Home
http://www.faz.net/-gvt-7062c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Auswirkungen der Inflation Die Enteignung der Sparer

 ·  Sichere Anleihen bringen kaum noch Zinsen und werden aufgefressen von der Inflation. Dem Staat ist es recht: Seine Schulden schrumpfen unauffällig.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (37)
© ddp Wenn die Zinsen von der Inflation gefressen werden, bleibt wenig übrig in der Kasse des Sparers

Der Internationale Währungsfonds hat schon 2010 kein Blatt vor den Mund genommen. Vier Prozent Inflation, sei das wirklich so viel schlimmer als zwei Prozent, fragte der Chefökonom Olivier Blanchard in einem höchst umstrittenen Denkpapier.

Vor allem deutsche Ohren zuckten damals zusammen. Jeder Anschein von Geldentwertung verunsichert die Menschen hierzulande - sie fühlen sich sofort an die Hyperinflation der dreißiger Jahre erinnert. Blanchard stellte mit seinem Papier nicht weniger als einen dreißig Jahre alten Konsens in Frage, nach dem Notenbanken in erster Linie die Inflation niedrig halten sollen.

Die Idee höherer Inflation hat seitdem immer mehr Anhänger gewonnen, unter anderen bekannte Ökonomen wie Paul Krugman. Aber vor allem unter Politikern, die unter den hohen Schulden in ihren Länder leiden. Denn eine höhere Inflation ist ein vergleichsweise angenehmer Weg, die Schuldenlast zu drücken.

Die unauffällige Senkung der Staatsschulden

Sie ist unauffälliger als etwa ein Schuldenschnitt, wie ihn gerade Griechenland vorgenommen hat. Der sorgt für Angst an den Finanzmärkten und Unruhen im Land, denn Sparer werden auf einen Schlag um einen Großteil ihrer Ersparnisse gebracht. Auch harte Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen sind viel schwieriger durchzusetzen, denn sie führen unweigerlich in die Rezession. Steigende Arbeitslosigkeit und weniger Sozialausgaben gefährden dann die Wiederwahl der Regierenden.

Sie können daher einer schleichenden Entschuldung über höhere Inflation einiges abgewinnen. Dabei drückt die Schuldenlast durch eine hohe Geldentwertung jedes Jahr real - also unter Berücksichtigung der Preissteigerungen - etwas weniger schwer. Denn die Steuereinnahmen steigen mit. Eine Milliarde Euro Schulden ist dann immer leichter zu bedienen. Dieser Weg vermeidet das Chaos: Es drohen keine Bankenzusammenbrüche und keine Unruhen auf den Straßen.

Diese unauffällige Senkung der Staatsschulden gelingt allerdings nur, wenn die Zinsen für Staatsanleihen, die diese Schulden finanzieren, unter der Inflationsrate bleiben. Sonst würden zu hohe Zinsausgaben des Staates den Vorteil der Entwertung kompensieren. Allerdings steigen die Zinsen im Normalfall, wenn die Inflation zunimmt. Es gibt jedoch Möglichkeiten, den Zins trotzdem niedrig zu halten. Werden solche Maßnahmen eingeführt, kommt es zur „Financial Repression“.

Die spürt man schon jetzt. Die amerikanische und die europäische Zentralbank kaufen seit einiger Zeit Staatsanleihen auf und halten so die langfristigen Zinsen tiefer, als sie dem ökonomischen Umfeld entsprächen. Auch der Leitzins ist eigentlich zu niedrig. Damit schaffen die Notenbanken zugleich den Nährboden für mehr Inflation, der Entschuldungscocktail aus niedrigen Zinsen und höherer Inflation ist gemixt.

Die Staaten helfen eifrig mit, um die Zinsen gering zu halten. Zum Beispiel über die Regulierungen der Versicherungen und Banken, die unter den Fachbegriffen wie Solvency II und Basel III länderübergreifend gelten. Sie werden verpflichtet, für riskante Geldanlagen mehr Eigenkapital vorzuhalten. Was vor allem das Risiko von Insolvenzen senken soll, hat den angenehmen Nebeneffekt, dass die Finanzbranche einen Anreiz hat, Staatsanleihen zu kaufen und damit die Zinsen zu halten. Denn solche Anleihen werden vom Regulator - trotz der Schuldenkrise - immer noch als besonders sicher eingestuft. Eigenkapital muss dafür nicht bereitgestellt werden.

