Es ist eine stattliche Summe, die die internationalen Großbanken in den kommenden Jahren an Kapital brauchen werden, besonders wenn ab 2013 die neuen Regulierungsvorschriften (Basel III) bis 2019 stufenweise eingeführt werden. Um mehr als eine halbe Billion Euro werde das Kernkapital steigen müssen, so die Projektionen der Rating-Agenturen.
Immerhin hat sich das Geschäftsumfeld verbessert und somit auch die Möglichkeiten der europäischen Banken, ihr Kernkapital aufzustocken. Allerdings, so die Rating-Agentur Fitch, werden die Eigenkapitalrenditen das Vorkrisenniveau vorerst nicht wieder erreichen. Haupttreiber der zuletzt besseren Ergebnisse sei das Zinsergebnis gewesen, doch hier seien die Möglichkeiten aufgrund der Niedrigzinsen begrenzt.
Französische Banken im Vorteil
Zudem ist das Finanzierungsumfeld trotz niedriger Zinsen nicht optimal: die bilanziellen Hebel müssen gesenkt werden, das begrenzt die Kreditvergabe, gleichzeitig ist die Nachfrage nach Krediten zurückgegangen, während die Finanzierungskosten gestiegen sind. Wenig Potential sehen die Analysten auch in Kostensenkungen, so dass als Positivum letztlich vor allem das niedrigere Kreditrisiko verbleibt.
Am ehesten würden noch französische Banken ihre frühere Eigenkapitalrenditen erreichen, obgleich die großzügig in Italien und Spanien vergebenen Konsumentenkredite eine Belastung darstellen könnten. Deutsche Banken klagten dagegen über eine schlechte Entwicklung der Risikomargen, vor allem bei Unternehmens- und Immobilienkrediten. Die spanischen Sparkassen leiden unter Belastungen aus dem Immobilienboom, so sei der Wert der Sicherheiten kritisch zu betrachten. Eine Verbesserung der Margen lasse sich dagegen in Großbritannien und Italien verzeichnen.
Schwieriger Weg zu neuen Finanzierungsstrukturen
Auch wenn Fitch die neuen regulatorischen Anforderungen hinsichtlich der Risiken aus dem Bankensystem als langfristig positiv erachtet und glaubt, dass der Anpassungsaufwand zu bewältigen ist, sieht sie die Banken in einem Finanzierungsdilemma. Knapp 600 Millionen Euro Schulden müssen in diesem Jahr refinanziert werden, rund die Hälfte in Deutschland und Großbritannien. 2012 sind es noch einmal fast ebenso viel.
Diese Abhängigkeit von kurzfristigen Krediten stelle ein Problem dar, doch ebenso schwierig sei der Weg zu langfristigeren Finanzierungsstrukturen, für Banken, die derzeit im Übermaß von der Finanzierung durch die Europäische Zentralbank (EZB) abhängig seien. Das betrifft vor allem die Banken der Krisenstaaten des Kontinents. Dabei seien die Voraussetzungen unterschiedlich: Während etwa die portugiesischen Banken stabile Einlagen verzeichneten und vergleichsweise gut kapitalisiert seien, litten die griechischen unter Kapitalflucht.
Auch sei die verringerte Inanspruchnahme der EZB durch spanische Institute, so Fitch-Direktor Michael Dawson-Kropf, vor allem auf die staatliche Stützung der Sparkassen zurückzuführen. Die Lage dieser Institute betrachtet Fitch sehr skeptisch.
Staatliche Unterstützung verzerrt das Rating-Bild
Generell aber ist die Lage des europäischen Bankensystems wohl eine Chimäre. Dessen Stabilität sei hauptsächlich der staatlichen Unterstützung zu verdanken. Fitch hat den Anteil von Banken in Zahlungsschwierigkeiten mit den Zahlungsausfallraten vergleichen. Während die Insolvenzrate für einen Zeitraum von fünf Jahren in den vergangenen beiden Jahrzehnten mehr als sieben Prozent betrug und damit weit über der Ausfallrate von Industriekrediten von knapp 2 Prozent lag, belief sich die Ausfallrate für Banken auf weniger als 1 Prozent - dank großzügiger staatlicher Unterstützung.
Diese macht sich auch in den Ratings deutlich bemerkbar. Müssten die Banken ihren Weg alleine gehen, so müssten die Ratings nur für weniger als 10 Prozent der Banken nicht herabgestuft werden. Für alle anderen könnte eine Senkung um bis zu 8 Stufen erforderlich sein. Für mehr als die Hälfte der europäischen Banken betrüge eine solche Herabstufung fünf bis acht Stufen. Eine heute noch mit der häufigsten Note „A“ bewertete Bank erhielte demnach womöglich nur noch die Bonitätsnote „B+“.
Indes steht ein plötzlicher Entzug der Staatshilfe nicht zur Diskussion, wenn auch die europäischen Regierungen, allen voran wohl die irische, diese Last gerne loswürden. Dazu gehört auch die Einführung eines geordneten Insolvenzverfahrens, wie es sich im britischen UK Banking Act und im deutschen Restrukturierungsgesetz angelegt sei. Komme es dazu, müssten die Ratings überprüft werden, sagt Dawson-Kropf.
Während sich also das Geschäftsumfeld für Banken verbessert und Veränderungen im regulatorischen Umfeld dazu geeignet seien, eine positive Entwicklung zu stützen, trübt die abnehmende Neigung, staatliche Unterstützung zu gewähren, hinsichtlich der Bonitätsnoten das Bild. Diese seien je nach Entwicklung auch dazu geeignet, den eher positiven Ausblick für die Ratings ins Negative zu verkehren.