17.06.2004 · Bald, so wird orakelt, erhöht die amerikanische Notenbank die Leitzinsen. Was nun? Oder: Na und? Wo lassen sich „Renditeschnäppchen“ finden? FAZ.NET befragte die Rentenmarktexperten der Banken.
Viele Rentenmarktbeobachter sind sich einig: Am 30. Juni wird die Fed die amerikanischen Leitzinsen erhöhen. Gute Daten zur Konjunktur und schlechte zur Inflation, stützen diese Erwartung. Wenn die Zinsen steigen, brechen rauhe Zeiten für festverzinsliche Wertpapiere an. In der Tat ist der Wert vieler Titel ist in den vergangenen Wochen gesunken: Sowohl in Amerika, als auch in Europa. Sind die zu erwartenden Zinserhöhungen nun vollständig eingepreist? Kommt es zu noch schlimmeren Verlusten? Oder sind die jüngsten Kursrückgänge übertrieben?
Die von FAZ.NET befragten Zinsexperten der Banken haben unterschiedliche Meinungen zu diesem Thema. Elke Heinle von der Helaba, erwartet, daß die bevorstehenden Zinserhöhungen „halb so wild“ ausfallen werden. „Die EZB-Zinserhöhungserwartungen halten wir für überzogen“ heißt es von der Helaba. Sollten die Märkte in ihren Zinsängsten übertrieben haben, dürften davon vor allem Anleihen mit langen Laufzeiten profitieren. Bei den Empfehlungen der Helaba finden sich ausschließlich solche Papiere.
„In ein bis zwei Jahren zu einem höheren Zinssatz anlegen.“
Steffen Schiedewitz von der Commerzbank und Hartmut Preiß von der DZ Bank erwarten weitere negative Einflüsse der Leitzinserhöhungen auf den Rentenmarkt. Sie empfehlen kurzfristig laufende und variabel verzinsliche Papiere. Steffen Schiedewitz erklärt seine Anlagestrategie: „Man sollte heute kurzfristig laufende Anleihen kaufen und dann, in ein bis zwei Jahren zu einem höheren Zinssatz anlegen.“
Trotz der in den vergangenen Wochen gestiegenen Renditen, werfen westeuropäische Staats- und Bankanleihen weiterhin nur magere Gewinne ab. Wer ruhig schlafen und in diese sicheren Titel investieren will, erhält im Durchschnitt ungefähr vier Prozent Zinsen. Bei lang laufenden Papieren etwas mehr, bei kurz laufenden Papieren weniger.
Degussa, E.ON, ThyssenKrupp
Elke Heinle empfiehlt einen spanischen und einen französischen Pfandbrief. Der iberische Titel dürfte von einer in Spanien anstehenden Gesetzesänderung profitieren, welche die Gläubigerrechte stärkt. Die französische Obligation Foncière hat zwar einen klangvolleren Namen als der deutsche Pfandbrief, ist aber nach Frau Heinles Aussage ein ihm sehr ähnliches Papier: „Ein Pendant“. Französische Emmitenten verfügten über sehr gute Kreditqualitäten.
Bei den empfohlenen Unternehmensanleihen lassen sich Renditen von vier bis sechs Prozent erzielen. Axel Gatzen von der WGZ Bank hat Anleihen von Degussa und E.ON in seine Empfehlungen aufgenommen. Degussa weise eine solide Bilanzstruktur auf, die Verzinsung der Anleihe sei vergleichsweise hoch. E.ON verfüge über „ein herausragendes Finanzprofil“: Die übernommenen Unternehmen lieferten positive Beiträge und die Verschuldung werde zunehmend abgebaut. Die WGZ Bank empfiehlt außerdem den Kauf von ThyssenKrupp-Anleihen. Das Unternehmen profitiere vom hohen Stahlpreis.
Hohe Renditen, hohes Maß an Nervenkitzel
Den relativ hohen Renditen von Schwellenländeranleihen stehen natürlich auch höhere Risiken entgegen. Gerade im aktuellen Umfeld steigender Zinsen kommen höhere Zahlungen auf die Schuldnerstaaten und damit ein höheres Maß an Nervenkitzel auf die Gläubiger zu. Beda Kronlage und Thorsten Hähn, Experten für Schwellenländeranleihen von der WGZ Bank, streiten diese Risiken nicht ab. Gerade die von Herrn Hähn aufgenommene Türkeianleihe sei nur für spekulative Anleger geeignet. Der Spekulation liegt die Hoffnung auf positive Reaktionen aus Brüssel auf die türkischen Beitrittsbestrebungen zugrunde.
Die Anleihe des Königreichs Marokko habe sich bei den jüngsten Belastungen des Marktes für Schwellenländeranleihen gut gehalten, sagt Beda Kronlage. Der Grund dafür läge in den guten Fundamentaldaten und der soliden Schuldenstruktur des Maghrebstaates. Außerdem erreichten die marokkanischen Anleihen keine hohen Volumina und würden bei aufkommender Unruhe nicht einfach in Massen auf den Markt geworfen, wie dies etwa bei brasilianischen Titeln der Fall sein könne.
Herr Kronlage sieht die Stabilität Marokkos nicht durch die miserable Sicherheitssituation im Nahen Osten gefährdet. Dennoch sollten sich Anleger bewußt sein, daß hohen Renditen, in aller Regel auch hohe Risiken entgegenstehen: Bei Schwellenländer-, Unternehmens- und besonders bei Fremdwährungsanleihen. Die in der folgenden Tabelle aufgeführten „Zinstips“ der Banken sind nicht als Musterdepots, sonders als besonders interessant erscheinende Einzeltitel unterschiedlicher Marktsegmente zu sehen.