30.06.2009 · Eine herbe Wahlschlappe für Argentiniens Präsidentin Kirchner wird für Anleger zum Hoffnungsschimmer, steckt das Land doch neuerlich in der Krise. Ein Politikwechsel ist möglich, aber nicht ausgemacht.
Von Martin HockArgentinische Staatsanleihen machen den Anlegern seit mindestens zwei Jahrzehnten Kopfzerbrechen. Der Nimbus, den das einst reiche Land hatte, verliert sich immer mehr. Der Währungskrise 1989 folgte 2002 der große Staatsbankrott, der auch deutsche Anleger sehr viel Geld kostete.
Schon bald nachdem sich das Land wieder stabilisiert hatte, wuchsen aufgrund der unorthodoxen Politik des Präsidenten Nestor Kirchner und später seiner Gattin Cristina Fernandez de Kirchner die Sorgen erneut.
Starker Kursverfall
2007 etwa hatte der Präsident die Beamten der nationalen Statistikbehörde durch eigene Anhänger ersetzt, nachdem die offiziellen Inflationsraten zunehmend anstiegen. Und als die Regierung sich im vergangenen Oktober daran machte, die privaten Rentenfonds zu verstaatlichen, wurde schon wieder über Zahlungsausfälle spekuliert.
In den Jahren 2007 und 2008 fielen die Kurse argentinischer Staatsanleihen rapide. Die mit 7,82 Prozent verzinste, 2033 endfällige Euro-Anleihe, die im Januar 2007 noch mit 7,2 Prozent rentiert hatte, wurde im Oktober 2008 zu 34,7 Prozent gehandelt. Mit der Rückkehr des Risikoappetits im zweiten Quartal sind die Renditen aber wieder gefallen.
Einen neuerlichen Schub erhielten die Kurse durch die Kongresswahlen am vergangenen Wochenende. Dieser drückte die Rendite um nicht weniger als 175 Basispunkte gegenüber dem Freitag auf 18,06 Prozent und damit den niedrigsten Stand seit Anfang Oktober.
Hoffen auf mehr Pragmatismus
Die Hoffnungen der Anleger beruhen auf der deutlichen Wahlniederlage von Präsidentin Fernandez de Kirchner und ihrer Partei der Peronisten. In der wegen der hohen Zahl der Wähler entscheidenden Provinz Buenos Aires unterlag der frühere Präsident Néstor Kirchner deutlich gegen den Kandidaten des konservativen Wahlbündnisses Unión Pro, Francisco de Narvaez. Insgesamt werden die Peronisten, wenn der neue Kongress im Dezember zusammentritt, in diesem keine Mehrheit mehr haben.
Viele Beobachter rechnen nun damit, dass sich die Präsidentin künftig wird kompromissbereiter verhalten müssen als bisher. Edwin Guiterrez, Rentenfondsmanager bei Aberdeen setzt vor allem darauf, dass Argentinien stärker als zuvor den Ausgleich mit dem Internationale Währungsfonds (IWF) und dem Pariser Club der Gläubiger suchen wird. Letzterer hält ungeklärte Forderungen über 20 Milliarden Dollar aus den Zahlungsausfällen des Jahres 2001.
Versöhnlichere Töne
Die Kirchners geben der wirtschaftsliberalen Kreditpolitik des IWF seit Jahren offiziell die Schuld am Niedergang des Landes. Doch schon im Februar wurde die überraschende Ankündigung der Regierung, die regelmäßigen Prüfungen der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes wieder aufzunehmen, als Zeichen für Versöhnungsversuche interpretiert.
Im Nachgang zu den Kongresswahlen stellte die Präsidentin nun ein Abkommen mit dem IWF in Aussicht. das aber hänge von den Bedingungen ab, über die im Zuge des G-20-Treffens im September gesprochen werden könnte. Auch mit den Gläubigern will Fernandez de Kirchner Gespräche führen, sobald sich die Märkte beruhigt hätten.
Dramatische Krise der Landwirtschaft
Die Präsidentin sieht sich bereits wieder großen wirtschaftlichen Problemen gegenüber. Vor allem die Landwirtschaftspolitik steht in der Kritik. Sojabohnen, Weizen und Rindfleisch gehören zu den wichtigsten Ausfuhrgütern des Landes. Doch sind die Preise im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise deutlich gefallen. Die Exporte Argentiniens fielen im Mai gegenüber dem Vorjahr um 18 Prozent.
Zudem leidet das Land unter einer schweren Dürre. Die Weizenernte könnte in diesem Jahr so niedrig ausfallen, dass Argentinien zum ersten Mal seit 1910, dem Beginn der statistischen Aufzeichnungen, als Exporteur ausfällt.
Das verschärft die nicht zuletzt politisch induzierte Krise der Rinderzucht. Die Regierung hat Rindfleischexporte mit hohen Abgaben belegt, um den Binnenbedarf decken zu können. Gleichzeitig hat sie im Handel Höchstpreise eingeführt. Seit 16 Monaten streiken die Bauern immer wieder aufs Neue, blockieren immer wieder die Zufahrtswege zur Hauptstadt, um die Regierung zum Einlenken zu zwingen.
