Home
http://www.faz.net/-gvt-14arh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Argentinien Staatskrise könnte Anleihenkurse drücken

13.01.2010 ·  Ein amerikanisches Gericht hat Guthaben der argentinischen Zentralbank eingefroren. Obwohl gering im Umfang, verschärft die Maßnahme die aktuelle Staatskrise weiter. Das Umfeld für die Staatsanleihen des Landes trübt sich zusehends ein.

Von Martin Hock und Carl Moses
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (2)

Dass Investitionen in argentinische Staatsanleihen heikel sind, sollte Anlegern spätestens seit dem bislang letzten Zahlungsausfall 2001 bewusst sein. Seitdem sind sowohl Besitzer neuer als auch alter Staatsanleihen des Landes durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen. Zuletzt hatten sich die Dinge scheinbar wieder von der besseren Seite gezeigt. Das Land wollte in den nächsten Wochen jenen Gläubigern, die das Umschuldungsangebot von 2005 abgelehnt hatten und offene Forderungen von rund 29 Milliarden Dollar halten, ein neues Umschuldungsangebot vorlegen, um sich so den Weg an die Kapitalmärkte wieder zu öffnen ( vgl. ).

Doch kaum wurden die Pläne öffentlich, folgten heftige Rückschläge. Am Dienstag gab ein amerikanisches Gericht der Klage eines Investmentfonds statt und fror eine Reservedepot der argentinischen Zentralbank im Umfang von 1,7 Millionen Dollar ein. Nach Angaben von Argentiniens Wirtschaftsminister Amado Boudou könnten bis zu 15 Millionen Dollar des argentinischen Auslandsvermögen in den Vereinigten Staaten betroffen sein.

Umschuldungsvorhaben führt zu Staatskrise

Das Urteil wird als Reaktion darauf betrachtet, dass Argentiniens umstrittene Präsidentin Christina Fernandez Kirchner 6,57 Milliarden Dollar der 48 Milliarden Dollar betragenden Währungsreserven des Landes für die Rückzahlung der Altschulden nutzen will. Bislang hatte sich Richter Thomas Griesa den Standpunkt vertreten, dass die Währungsreserven einer unabhängigen Institution zuzuordnen seien, die nichts mit den Schulden des Staates zu tun habe.

Diese klare Trennung sei durch Kirchner nun aufgehoben worden. Dabei ist die Präsidentin alles andere als am Ziel mit diesem Mitte Dezember dekretierten Ansinnen, das viel mehr eine handfeste Staatskrise ausgelöst hat. Zentralbankchef Martín Redrado hatte sich nämlich dieser Forderung widersetzt, worauf Kirchner ihn kurzerhand erließ.

Doch am Freitag froren argentinische Gerichte das Dekret ein und setzten Redrado wieder in sein Amt ein. Der Kongress müsse erst Stellung beziehen, dieser befindet sich aber bis März in der Sommerpause. Die Opposition fordert für den 20. Januar eine Sondersitzung. Doch dem widersetzt sich Kirchners Regierungspartei, die allerdings über keine Mehrheit mehr verfügt.

Die Opposition wirft der Regierung vor, sie wolle eine unsolide Haushaltspolitik durch die Hintertür mit einem Zugriff auf die Zentralbankreserven finanzieren. Statt dessen solle sie besser die Staatsausgaben senken und die Schulden aus den Einnahmen begleichen. Dies wäre für die Regierung jedoch sehr riskant, da sie Gouverneure, Bürgermeister, Gewerkschaften und sozial schwache Bevölkerungsteile durch hohe Zahlungen aus der Staatskasse bei Laune halten muss.

Amerikanische Gläubiger in Sorge

Obwohl der nun in den Vereinigten Staaten eingefrorene Betrag klein ist, reagierten Investoren besorgt auf den Richterentscheid. Die Zweifel dürften damit wachsen, ob Argentinien in den nächsten Monaten wie geplant an die Kapitalmärkte zurückkehren kann, von denen es seit Jahren ausgeschlossen ist. Die Fonds hielten jedoch argentinische Bonds im Nennwert von 20 Milliarden Dollar, die seit 2001 nicht mehr bedient werden, berichteten lokale Medien. Dazu kommen Zinsen. „Alles dies schadet dem Umschuldungsplan“, gab Minister Boudou zu.

