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Kapitalmarkt : Dollaranleihen aus Schwellenländern sind gefragt

Schwellenländer liegen im Trend: Guayaquil in Ecuador Bild: Reuters

Mit dem Verkauf von Anleihen konnte Argentinien einen Milliardenerlös verbuchen. Damit liegt das Schwellenland im Trend. Niedrige Renditen in Industrienationen und schwindende Sorgen vor einem zu starken Dollar sind die Treiber.

          Viele Anleger schüttelten ratlos den Kopf, als vor wenigen Tagen Argentinien mit dem Verkauf einer hundertjährigen Anleihe fast 3 Milliarden Dollar erlösen konnte. Mag auch die Laufzeit extrem lang sein, so liegen die Argentinier doch im Trend, denn Dollaranleihen aus Schwellenländern, und mittlerweile auch aus Entwicklungsländern, treffen auf eine starke Nachfrage am Kapitalmarkt.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Hierfür lassen sich im wesentlichen zwei Gründe finden. Eine wichtige Rolle spielt die nachlassende Sorge vor einem zu starken Dollar, da offenbar weder das Weiße Haus noch die Amerikanische Notenbank Fed daran ein Interesse haben. Ein sehr starker Dollar würde Staaten und Unternehmen aus Schwellenländern, die sich in amerikanischer Währung verschulden, aber ihre Einnahmen hauptsächlich in heimischer Währung haben, unter Druck setzen.

          Vor einer solchen Entwicklung hatte in den vergangenen Jahren vor allem die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel gewarnt. Heute fließt wieder mehr Geld in die Schwellenländer, weil eine kräftige Aufwertung des Dollars als wenig wahrscheinlich gilt.

          Der zweite Grund für den Zug in die Schwellenländer sind die sehr niedrigen Anleiherenditen in den Industrienationen. Mit Dollaranleihen aus Schwellenländern lassen sich häufig höhere Renditen anstreben als mit Dollaranleihen des amerikanischen Staates oder vieler amerikanischer Unternehmen. Das in vielen Fällen wohl auch höhere Risiko wird von vielen Anlegern akzeptiert.

          So verkaufte Russland in dieser Woche Dollaranleihen über 3 Milliarden Dollar. Die Nachfrage erreichte 6,6 Milliarden Dollar – und wie Finanzminister Anton Siluanow sagte, stammen 85 Prozent der Käufer aus dem Ausland. Laut der staatlich kontrollierten Bank VTB, welche die Emission ausführte, sind die meisten Anleger Amerikaner. Ob die jüngste Diskussion um neue Sanktionen dabei der Platzierung geholfen oder geschadet hat, ist unter Analysten umstritten. VTB-Chef Andrei Kostin bezeichnete sie als hilfreich, denn sie schüre die Sorge, dass es bald weniger Anleihen geben könnte. Abgewürgt wurde das Interesse der Investoren jedenfalls nicht.

          Strafen zielen nicht auf Anleger

          Die wegen der Ukraine-Krise gegen Moskau verhängten Strafen zielen bis heute nicht auf Anleger, die russische Staatsanleihen halten oder kaufen. Der amerikanische Senat verabschiedete allerdings vergangene Woche einen Gesetzentwurf, nach dem das Finanzministerium eruieren soll, welche Folgen eine entsprechende Ausweitung der Sanktionen hätte. Dass eine Verschärfung grundsätzlich nicht auszuschließen ist, zeigte sich am Dienstag, als das Finanzministerium weitere Personen und Unternehmen auf seine Strafliste setzte.

          Bild: F.A.Z.

          Russland hatte 2016 erstmals seit der Ukraine-Krise Dollar-Staatsanleihen herausgegeben und mit zwei Emissionen insgesamt 3 Milliarden Dollar eingesammelt. Ausländische Banken wollten sich nicht an der Organisation der Plazierungen beteiligen, und eine Abwicklung über internationale Clearing-Plattformen war zunächst fraglich. Diese Schwierigkeiten wurden überwunden, und Moskau hat den neuen Vertriebskanal über die VTB etabliert. Jetzt hat der Staat mit der Aufnahme von einer Milliarde Dollar für eine Anleihe mit zehnjähriger Laufzeit zur Emissionsrendite von 4,25 Prozent sowie von zwei Milliarden Dollar für eine Obligation mit 30 Jahren Laufzeit zu einer Rendite von 5,25 Prozent seinen diesjährigen Plan zur Neuverschuldung durch Eurobonds schon erfüllt.

          Bild: F.A.Z.

          Mit einer Staatsverschuldung von rund 17 Prozent der Wirtschaftsleistung ist Russland im Vergleich zu vielen anderen Ländern in einer komfortablen Lage. Die Emissionen dienen vor allem der Marktpflege; seinen Finanzbedarf deckt der Kreml mehr über auf Rubel lautende Anleihen auf dem Inlandsmarkt. Mit dem Beginn der Wirtschaftskrise und dem Absturz des Rubels Ende 2014 schoss auch die Rendite russischer Staatsobligationen in die Höhe. Damit ist es längst vorbei, Anfang Juni ist der Aufschlag zu amerikanischen Staatsanleihen auf einen Tiefststand gesunken. Allerdings könnte die jüngste Sanktionsdebatte doch Folgen gezeitigt haben: Die Plazierung der Anleihen gelang Russland im September 2016 zu noch tieferen Zinsen bei noch größerer Überzeichnung. Aber das Umfeld ist freundlich, und Moskau will im Herbst alte Anleihen über 4 Milliarden Dollar gegen neue Papiere tauschen.

          Qualität der Schuldner in Schwellenländern sehr verschieden

          Anders als der Kreml waren russische Unternehmen traditionell sehr aktiv am internationalen Kapitalmarkt. 2013 plazierten sie Anleihen über 46 Milliarden Dollar. Mit der Ukraine-Krise und der Rezession brachen die Volumina ein. Allmählich finden die Unternehmen den Weg zurück: Sie meiden Bankkredite und nahmen von Januar bis Mai mit 13 Milliarden Dollar so viel Geld über Anleihen auf wie im ganzen Jahr 2016. Zu den größten Emittenten zählen der Bergbaukonzern Norilsk Nickel, die Reederei Sovcomflot und der Erdgasriese Gasprom.

          Anleger müssen sich bewusst sein, dass die Qualität der Schuldner in Schwellenländern sehr verschieden sein kann. Länder wie Argentinien und Ecuador, dessen Dollaranleihen auch wieder gerne gekauft werden, haben in ihrer Geschichte nicht alle Anleihen vollständig zurückgezahlt. Ebenfalls kein sehr gutes Rating hat Sri Lanka, das im Mai dennoch eine zehnjähriger Anleihe über 1,5 Milliarden Dollar plazieren konnte.

          Quelle: F.A.Z.

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