dem immer langsam Luft rein- und rausgelassen wird.
Hedge-Fonds kaufen derartige Produkte oft mit einem großen Schuldenhebel. Wenn sie beispielsweise eine Absicherung für einen Kredit von 10 Millionen Dollar geben will, hinterlegen sie dafür nur eine Millionen Dollar Eigenkapital bei der Gegenpartei. Fallen die CDS im Preis, muss der Hedge-Fonds aber sofort Eigenkapital nachreichen.
Es droht weiteres Ungemach
Für die Banken bedeuten die Kreditausfallversicherungen dennoch weiteres Ungemach. Die Preise für CDS sind in den vergangenen Wochen auf Rekordstände geschossen. Der I-Traxx Crossover-Index, der die Kreditausfallversicherungen für zumeist bonitätsschwache europäische Unternehmen misst, sprang allein am Dienstag auf mehr als 500 Punkte und damit auf einen Rekordwert. Das entspricht einer jährlichen Risikoprämie von 5 Prozent.
Eine höhere Ausfallwahrscheinlichkeit ist diesen Unternehmen somit seit der Auflegung des Index im Jahr 2003 niemals beigemessen worden. Das habe weitere größere Abschreibungen für die Banken zur Folge, sagt Burkert. Die wirtschaftlich starken Banken werden das seiner Ansicht nach schon in den Jahresabschlüssen für 2007 berücksichtigen, obwohl dieser Wertberichtigungsbedarf erst im ersten Quartal 2008 entstanden sei.
Globale Verluste bei 15 Milliarden Dollar
Der Branchenverband ISDA schätzt die globalen Verluste aus diesen Kreditausfallswaps auf 15 Milliarden Dollar. Der bekannte amerikanische Fondsmanager Bill Gross hatte die Verluste aus diesen Kontrakten gar auf 250 Milliarden Dollar prognostiziert und darin einen Beitrag zu Rezession in Amerika gesehen. Der Verband bezeichnet diese Aussagen von Gross aber als große Übertreibung.
Marktbeobachter befürchten, dass die Indizes noch weiter steigen könnten. „Manche Marktsegmente haben eine Rezession schon eingepreist, während andere noch zu moderateren Preisen handeln“, sagt Philip Gisdakis von Unicredit. Analysten sprechen mittlerweile davon, dass die Kreditmärkte in einen Bärenmarkt eingetreten seien - also ein dauerhafter Abschwung bevorstehe.