22.05.2009 · Die Ausgangslage bei den Staatsanleihen bleibt hochexplosiv. Wie nervös die Marktteilnehmer deshalb sind, zeigt sich an den hektischen Kursausschlägen. Das zeugt von heftigen Richtungskämpfen zwischen Bullen und Bären.
Die Situation an den Anleihemärkten ist kompliziert und spannend wie selten. Während aktuell wegen der Kreditkrise eindeutig deflationäre Tendenzen vorherrschen, haben Skeptiker wegen der expansiven Geldpolitik und der teuren Konjunkturprogramme langfristig Angst vor Inflation. Der wegen der steigenden Ausgaben zunehmenden Emissionsflut an Staatspapieren steht zudem der Wille der Notenbank entgegen, im Notfall selbst Staatsanleihen einzukaufen.
Bei so vielen widersprüchlichen Tendenzen ist guter Rat teuer. Wegen der diffizilen Lage sind die Marktakteure hochgradig nervös und durch den heftig ausgetragenen Richtungsstreit kommt es häufig zu außergewöhnlich starken Kursausschlägen. Am Donnerstag beispielweise stieg die Rendite der dreißigjährigen amerikanischen Staatsanleihen gleich um 16 Basispunkte auf 4,31 Prozent. Das ist der höchste Stand seit dem 13. November.
Obwohl auch die Zinsoptimisten gute Argumente auf ihrer Seite haben, haben derzeit ganz offensichtlich die Pessimisten Oberwasser. Schließlich ist der Renditeanstieg seit dem 18. Dezember, als die lang laufenden amerikanischen Staatsanleihen im Tief nur noch 2,53 Prozent abwarfen, ebenfalls steil ausgefallen wie der vorherige Abstieg. Insgesamt schneidet der amerikanische Rentenmarkt damit bisher in diesem Jahr so schlecht ab wie schon seit 1994 nicht mehr.
Emissionsflut und Ratingängste belasten
Auslöser für den am Vortag zu beobachtenden neuerlichen Ausverkauf war die Drohung der Ratingagentur Standard & Poor´s (S&P), die Kreditratings Großbritanniens herabzustufen, falls das Land seine Staatsfinanzen nicht in Ordnung bringt. S&P stufte zunächst den Ausblick für die britischen Kreditratings auf „negativ“ von „stabil“ zurück. Mit einem „Triple-A“-Rating wird Großbritannien derzeit als erstklassiger Schuldner eingestuft.
Beobachter zogen Parallelen zwischen Großbritannien und Amerika. Beide Länder haben ihre Verschuldung erheblich ausgeweitet, um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen. Alleine in diesem Jahr soll sich den Planungen der Regierung zufolge das Staatsdefizit auf 1,84 Billionen Dollar und damit umgerechnet 13 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt belaufen. Vor diesem Hintergrund warnte der Investor Bill Gross, Mitbegründer der Pacific Investment Management Co, in einem Interview vor dem Kauf von amerikanischen Staatsanleihen.
Einen weiteren Grund für die jüngsten Kursverluste sahen Händler in den für die kommende Woche angekündigten Auktionen von amerikanischen Anleihen im Volumen von 101 Milliarden Dollar. Außerdem seien viele Marktteilnehmer enttäuscht gewesen vom Volumen des jüngsten Anleihekaufs durch die amerikanische Notenbank am Berichtstag.
Auch die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist am Freitag mit 3,44 Prozent auf den höchsten Stand seit November gestiegen. Die deutschen und amerikanischen Renten-Futures sind im Gegenzug dazu zuletzt deutlich gefallen. Charttechnisch gesehen ist damit die Lage eigentlich klar. Die neuen Renditehochs in diesem Jahr bedeuten intakte Aufwärtstrends und sprechen zunächst für weiter anziehende Renditen.
Rechnung mit vielen unbekannten Variablen
Allerdings darf auch nicht vergessen werden, dass die Renditen nun in relativ kurzer Zeit schon sehr stark gestiegen sind. Zusammen mit der Tatsache, dass auf dem weiteren Weg nach oben nun etliche Chartwiderstände warten, dürfte den Elan etwas bremsen. Auch werden die Marktteilnehmer vermutlich erst einmal sehen wollen, ob sich die zuletzt gehegten Hoffnungen auf eine konjunkturelle Belebung auch tatsächlich erfüllen werden.
Eine schwer zu prognostizierende Unbekannte bleiben auch mögliche aktive Käufe von Staatsanleihen durch die Notenbank. Als Gegenargument stehen dem vor allem die drastisch wachsenden Haushaltsdefizite gegenüber. Und wenn die Wirtschaft tatsächlich wieder Fuss fassen sollte, könnte dies das gewichtigste Argument für die Renditeentwicklung sein.