14.10.2003 · In Amerika scheint ein Rekorddefizit möglich zu sein. „Wenn wir für die vorhersehbare Zukunft Defizite von 500 Milliarden Dollar erwarten, können wir echte Probleme bei den Zinsen bekommen," befürchten Marktteilnehmer.
Die Ökonomen von Merrill Lynch & Co. und zwei weiteren der 22 Häuser von der Wall Street, die direkt mit der amerikanischen Notenbank handeln, rechnen damit, daß das amerikanische Haushaltsdefizit mindestens 125 Milliarden Dollar höher ausfallen wird, als die Regierung Bush erwartet. Sie halten im laufenden Fiskaljahr, das am ersten Oktober begann, sogar ein Rekorddefizit von 600 Milliarden Dollar für möglich.
Angst vor steigenden Zinsen
Im Schnitt prognostizieren die 22 Primärhändler laut einer Umfrage von Bloomberg News einen Fehlbetrag von 524 Milliarden Dollar, das sind elf Prozent mehr als ihre Schätzung vom Juli von 471 Milliarden Dollar.
Einige Politiker beklagen angesichts des wachsenden Haushaltslochs mangelnde Fiskaldisziplin. Sie befürchten, das Defizit könnte die Zinsen nach oben treiben und das Wachstum beeinträchtigen. Die Regierung muß für die Finanzierung des Defizits tiefer in die Tasche greifen, da sie mit anderen Kreditnehmers um die Gelder konkurriert, argumentiert Ian Morris, Chef-Ökonom für Amerika bei HSBC Holdings in New York.
Morris rechnet mit dem größten Haushaltsloch: Er erwartet ein Minus von 630 Milliarden Dollar 2004. "Höhere Kapitalkosten bedeuten niedrigere Investitionen, weniger Produktion und weniger Produktivität, so daß die Wirtschaft langfristig leidet, wenn diese Defizite weiter bestehen," erläutert er. Höhere Zinsen dürften sich innerhalb von 18 Monaten einstellen, wenn Unternehmen mehr Geld am Bondmarkt besorgen und der Staat ebenfalls mehr Anleihen begibt, sagt er.
Krieg und Terrorismus hinterlassen ökonomische Spuren
Der Haushalt glitt 2002 in ein Minus von 157,8 Milliarden Dollar ab, nachdem er im Vorjahr noch einen Überschuß von 127,3 Milliarden Dollar aufwies. Der Fehlbetrag summierte sich durch höheren Ausgaben im Kampf gegen den Terrorismus, die Finanzierung der Kriege in Afghanistan und Irak und geringere Steuereinnahmen angesichts der Rezession.
Noch vor einem Jahr kündigte die Regierung Bush an, daß Amerika bis 2005 wieder zu einem Überschuß zurückkehren werden. Jetzt erwartet sie, das Defizit bis 2008 um die Hälfte zu reduzieren.
Im September 2002 war keiner der von Bloomberg News befragten Volkswirte der Meinung, daß dies machbar ist. Jetzt wagen sie keine Prognose, wann eine Rückkehr zu Überschüssen zu erreichen ist. Eine Haushaltskonsolidierung "kann nur durch erhebliche Ausgabenkürzungen erreicht kommen, und das wird sehr schwierig werden," konstatiert David Rosenberg, Chef-Ökonom Nordamerika bei Merrill.
Henry Willmore, Chef-US-Volkswirt bei Barclays Bank erwartet, daß der Haushaltsfehlbetrag dieses Jahr auf 600 Milliarden Dollar ansteigt. Das ist größtenteils auf höhere Ausgaben für den Wiederaufbau des Iraks und höhere Entlastungen für die Amerikaner im Gesundheitsfürsorgesektor zurückzuführen.
Von den Primärhändlern hat nur Banc of America Securities ihre Schätzung nicht angehoben und blieb bei 510 Milliarden Dollar. Die Konjunkturerholung werde die Steuereinnahmen antreiben, erläutert Peter Kretzmer, leitender Ökonom bei Banc of America in New York.
Mit 600 Milliarden Dollar wäre das Defizit wertmäßig das größte Minus in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Es entspräche etwa 5,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt und läge damit prozentual unter dem Rekordwert von sechs Prozent von 1983.
Länger anhaltende Defizite belasten die Wirtschaft
Defizite beeinträchtigen die Entwicklung der Wirtschaft, wenn sie längere Zeit drei Prozent des BIP überschreiten, informiert Morris. Das Haushaltsbüro des Kongresses schätzt, daß das Defizit 2004 mit etwa 480 Milliarden Dollar den Höhepunkt erreicht und sich bis 2008 auf 197 Milliarden Dollar ermäßigt. Die offiziellen Schätzungen für 2004 sind zu niedrig, kritisiert Stephen Stanley, leitender Ökonom bei RBS Greenwich Capital in Greenwich, Connecticut. Sein Institut hat die Defizitprognose für 2004 von 415 Milliarden Dollar im Juli auf 500 Milliarden Dollar angehoben.
Angesichts der dünnen Mehrheit der Republikaner, "werden viele Gesetzesvorlagen stecken bleiben und sie werden sie durchbringen, indem sie jeden zufrieden stellen," erwartet Stanley. Die Möglichkeit höherer Defizite "machen sich schleichend" am Kapitalmarkt bemerkbar, berichtet Stanley. Wenn wir für die vorhersehbare Zukunft Defizite von 500 Milliarden Dollar erwarten, können wir echte Probleme bei den Zinsen bekommen."
Bush und der Kongress werden zu fiskalpolitischen Exzessen neigen, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit vor der Präsidentschaftswahl im November 2004 zu reduzieren, erwartet Rosenberg. "Wenn ich als Präsident wieder gewählt werden wollte, würde ich alles mögliche tun, damit sich die Lage am Arbeitsmarkt verbessert und die Konjunktur an Fahrt gewinnt," erklärt der Ökonom von Merrill Lynch. "Es wird nicht sehr viele Politiker geben, die haushaltspolitische Mäßigung fordern werden."