Wirtschaft auf Schrumpfkurs
Die Staatsverschuldung hat praktisch wieder das Niveau erreicht, auf dem sie sich zum Zeitpunkt des Zahlungsausfalles befand. Zum Jahresende bezifferte das Wirtschaftministerium die Staatsschulden auf 146 Milliarden Dollar. Ende 2001 lagen sie bei 144,5 Milliarden.
Zwar ist die argentinische Wirtschaft seitdem deutlich gewachsen, doch ist die Rate unverkennbar gefallen. Lag sie zwischen 2003 und 2007 beständig über 9 Prozent, so waren es 2008 nur noch wenig mehr als 4 Prozent. Fernandez de Kirchner stellt für das laufende Jahr noch ein Wachstum in Aussicht. Volkswirte aber rechnen im Durchschnitt mit einem Schrumpfen der Wirtschaft um 3 Prozent.
Lasten des Populismus'
Der offiziellen Inflationsrate von rund 7 Prozent wird aufgrund der Preiskontrollen und der Einflussnahme des Präsidialamtes wenig Bedeutung beigemessen. Das Forschungsinstitut Tendecias Economicas schätzte sie zuletzt auf 22 Prozent. Das habe seit 2006 zu einer wieder deutlichen Verarmung der Bevölkerung geführt, werfen Oppositionspolitiker um den ehemaligen Wirtschaftsminister Roberto Lavagna den Kirchners vor.
Da Argentinien aufgrund der ungeklärten Schuldenproblematik und des Zwists mit dem IWF kaum Zugang zu den internationalen Kreditmärkten hat, verschaffte sich der Staat zuletzt durch die Verstaatlichung der Pensionsfonds Einnahmen. Dagegen kämpft etwa Buenos Aires, die größte Provinz des Landes mit einem hohen Defizit. Und mit der im September beschlossen Re-Nationalisierung der maroden Fluglinie Aerolineas Argentinas, die nach der Währungskrise 1990 privatisiert wurde, lädt sich der Zentralhaushalt weitere Lasten auf.
Durchwursteln möglich
Mit dem Griff in die Kassen regierungsnaher Institutionen könne sich Argentinien durch das Jahr 2009 durchwursteln, so die Einschätzungen von Analysten. Dennoch würden die Spielräume zunehmend enger, so Alberto Ramos, Analyst bei Goldman Sachs.
Die Rating-Agentur Standard & Poor's, die ihre Bonitätsnote im vergangenen Jahr zweimal bis auf den viertschlechtesten Wert „B-“ senkte, konstatierte zuletzt im Mai einen Trend zur Verringerung der Staatsausgaben. Ramos hält den Haushaltsplan für die Jahre 2009 bis 2011 unter diesen Voraussetzungen noch für realisierbar, sofern die Regierung das Ausgabenwachstum im zweiten Halbjahr reduziert.
Vorsichtige Stimmen
Damit sind aber auch die Chancen eher gering, dass die Regierung die Agrarabgaben senkt, allzumal nicht alle Beobachter optimistisch sind, dass die Regierungspolitik tatsächlich pragmatischer werden wird.
Neil Sharing, für Schwellenländer zuständiger Volkswirt beim britischen Wirtschaftsforschungsinstitut Capital Economics, will nicht ausschließen, dass die Regierung mit dem Blick auf die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2011 die Sozialausgaben erhöht.
Wenig geeignete komplexe Anleihen
Die Finanzen Argentiniens sind also weiter angeschlagen. Derzeit nimmt das Land einen Milliardenkredit bei der staatlichen Banco Nacion auf. Auch zwei neue nationale Peso-Anleihen sollen auf dem heimischen Markt plaziert werden. Dabei hat sie im vergangenen Jahr erst die Laufzeiten für Anleihen im Volumen von 18 Milliarden Peso verlängert.
Die nach dem Zahlungsausfall des Landes aufgelegten Anleihen sind also mit hohen Risiken behaftet, zumal sie häufig kompliziert strukturiert sind. Teilweise werden Zinszahlungen über Jahre kumuliert, andere werden inflationsbereinigt, andere wieder sind als Stufenzinsanleihen konstruiert.
Besonders komplex sind die Papiere, deren Zinskupon von der Wachstumsrate abhängt und der nach Einschätzung von Händlern eher eine Option darstellt. Grundsätzlich wird ein Kupon von 5 Prozent des Wachstums über einem Basisszenario gezahlt. Indes wird dieser nicht nur bereinigt, sondern die Zinszahlungen sind auch auf ein bestimmtes Volumen begrenzt, so dass die Anleihe damit gleichsam getilgt wird.
Ein langer Weg für Alt-Anleihen
Insofern können sich Inhaber von Umtausch-Anleihen etwas mehr Hoffnungen machen, dass ihre Anleihen ab 2024 auch tatsächlich getilgt werden. Indes vergehen bis zu den Endfälligkeiten der großen Volumina noch mehr als 20 Jahre. Das ist Zeit genug für mindestens einen Staatsbankrott.
Inhaber von Alt-Anleihen haben hingegen derzeit noch wenig Anlass zu großen Hoffnungen. Zwar ist aus Handelskreisen zu hören, dass die Ablehnung einer neuen Vereinbarung nicht mehr ganz so kategorisch ausfalle wie früher. Eine Einigung mit einem ähnlichen Ergebnis wie 2005 sei nicht auszuschließen. Der Weg dorthin könnte aber noch länger werden, muss das Land Sorge tragen, seine laufende Zahlungsfähigkeit zu erhalten.