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Argentinien Die Argentinien-Krise ist schon fast vergessen

07.10.2005 ·  Erst seit wenigen Monaten ist die Schuldenkrise Argentiniens überwunden. Mittlerweile hat ein starkes Erholungswachstum Investoren angelockt, die die Aktien- und Anleihekurse treiben. Doch mittelfristig zeichnen sich neue Turbulenzen ab.

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Erst seit wenigen Monaten ist die Schuldenkrise Argentiniens überwunden. Doch nur teilweise, denn notleidende Staatsschulden in Höhe von mehr als 20 Milliarden Dollar werden immer noch nicht bedient. Geprellte Anleger und Investoren verfolgen das Land vor internationalen Gerichten.

Dennoch erleben Aktien und Anleihen des südamerikanischen Pleitestaats bereits wieder einen Höhenflug. Die Konjunktur übertrifft allen Unkenrufen zum Trotz ständig die Erwartungen. Während zu Beginn des Jahres noch mit einer deutlichen Abschwächung gerechnet wurde, lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal um 10,1 Prozent über dem Vorjahr.

Anleihen locken mit Wachstumsbonus

Damit dürfte die Wirtschaft auch im Gesamtjahr 2005 kaum weniger stark wachsen als in den beiden Vorjahren (jeweils knapp 9 Prozent). Trotz kräftig steigender Staatsausgaben weist der Fiskus anhaltend hohe Überschüsse aus. Die Exporte sind seit der Maxi-Abwertung 2002 um 50 Prozent gestiegen, die Industrieproduktion erhöhte sich um 45 Prozent, die Bauinvestitionen haben sich verdoppelt. Wirtschaftsminister Roberto Lavagna, der Vater dieses Aufschwungs, wurde denn auch von den Lesern der Fachzeitschrift „Euromoney“ zum „besten Wirtschaftsminister Lateinamerikas“ gekürt.

Der argentinische Aktien-Leitindex Merval kletterte monatelang von Rekord zu Rekord, bevor es am Dienstag zu deutlichen Gewinnmitnahmen kam. Mit zuletzt 1.687 Punkten ist der Merval im bisherigen Jahresverlauf um fast 23 Prozent gestiegen. Auf Euro-Basis haben argentinische Aktien ihren Wert gemäß dem MSCI-Index seit Jahresbeginn sogar mehr als verdoppelt.

Die aus der Umschuldung hervorgegangene Euro-Anleihe, die den Nominalwert der Altschulden beibehielt, deren Fälligkeit aber bis 2038 streckte, wurde zuletzt zu fast 40 Prozent des Nennwerts gehandelt. Noch kurz vor der Umschuldung hatten Fachleute dem mit einem Kupon von lediglich 1,2 Prozent ausgestatteten Papier bloß einen Wert von etwa 30 Prozent beigemessen. Das unerwartet hohe Wirtschaftswachstum treibt die Anleihekurse zusätzlich an, weil die Umschuldungspapiere mit einem vom Wachstum des BIP abhängigen Zusatzertrag ausgestattet sind.

Schon zu viel Kapitalzufluß

Auf der Suche nach den wenigen rentablen Anlagen findet das internationale Kapital zunehmend wieder den Weg in das immer noch hochverschuldete, aber wieder aufblühende Pampaland. „Auch wenn es schwer zu glauben ist - Argentinien ist eine Art Zufluchtsort für die Investoren geworden“, sagt Rafael Ber von Argentine Research. Nach der Umschuldung haben die auf Schwellenländer spezialisierten Anleihefonds den Anteil argentinischer Papiere in ihren Portfolios gegenüber Jahresbeginn auf 6,9 Prozent mehr als verdoppelt, ermittelte Emerging Portfolio Fund Research.

Argentiniens Regierung sah sich sogar veranlaßt, Maßnahmen zur Verminderung der ausländischen Kapitalzuflüsse zu ergreifen, um den Aufwertungsdruck auf die Landeswährung zu mildern. Wirtschaftsminister Lavagna will den Außenwert des Peso niedrig halten, um die inländische Industrie gegen den Wettbewerb zu schützen. Wer Anlagegeld nach Argentinien überweist, muß darum seit Juni 30 Prozent des Betrages zinslos bei der argentinischen Zentralbank hinterlegen. „Deshalb gibt es hier derzeit kaum ausländische Investoren“, sagt Fernan Peralta Ramos von der Börsengesellschaft Maxinta.

Die umsatzstärksten Aktien und die meisten Staatsanleihen können jedoch an ausländischen Börsenplätzen ohne Zwangsdepot erworben werden, etwa in Form von Aktienzertifikaten (ADR) argentinischer Unternehmen an der Börse von New York. Über die Arbitrage gebe das auch der lokalen Börse Impulse, erklärt Peralta Ramos. Im Nachteil seien allerdings solche Werte, die nicht im Ausland gelistet sind.

Anleihen, nein danke?

Daß die Bäume für Argentinien nicht in den Himmel wachsen, zeigte sich allerdings vor zwei Wochen, als die Regierung eine geplante Emission von Zehn-Jahres-Anleihen im Volumen von 800 Millionen Dollar aufgrund des geringen Anlegerinteresses absagen mußte. Die Regierung sei nicht bereit gewesen, Renditeforderungen in Höhe von 8,8 Prozent zu akzeptieren, da diese nicht der internationalen Marktsituation entsprächen. Man werde den Finanzierungsbedarf „aus anderen Quellen“ decken, hieß es in einer Mitteilung des Wirtschaftsministeriums.

Tatsächlich wäre nicht einmal zu diesen Konditionen der gesamte Betrag unterzubringen gewesen. Während einige Beobachter den Verzicht auf die Emission als Zeichen der Stärke interpretierten, sahen andere den Rückzieher als Indiz für die mittelfristig wieder zunehmenden Finanzierungsprobleme. Vor diesem Hintergrund sei es „nicht überraschend“, daß Argentiniens Regierung in den letzten Tagen wieder eine „fügsamere Haltung“ gegenüber dem Internationalen Währungsfonds (IWF) eingenommen habe, kommentierte Fernando Losada von ABN Amro.

Ohne eine Anschlußfinanzierung für fällig werdende Rückzahlungen an den IWF wird die Finanzdecke allerspätestens 2007 wieder knapp, kalkulieren Fachleute. Der IWF dürfte als Voraussetzung für neue Kredite unter anderem auch eine Lösung für das Problem der immer noch nicht bedienten Altschulden von mehr als 20 Milliarden Dollar einfordern. Minister Lavagna versicherte indes, die Regierung plane kein neues Angebot an jene Privatgläubiger, die sich an der Umschuldung im Frühjahr nicht beteiligt haben.

Weitere Probleme, die den Horizont der argentinischen Wirtschaft eintrüben, sind die steigende Inflation und eine mögliche Zuspitzung der Energieknappheit, die im laufenden Jahr nur durch eine günstige Klimaentwicklung verhindert wurde. Angesichts einer erwarteten Zunahme der Preissteigerung sind inflationsindexierte Peso-Anleihen bei den Anlegern weiterhin besonders gefragt.

Quelle: F.A.Z., 07.10.2005, Nr. 233 / Seite 23
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