28.11.2008 · Den deutschen Unternehmen drohen stark steigende Finanzierungskosten. Obwohl das Zinsniveau in Europa insgesamt gefallen ist, kosten neue Schulden mehr als vor der Finanzkrise: Drei bis fünf Prozentpunkte zusätzliche Risikoaufschläge.
Banken werden bei der Kreditvergabe vorsichtiger. Das Wachstum der von Banken an Unternehmen vergebenen Kredite verlangsamte sich im Oktober auf eine Jahresrate von 11,9 Prozent, meldete die Europäische Zentralbank am Donnerstag. Im September hatte die Wachstumsrate noch 12,2 Prozent betragen. „Wegen der Schwäche der Konjunktur dürfte die Nachfrage nach Krediten abgenommen haben. Die gefürchtete Verknappung des Kreditangebots scheint bislang aber nicht stattgefunden zu haben“, sagte Michael Schubert, Volkswirt bei der Commerzbank. Die Deutsche Bank beteuert, dass für den Mittelstand genügend Geld bereitstehe. Es gebe ungenutzte Kreditlinien von 11 Milliarden Euro.
Die Politik scheint das nicht zu überzeugen: Sachsen hat ein Programm für Notdarlehen aufgelegt. Mindestens 100 Millionen Euro sollen an die mittelständische Wirtschaft des Landes verliehen werden. Bayern plant Ähnliches. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Banken, die sich im Abschwung weigern, Kredite zu vergeben, angedroht: Wenn die Banken als Kreditgeber ausfielen, müsse man neue gründen.
Vor Beginn der Finanzkrise
Gibt es die Kreditklemme denn nun oder nicht? Der Blick auf die Menge der vergebenen Kredite beruhigt, die Preise lassen dagegen Arges befürchten. Einen Hinweis auf die Verteuerung der Konditionen ermöglichen die Märkte für Unternehmensanleihen und Kreditausfallversicherungen. Nach Daten, die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg ermittelt haben, sind die Finanzierungskosten für deutsche Konzerne in den vergangenen Jahren in manchen Fällen um drei bis fünf Prozentpunkte für mittlere Laufzeiten gestiegen. Besonders hart trifft es zum Beispiel Daimler. Das Unternehmen hat vor zwei Jahren eine im Jahr 2012 fällige Anleihe begeben.
Damals - vor dem Beginn der Finanzkrise - akzeptierten die Käufer eine Verzinsung, die nur um 0,9 Prozentpunkte über der von Bundesanleihen lag. Heute müsste Daimler einen Zinsaufschlag von rund 5 Prozentpunkten bieten, um genügend Anleger anzulocken. Seitdem ist zwar das Zinsniveau im Euro-Raum gut einen Prozentpunkt gesunken. Fünfjährige Bundesanleihen bieten nur noch eine Rendite von 2,6 Prozent. Aber dieser Effekt wird durch die stark gestiegenen Risikoprämien überlagert. Verschuldet sich Daimler heute auf dem Anleihemarkt, sind die daraus resultierenden jährlichen Zinsen für eine mittlere Laufzeit nahezu doppelt so hoch wie vor zwei Jahren.
Aus diesen Konditionen lässt sich allerdings nicht unmittelbar ablesen, was die Unternehmen den Banken für neue Kredite zahlen müssen. In den Kursen der Unternehmensanleihen sind zum Beispiel Abschläge für geringe Liquidität enthalten. Außerdem können die Kredite mit Sicherheiten oder anderen Verpflichtungen verbunden werden, um die Zinsen zu reduzieren. Umgekehrt können allerdings Marktzinsen der Unternehmensanleihen die Kosten auch unterzeichnen. So wird zum Beispiel eine ältere Anleihe der BASF, die 2012 fällig wird, mit einem Renditeaufschlag von 1,6 Prozentpunkten gehandelt. Derzeit bereitet das Unternehmen aber eine neue Anleihe vor, die bei ähnlicher Laufzeit mit einem deutlich höheren Renditeaufschlag von mehr als 3 Prozentpunkten angeboten werden soll.
Die Schuldenaufnahme hinauszögern
Wie sehr das gestiegene Ausfallrisiko die Finanzierungskosten in die Höhe treibt, zeigen auch die Preise auf dem Markt für Kreditausfallversicherungen. Um das Risiko einer Zahlungsstörung bei Infineon abzusichern, zahlen die Sicherungsnehmer derzeit jährlich gut 12 Prozent der versicherten Summe bei einer Laufzeit von fünf Jahren. Kaum eine Bank dürfte Infineon einen Kredit geben, der der Gesellschaft nicht eine vergleichbare Risikoprämie abverlangt, zuzüglich des normalen Marktzinses.
Die höheren Zinsen werden die Schuldenlast der Unternehmen allerdings nur allmählich erhöhen. „Es gibt einige Möglichkeiten, die Schuldenaufnahme hinauszuzögern“, erläutert Uwe Burkert, Leiter der Kreditanalyse der Landesbank Baden- Württemberg. So könnten die börsennotierten Gesellschaften Aktienrückkäufe stoppen und die Dividenden streichen. Das in der Produktion gebundene Kapital, zum Beispiel Rohstoffvorräte, könnte reduziert, Investitionen verschoben werden. „Vor allem haben viele Unternehmen bei den Banken noch ältere Kreditlinien mit günstigeren Konditionen“, sagt Burkert.