Die Kurse von argentinischen Dollar-Staatsanleihen sanken allein am Dienstag um bis zu 3,8 Prozent. Längerfristig betrachtet fällt die Bewegung indes klein aus und so liegt die Rendite immer noch in der seit Ende September gültigen Spanne von etwa 11 bis 12,5 Prozent. Die Kurse der bedienten Neu-Anleihen sind seit Mai rasant gestiegen. Die Rendite der 2033er Anleihe lag seinerzeit bei mehr als 25 Prozent.

Euro-Anleihen hielten sich besser, die 2033 fällig werdende Discount-Anleihe verlor jedoch 1,75 Prozent. Auch die Kurse der seit 2002 notleidenden Anleihen, die seit Mai rasant gestiegen waren, gaben zum Teil stark nach. „Der Streit bedeutet, dass Argentiniens Angebot heute am Markt weniger wert ist, es sei denn sie besser nach“, sagte der Finanzexperte Danile Marx.

Das Tauziehen zwischen Fernandez und Redrado lässt neue Zweifel an der Zuverlässigkeit des Landes als Schuldner aufkommen. Nach Schätzungen von Ökonomen muss sich die Regierung 2010 zwischen 2 und 7 Milliarden Dollar leihen, um Forderungen zu bedienen.

Regierungsvertreter ebenso wie unabhängige Ökonomen äußerten dagegen, die Bedienung der laufenden Schulden sei indes nicht gefährdet. Die Regierung habe notfalls andere Möglichkeiten, auf eine Refinanzierung durch die Zentralbank oder auf andere Reserven zurückzugreifen, heißt es in Analysen von Finanzberatungsunternehmen. Somit könnten sich die Kurse der laufend bedienten Anleihen möglicherweise schneller erholen als die der notleidenden Papiere.

Umschuldung als zweischneidiges Schwert

Argentinien braucht knapp 15 Milliarden Dollar, nachdem der Staatshaushalt 2009 erstmals seit 2002 ins Defizit gerutscht. Zudem will der ehemalige Staatschef Néstor Kirchner, der 2011 möglicherweise abermals kandidieren möchte, die Wirtschaft weiter ankurbeln.

Die europäischen Anleger zeigen sich dagegen gelassen. Die Rendite der 2038 fälligen Euro-Anleihe ist in den vergangenen Tagen weiter gesunken und liegt mit 10,82 Prozent so niedrig wie zuletzt Ende November und immer noch deutlich niedriger als vor einem Jahr, als sie 15,29 Prozent betrug.

Je länger sich indes der Konflikt zwischen Zentralbank, Kongress und Regierung hinzieht, um so mehr könnte sich der Druck auf die Notierungen erhöhen. Schon das Umschuldungsansinnen selbst ist angesichts der einseitig auf die Wachstumsforcierung ausgerichteten Kirchnerschen Wirtschaftspolitik ein zweischneidiges Schwert.

Die Altgläubiger können davon profitieren, doch sinken andererseits damit die Budgetrestriktionen des argentinischen Staatshaushaltes weiter. Schon 2009 sind die Staatsausgaben fast dreimal so schnell wie die Einnahmen gestiegen. Wäre dies ein Indiz für den künftigen Kurs der Haushaltspolitik, so könnte dies nichts Gutes bedeuten. Insofern könnte dies der richtige Zeitpunkt sein, über eine Risikooptimierung des Portfolios nachzudenken.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

25.05.2012 22:03 Uhr
  Vortag
BUND 144,35 +0,25%
 OK
Zinsen
25.05.2012 11:45 Uhr
  Vortag
REXP 422,77 +2,82%
 OK