03.08.2010 · Viel Aufhebens wurde um den Stresstest für Europas Banken gemacht. Wenig beeindruckt sind die Rating-Agenturen. S&P sieht die Probleme der Branche an anderer Stelle und erst noch kommen.
Von Martin HockNach dem Stresstest ist vor dem Stresstest. War das offizielle Planspiel der EU nur eine mehr oder weniger gelungene Beruhigungsaktion, so zeichnet sich der Praxistest in den beiden kommenden Jahren ab, folgt man einer Studie der Rating-Agentur Standard & Poor's.
Die Analysten haben untersucht, wie sich die Finanzierung europäischer Banken derzeit gestaltet und sind auf viele Unsicherheiten gestoßen. Der europäische Bankensektor, der größer ist als der amerikanische oder asiatische, ist hoch verschuldet: Auf 30 Billionen Euro veranschlagt S&P die Verbindlichkeiten, wovon 23 Billionen auf die Eurozone entfallen und 5 Billionen auf Großbritannien.
Notenbankfinanzierung insgesamt eher nachrangig...
Im Unterschied zu anderen Bankensystemen finanziert sich das europäische dabei großteils über Einlagen, die rund 40 Prozent des Finanzbedarfs decken. 19 Prozent entfallen auf ausländische Quellen, wie amerikanische Geldmarktfonds und in Asien begebene Privatplazierungen. Anleihen machen lediglich 11 Prozent, Kapital und Reserven 7 Prozent aus (vgl. Infografik).
Eine überraschend kleine Rolle spielt dagegen die Notenbankfinanzierung. Zwar stiegen die Bruttoausleihungen der Europäischen Zentralbank (EZB) an den Bankensektor im Zuge der Finanzkrise ab Mitte 2008 deutlich vom vorher üblichen Niveau von rund 450 Milliarden Euro auf mehr als 800 Milliarden Euro an, doch ist das Nettovolumen mittlerweile auf dem niedrigsten Stand seit drei Jahren angelangt.
Das liegt daran, dass viele Banken die Notenbankgelder trotz niedrigster Zinsen lieber wieder bei der Zentralbank parken als sie an andere Banken zu verleihen. Das hält die Interbanken-Geldmarktsätze, den Euribor, weiter auf niedrigem Niveau. Denn Banken, deren Bonität so gut ist, dass sie etwas leihen können, brauchen nicht viel zu zahlen. Andere dagegen erhalten nichts.
... doch für manche geht nichts ohne sie
Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als bei den griechischen Banken. Diese haben wie die Regierung praktisch keinen Zugang mehr zu den Kapitalmärkten jenseits der Landesgrenzen. 5 bis 10 Prozent der Einlagen seien zudem aus dem Land geflossen. Nach Schätzung der Analysten von S&P finanzieren sich die griechischen Banken zu 17 Prozent derzeit bei der EZB und damit weit stärker als der Durchschnitt der Eurozone. Mehr als die Hälfte der Netto-Ausleihungen der EZB an Banken geht derzeit nach Griechenland, Spanien und Irland.
Auch mit anderen Finanzierungsquellen ist das Leben nicht mehr ganz so einfach. So müssen Banken derzeit höhere Renditeaufschläge für ihrer Anleihen bieten als Industrieunternehmen. Das werde auch so bleiben, meint S&P, zumindest bis die Industrie stärker reguliert werde und die Schäden der Finanzkrise verarbeitet habe. Das gelte vor allem für Banken aus Griechenland, Irland, Portugal und Spanien.
Der Bankenmarkt ist gespalten
Es zeige sich eine Spaltung des Bankenmarktes in eine erstklassige Gruppe und eine nachrangige, zu der die Banken aus den vorgenannten Ländern gehörten, wobei dies nicht aiuf alle portugiesischen Institute und in Spanien vor allem auf die regionalen Sparkassen, die „Cajas de Ahorros“ zu trifft. Auch einige spezifische Institute aus anderen Ländern gehörten zu diesem Teil des Marktes, so etwa die Deutsche Pfandbriefbank, einstmals Hypo Real Estate.