Amerika und Großbritannien haben es vorgemacht

Das ist ein handfester finanzieller Vorteil gegenüber riskanten Anlagen wie Aktien. Versicherer sagen hinter vorgehaltener Hand, dass sie ihre eh schon magere Aktienquote nicht deutlich erhöhen können, weil sie gar nicht entsprechend viel Eigenkapital auftreiben könnten. Auch Immobilien und Unternehmensanleihen können sie nicht in großem Umfang kaufen, weil dafür risikoabhängig Eigenkapital nötig ist. Und das als sicher geltende Gold ist für Versicherer uninteressant, weil es keine laufenden Erträge abwirft. Die braucht die Branche aber, um die jährliche Verzinsung etwa von Renten- und Lebensversicherungen zu gewährleisten.

Hilfreich ist zudem, wenn die Wirtschaft stärker als die neuen Schulden wächst, schließlich bemisst sich die Schuldenquote an der Wirtschaftsleistung. Dann muss die Inflation gar nicht so viel höher als die Zinsen liegen, damit der Staat sich real entschuldet.

Die Entschuldung über „Financial Repression“ ist keine Theorie. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben es vorgemacht. Sie halbierten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre reale Schuldenlast in nur knapp zehn Jahren. Amerika drückte die Zinsen, indem es Einlagenzinsen von null vorschrieb. Staatsanleihen erschienen da attraktiver und wurden gekauft, was deren Zinsen wiederum niedrig hielt.

Auch für Deutschland verführerisch

„Und auch jetzt werden einige Länder darauf setzen“, sagt der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg. Zum Beispiel Spanien und vor allem Frankreich, die beide andernfalls viel härtere Sparmaßnahmen ergreifen müssten. Vor allem in Paris scheint dafür der Wille zu fehlen. Der neue Präsident setzt eher auf noch mehr Ausgaben. Maßnahmen der „Financial Repression“ kennen die Franzosen schon. Bis in die achtziger Jahre hinein durften sie keine deutschen Bundesanleihen kaufen.

In den vergangenen zwei Jahren nach der Finanzkrise wurden in einigen europäischen Ländern mit Schuldenproblemen neue Maßnahmen beschlossen. Spanien etwa hat 2010 für Einlagen einen Höchstzins festgelegt, Großbritannien hat 2009 Vermögensverwalter, Pensionsfonds und Banken verpflichtet, mehr britische Staatsanleihen zu halten.

Deutschland hätte diesen Weg der Entschuldung nicht nötig. Mit einer Schuldenquote von rund 82 Prozent der Wirtschaftsleistung ist es noch etwas entfernt von jenen 90 Prozent, die der Ökonom Kenneth Rogoff in seinem berühmten Werk über Staatsschuldenkrisen als brisant für entwickelte Länder ansah. Aber auch für Deutschland ist die „Financial Repression“ verführerisch.

Denn die Zinsen sind schon niedrig, weil Bundesanleihen derzeit als noch vergleichsweise sichere Papiere sehr gefragt sind. So schafft es das Land, sich äußerst günstig neu zu verschulden. Alte Anleihen, die noch hohe Renditen bieten mussten, werden abgelöst durch Papiere, die für kurze Laufzeiten teilweise gar keine Zinsen mehr zahlen müssen. In der vergangenen Woche konnte der Bund erfolgreich eine Anleihe ganz ohne Zins plazieren. Selbst für zehn Jahre liegt die Rendite derzeit bei nur 1,37 Prozent. Jedes Prozent weniger Zinsen auf die ganze Staatsschuld spart dem Finanzminister 20 Milliarden Euro im Jahr.

Geht das noch drei Jahre so weiter, ist schon etwa die Hälfte der Staatsschuld zu solchen Minizinsen refinanziert. Nimmt man eine durchschnittliche Verzinsung der Schulden von zwei Prozent an, derzeit liegt sie noch bei 3,7 Prozent, liegen die deutschen Staatsschulden bei drei Prozent Inflation im Jahr 2030 bei nur noch 58 Prozent. Bei fünf Prozent Inflation wäre das schon in neun Jahren erreicht.

Die Zeche für diese wundersame Entschuldung zahlt der Sparer. Wer in Anleihen investiert, verliert jedes Jahr Geld. Von Sparen kann da keine Rede mehr sein.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Emittenten-News
Anzeige
Für die Inhalte sind die Emittenten verantwortlich
Weitersagen

Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Jüngste Beiträge

Wertpapiersuche
Renten und Zinsen
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Bund Future --  --
  Bobl Future --  --
  Euribor Future --  --
  REX (Kurs) --  --
  REX --  --
  Schatz Future --  --
  Libor EUR 1W --  --
  Libor USD 1W --  --
Zinsen