Letztere stünden vor enormen Refinanzierungsschwierigkeiten. Das scheint auch zu erklären, warum die Programme zur Garantie von Bankanleihen weder in Spanien und Irland, aber auch nicht in Deutschland bisher beendet wurden. Diese staatlich garantierten Schulden schätzt S&P auf mittlerweile eine Billion Euro in der Eurozone, Großbritannien, Schweden und Dänemark und 15 bis 20 Prozent der Anleihen europäischer Banken.
Abwärtsspirale von Landes- und Bankenbonität
Diese Anleihen müssten später durch nicht-garantierte Anleihen refinanziert werden. Allein britische Banken müssen bis 2012 ein Volumen von 750 bis 800 Milliarden Pfund refinanzieren. Das sei für Institute wie die Deutsche Pfandbriefbank eine große Herausforderung. Es sei davon auszugehen, dass viele dieser Garantie-Bonds und der kurzfristigen Notenbankkredite verlängert werden müssten, solange sich die Finanzierungssituation nicht verbessere.
Davon ist aber nicht auszugehen, hängen doch die Bankbranche eines Landes und deren Staatshaushalte eng zusammen. Der Vertrauensverlust in die Schuldtitel einiger Euro-Staaten ging stets zulasten des heimischen Bankensystems, das daraufhin vom Staat gestützt werden musste, was wieder auf die Bonitätseinschätzung der jeweiligen Staaten zurückwirkt - eine Abwärtsspirale, der nur schwer zu entkommen ist.
Teurer Kampf um Einlagen
Auch die starke Finanzierung über Einlagen bietet nur eine begrenzte Erleichterung. Positiv für die europäischen Banken ist das stets Wachstum der Privateinlagen aufgrund des hohen Wohlstandsniveaus bei einer großen Bevölkerung der Eurozone von 330 Millionen Menschen.
Die Einlagen bei den Banken der Eurozone haben sich in den vergangenen 13 Jahren rund verdreifacht und übersteigen 10 Billionen Euro. Und während die Kreditvergabe seit September 2008 praktisch nicht mehr wuchs, stiegen die Einlagen um 600 Milliarden Euro an.
Das aber hatte zur Folge, dass vor allem die Banken des nachrangigen Marktteils verstärkt um Einlagen konkurrieren, ein Umstand, den die Bundesbürger nicht so sehr zu spüren bekommen. Doch sind die Zinsen für Privateinlagen mit einer Laufzeit von bis zu 2 Jahren von ihrem bisher letzten Höchststand im September 2008 bei rund 4,5 Prozent auf etwas mehr als 2 Prozent gefallen.
Ein größeres Problem aber ist die Auflösung der traditionellen Beziehungen zur Industrie nicht nur auf der Kredit-, sondern auch auf der Einlagenseite. Das zeige die bemerkenswerte Tatsache, dass die Zinsen auf Geschäftskonten seit Ende 2008 deutlich unter denen für Privateinlagen notieren (vgl. Infografik), was S&P auf kürzere Laufzeiten zurückführt. Diese Veränderungen würden weitergehen, derweil sich die Branche an ein Umfeld niedrigen Wachstums mit einer deutlich erhöhten Zinsreagibilität der Einleger anpassen müsse.
Missverhältnis der Fristenstruktur
Solange diese Unsicherheiten anhalten, solange bleibt auch die Neigung gering, längere Kreditbeziehungen einzugehen, nicht zuletzt auch weil der Inflationsentwicklung misstraut wird. Für die Banken hat das zur Folge, dass längerfristige Gelder teurer sind, was sie zu kürzeren Refinanzierungsfristen zwingt.
Die Folge, so Standard & Poor's, sei ein zunehmendes Missverhältnis in der Fristenstruktur der Bankbilanzen. Dessen Beseitigung sei derzeit eine der größten Herausforderungen für die europäische Bankenbranche, besonders für die Institutionen im nachrangigen Teil des Marktes. Für einige der Banken, die mit Staatshilfe über Wasser gehalten wurden, werde es schwer werden, ein funktionsfähiges Geschäftsmodell wieder herzustellen oder neu zu entwickeln.
Es ist also nur zu verständlich, wenn Anleger sich bei Anleihen von Banken zurückhalten und sehr genau hinschauen. Sie sind dabei gut beraten.
Deflation zuerst, dann erst Inflation
Holger Muschal (Holly01)
- 03.08.2010, 19:58 Uhr